Hohe Preise, unsichere Zukunft: Der Trend zur Selbstversorgung nimmt zu

In Österreich wollen immer weniger Menschen in ihren Gärten Blumen blühen, sondern vielmehr Obst und Gemüse wachsen und gedeihen sehen. Der Trend geht hin zur Selbstversorgung – befeuert wird er auch von den aktuell sehr hohen Lebensmittelpreise, unter denen viele Konsumenten ächzen.

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Hohe Preise, unsichere Zukunft: Der Trend zur Selbstversorgung nimmt zu
Auch auf kleinen Balkonen kann viel wachsen© IMAGO / Westend61

Schon seit Wochen wird in Österreich über zu hohe Lebensmittelpreise diskutiert. Für die immer lauter werdende Debatte ist unter anderem die konstant hohe Inflationsrate in Österreich ausschlaggebend. Während sie nämlich in anderen EU-Ländern wieder sinkt, ist sie laut einer Schnellschätzung der Statistik Austria im April 2023 in Österreich auf 9,8 Prozent gestiegen. Doch das Niveau der Lebensmittelpreise in Österreich ist schon seit Jahren viel höher als in anderen Ländern. Das hat jüngst auch eine Studie von Ökonomen der Österreichischen Nationalbank und der Europäischen Zentralbank gezeigt. Für die Untersuchung hat man sich Supermarktpreise in Deutschland und Österreich für die Jahre 2008 bis 2018 in einem Radius von 60 Kilometern auf beiden Seiten der Grenze angesehen und ermittelt, dass die Preise auf österreichischer Seite im Schnitt um 13 Prozent höher waren. Solche großen Preisunterschiede sollte es in einer Region, die so vernetzt ist, aber schlicht nicht geben, erklärten die Studienautoren.

Viele Österreicher ächzen also zunehmend unter der Inflation und wünschen sich von der Politik endlich Maßnahmen gegen die anhaltende Teuerung. Der sogenannte Lebensmittelgipfel, zu dem die Bundesregierung am Montag geladen hatte, lieferte jedoch keine nennenswerten Ergebnisse. Denn Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will und WKÖ-Handelsobmann Rainer Trefelik sahen die Schuld für hohe Preise in den Kosten für Energie, Miete und Steuern und nicht in der Branche. Als erste kleine Maßnahme kündigte Will lediglich an, dass der Handelsverband auf mehr Transparenz setzen wolle. Die 20 bis 30 günstigsten Eigenmarken-Produkte wollen die einzelnen Anbieter künftig auf ihren Websites und im Geschäft ausweisen und die Preise an das Sozialministerium monatlich melden.

Keine Preissenkung in Sicht

Was kann man als Verbraucher nun also tun? Ein Teil der Bürger nimmt die Sache selbst in die Hand und tritt den hohen Lebensmittelpreisen durch Selbstversorgung entgegen. Wie eine im Februar vom digitalen Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marktagent in Kooperation mit REGAL durchgeführte Studie ergeben hat, zeigt sich beim veränderten Kaufverhalten zwar, dass die meisten Konsumenten auf Süßigkeiten (32,2 Prozent), Fleisch und Wurstprodukte (28,9 Prozent), Fisch und Meeresfrüchte (28,1 Prozent), alkoholische Getränke (27,1 Prozent) und Fertiggerichte (24 Prozent) verzichten, um Geld zu sparen. Doch immerhin 13,6 Prozent gaben auch an, dass sie etwa weniger Obst und Gemüse kaufen. Und genau hier kann jeder Einzelne selbst ansetzen.


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Wer über einen Garten, eine Terrasse oder einen Balkon verfügt, hat schon einmal eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, um sich selbst zu versorgen. Denn Kräuter, Tomaten, Salate, Gurken, Radieschen, Erdbeeren oder sogar kleine Obstbäume haben in diesen Außenbereichen leicht Platz. Selbst wenn man also nur einen kleinen Balkon zur Verfügung hat, kann man sich bis zu einem gewissen Grad gut selbst versorgen und spart damit auf lange Sicht Geld. Zwar liefern einige wenige Pflanzen am Balkon, auf der Terrasse oder im Garten wahrscheinlich keine Unmengen an Erträgen; laut einer im März vom Gartengerätehersteller Gardena in Auftrag gegebenen Studie konnten die 509 Befragten durch selbst angebautes Obst und Gemüse im Sommer aber immerhin rund 33 Prozent ihres Gesamtbedarfs decken. Zudem nutzten 27 Prozent auch die Möglichkeit, aus ihrem Obst- und Gemüseanbau Vorräte anzulegen.

