Tomasz M. Froelich: „Antideutsche Ressentiments sind in Polen tief verankert“

Schon mehrmals hat Polen Reparationszahlungen von Deutschland für Kriegsschäden gefordert, von der Bundesregierung bisher aber immer eine Absage erhalten. FREILICH hat beim stellvertretenden JA-Bundesvorsitzenden Tomasz Froelich nachgefragt, was es mit den wiederholten Forderungen auf sich hat.

Interview von
21.4.2023
/
3 Minuten Lesezeit
Tomasz M. Froelich: „Antideutsche Ressentiments sind in Polen tief verankert“
Tomasz M. Froelich © AfD

FREILICH: Herr Froelich, warum kommt die polnische Regierung jetzt mit solchen Forderungen um die Ecke?

Tomasz Froelich: Im Herbst finden die Wahlen zum Sejm statt, da lässt sich mit der Forderung nach Reparationen politisch reüssieren. Zudem wird die Kriegssituation in Europa durch globalistische Akteure, die oft von Außen kommen, instrumentalisiert, um bestehende Ressentiments, seien es antideutsche oder antirussische, zu befeuern, da sich so ein Keil zwischen die Völker Europas treiben lässt. Europäische Brüderlichkeit in einer werdenden multipolaren Weltordnung ist nicht in Jedermanns Interesse.

Es fällt auf, dass die polnische Regierung diese Forderungen regelmäßig stellt. Warum?

Antideutsche Ressentiments sind in Polen immer noch tief verankert. Das verleitet leider zu einer Politik von gestern, zu der auch beträchtliche Teile der europäischen Rechten neigen: Man denkt in Kategorien des Kalten Krieges oder gar des 2. Weltkrieges und schafft es oft nicht, die Geschichte dann, wenn es angebracht wäre, mal ruhen zu lassen. Das führt häufig dazu, dass die Völker Europas nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiten – unter Aufsicht von Uncle Sam.

Und schließlich fühlt sich Warschau durch die Politik von Berlin und Brüssel provoziert: Weil Polen seit Jahren eine restriktive Migrationspolitik verfolgt und die linksliberale LGBTIQ-Agenda nicht mitträgt, wird es aus Brüssel regelmäßig mit Rechtsstaatsverfahren und Sanktionen bedroht. Und bei diesen Brüsseler Belehrungen und Bedrohungen spielen deutsche Politiker häufig eine besonders eifrige Rolle. So etwas kommt in Polen nicht gut an. Das rechtfertigt natürlich nicht die Reparationsforderungen, aber es erklärt sie.

Denken alle Polen so? Gibt es polnische Akteure oder Parteien, die eine andere Meinung vertreten?

Die Mehrheit der Polen steht hinter den Reparationsforderungen: Laut einer Umfrage, die im August letzten Jahres durchgeführt wurde, sprechen sich 51,1 Prozent der Polen dafür aus, dass die polnische Regierung Reparationen einfordern sollte, während 41,5 Prozent dagegen sind. Das Land ist in dieser Frage also durchaus gespalten. Ich denke, dass es noch eine Generation dauern wird, bis diese Debatten der Vergangenheit angehören. Unter den Jüngeren ist die Reparationsfrage nicht mehr so akut. Und ausgerechnet in der jüngsten Wählergruppe der 18- bis 29-Jährigen erzielte jüngst die rechtsgerichtete Konfederacja, die in der Außenpolitik einen pragmatischen multivektoralen Ansatz verfolgt, der nicht auf Konfrontation mit den Nachbarn aus ist, in einer Umfrage über 41 Prozent.

Ist diese Forderung auch vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Entwicklungen zu verstehen? Warschau hat Berlin in den letzten Monaten wegen der deutschen Russlandpolitik scharf kritisiert.

Das kann durchaus eine Rolle spielen. Viele Polen sind der Ansicht, dass die deutsche Politik immer noch viel zu russlandfreundlich ausgerichtet sei und der Ukraine nicht ausreichend „helfen“ würde. Sogar das Narrativ, wonach Berlin und Brüssel mit Moskau unter einer Decke stecken würden, ist weit verbreitet. Eine solche Stimmungslage erleichtert die Forderung nach Reparationen. Aus polnischer Sicht halte ich es, vorsichtig ausgedrückt, für keinen Akt staatsmännischer Klugheit, in einer Zeit, in der Krieg in Europa herrscht und Deutsche und Polen unter Energieverteuerung und Inflation leiden, eine Diskussion über Reparationsforderungen zu eröffnen. Wenn man, wie Warschau, Moskau zum Feind hat, ist es nicht ratsam, auch noch eine Front gegen Berlin zu eröffnen.


Zur Person:

Tomasz M. Froelich, Jahrgang 1988, ist gebürtiger Hamburger und arbeitet bei der ID-Fraktion im EU-Parlament. Der studierte Ökonom und Politologe ist zudem seit 2019 stellvertretender JA-Bundesvorsitzender.

Twitter: https://twitter.com/TomaszFroelich