Europäische Denkfabrik ECFR

Multipolare Weltordnung ist unvermeidlich

Bisher hatten vor allem russische und chinesische Vordenker eine künftige „multipolare“ Weltordnung nach dem Ende der westlichen Dominanz prophezeit. Jetzt sehen es offenbar auch die ersten westlichen Thinktank ein. Gleichzeitig können sie sich nicht länger der Tatsache verschließen, dass der Westen global immer mehr ins Abseits abdriftet.

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Multipolare Weltordnung ist unvermeidlich
EU-Parlament© Steven Lek, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Bild zugeschnitten)

Berlin. - Eine aktuelle Studie der von der EU finanzierten Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) trägt den bezeichnenden Titel: „Der Westen vereint, vom Rest getrennt: Die weltweite öffentliche Meinung ein Jahr nach Russlands Krieg gegen die Ukraine“. Die Kernaussage: Europa und die USA nähern sich zwar vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges immer mehr an, entfremden sich aber gleichzeitig zunehmend vom Rest der Welt. Der Krieg in der Ukraine markiere „die Entstehung der seit langem angekündigten post-westlichen internationalen Ordnung“.

Selbst wenn die Ukraine den Krieg irgendwie gewinnen sollte (!), heißt es in der Untersuchung, sei es „höchst unwahrscheinlich“, dass eine liberale Weltordnung unter Führung der USA wiederhergestellt wird. Stattdessen „wird der Westen als ein Pol einer multipolaren Welt leben müssen“.

Westen konnte Großmächte nicht überzeugen

Die Studie hat aber noch mehr ernüchternde Erkenntnisse parat. So sei es dem Westen nicht gelungen, andere Großmächte wie China, Indien oder die Türkei von ihrer Position zu überzeugen. Sie sehen Moskau vielmehr als strategischen „Verbündeten“ und „unverzichtbaren Partner“ für ihr Land. „Das Paradoxe am Krieg in der Ukraine ist, dass der Westen sowohl geeinter als auch weniger einflussreich in der Welt ist als je zuvor“, meint der Direktor des ECFR und Mitverfasser des Berichts, der britische Politikwissenschaftler und Autor Mark Leonard. Der Ukraine-Konflikt könnte ein Wendepunkt sein, der das Entstehen einer „post-westlichen“ Weltordnung markiert, meinen schon seit geraumer Zeit auch die Denkfabrik-Experten Leonard und der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Damit bestätigt die Untersuchung die Ergebnisse einer weiteren Studie, die vom Bennett Institute for Public Policy der Universität Cambridge im Oktober 2022 durchgeführt wurde. Sie stützt sich auf Daten aus 137 Ländern, die 97 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Einerseits seien zwar Länder mit höherem Einkommen in Südamerika, im asiatisch-pazifischen Raum und in Osteuropa pro-amerikanischer geworden. Allerdings beobachte man „in einer großen Bandbreite von Ländern, die sich vom eurasischen Kontinent bis in den Norden und Westen Afrikas erstrecken, das Gegenteil“: diese Gesellschaften hätten sich „im Laufe des vergangenen Jahrzehnts China und Russland angenähert “. Erstmals lägen China und Russland in ihrer Beliebtheit bei den Entwicklungsländern knapp vor den USA – und damit bei der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung.

Forderung nach einer multipolaren Welt

In Fragen der Geopolitik sprechen Russland und China zunehmend dieselbe Sprache. Beide fordern eine multipolare Welt, kritisieren die aggressive Außenpolitik Washingtons und sehen im Ukrainekrieg nicht nur einen regionalen Konflikt, sondern einen Kampf um die künftige Weltordnung. Und: mit dieser Einschätzung stehen Moskau und Peking nicht allein. Der Großteil der restlichen Welt schließt sich ihrer Einschätzung an.

Dieses Stimmungsbild zeichnete sich spätestens seit Beginn des Krieges in der Ukraine ab: nur 33 Staaten haben Sanktionen gegen Russland verhängt und schicken Militärhilfe an die Ukraine. Sie machen nur etwas mehr als ein Achtel der Weltbevölkerung aus. Abgesehen von USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich, der EU und Australien sind darunter nur zwei asiatische Länder: Japan und Südkorea. 90 Prozent aller Länder machen hingegen nicht mit. Mit seiner Sanktionspolitik und seinem harschen antirussischen Kurs ist der Westen Opfer seiner eigenen Abseitsfalle geworden.

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