Regionalität als wichtiger Aspekt bei der Selbstversorgung

Zu der Gruppe der Selbstversorger zählt auch Theresa S., Universitätsassistentin aus Leoben. Sie selbst ist in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen und war es daher gewohnt, stets frisches Gemüse und Kräuter direkt aus dem Garten beziehen zu können. „Was die ersten 'Pflanzerl' waren, die ich als Kind gehegt und gepflegt habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, dafür war ich zu jung“, erklärte sie gegenüber FREILICH. Während ihrer Studienzeit musste sie dann aber oft auf Angebote aus dem Supermarkt und später auf jene von Bauernmärkten zurückgreifen. Zur Selbstversorgung kam sie später über sogenannte „urban gardening“-Projekte. In Mörtelkisten wurden zunächst also Salat und Gemüse angebaut, dann kamen Kräuter dazu. Durch das Gärtnern wollte sie ihren Bedarf an frischen, gesunden und pestizidfreien Lebensmitteln decken. Nach dem Motto „In einen Sportwagen tankt man keinen schlechten Sprit“, habe sie sich außerdem schon seit jeher gesund ernährt, erklärt S. „Und zu eben dieser gesunden Ernährung zählt für mich ebenso die Regionalität.“

Beim Thema Selbstversorgung ist jedoch auch einiges zu beachten. „Meiner Meinung nach ist es wichtig zu bedenken, dass die Uhren in der Selbstversorgung teilweise anders ticken, als man es im herkömmlichen Leben gewöhnt ist. Es kann mitunter länger dauern, um an Leistungen und/oder Produkte zu gelangen“, erklärt die Universitätsassistentin. Die Gründe dafür sind die Abhängigkeit von Mensch, Jahreszeit und Verfügbarkeit. Neben Pflanzenschädlingen ist auch die Pflege ein Aspekt, der man viel Aufmerksamkeit schenken sollte. So sollte man bedenken, dass die Pflege des Heimgartens einer gewissen Zeit bedarf und man für Phasen der Abwesenheit eventuell jemanden mit grünem Daumen zur Hand haben sollte, der sich in dieser Zeit um die Pflanzen kümmert.

Besonders wichtig ist beim Thema Selbstversorgung aber das Netzwerk, das man sich aufbaut, wie S. erklärt. Im besten Fall kennt man viele Menschen, die unterschiedliche Produkte erzeugen und unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Denn ein Netzwerk an Menschen mit unterschiedlichen Talenten ermöglicht, dass jede Person ihre Fähigkeiten einsetzt und somit einen wertvollen Beitrag an das Netzwerk abgibt. „Eine Person mit großem Garten etwa hat die Kapazität, Platz für Leute anzubieten, die zum Beispiel für große Pflanzensorten keinen Platz auf ihrem Balkon haben. Während jemand anderes im Netzwerk seine handwerklichen Fähigkeiten beisteuern kann“, erklärt S. In letzter Konsequenz bedeutet das aber auch, dass man als Selbstversorger niemals alleine überstehen kann.

Anbau auf engstem Raum

Der Trend zur Selbstversorgung könnte sich, wie aktuelle Zahlen aus der Steiermark nahelegen, also weiter fortsetzen. „Wir haben sicher bei dem Ganzen, was unter ‚essbar‘ fällt, einen zweistelligen, sogar bis 20-prozentigen Zuwachs“, erklärte etwa Ferdinand Lienhart, Obmann der steirischen Gärtner und Baumschulen. Laut Lienhart ist aber nicht nur die Preissteigerung im Handel Grund für die aktuellen Zuwächse, auch das Bewusstsein für Ernährung und Regionalität habe sich geändert. „Das Interesse der Leute, selbst irgendwas zu produzieren, ist ganz extrem aufgeflackert mit der Pandemie – und das zieht sich jetzt durch. Die Leute sind bemüht, auch auf engstem Raum am Balkon, auf der Terrasse wenigstens irgendetwas an Lebensmitteln zu produzieren“, so Lienhart. Auch die Umfrageteilnehmer der Gardena-Studie gaben nicht nur die Teuerung als Grund für den Schritt in die Selbstversorgung an. Ein großer Teil der Befragten erklärte, dass Obst, Gemüse und Kräuter aus eigenem Anbau einfach besser schmecken. Viele wollen sich außerdem einfach sicher sein, dass beim Anbau auf Düngemittel und Pestizide verzichtet wurde, und dass die Ernährung dem Saisonkalender entspricht. Das geht mit Eigenanbau am besten.

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