Klaus Kunze empfiehlt fünf Bücher, die für immer prägen

Für viele gilt das Buch immer noch als Allheilmittel für alle Lebenslagen und Gemütszustände. FREILICH-Redakteur Mike Gutsing sagt: Mehr davon! Deshalb sammelt er für FREILICH in einer Sonderreihe die Lieblingsbücher verschiedener konservativer und rechter Akteure und lässt sie vorstellen. Am heutigen Mittwoch stellt der Publizist Klaus Kunze fünf Bücher vor, die einen prägen.

Kommentar von
20.12.2023
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6 Minuten Lesezeit
Klaus Kunze empfiehlt fünf Bücher, die für immer prägen
© Klaus Kunze

Das innere Gesetz, nach dem wir antreten, geben wir uns selbst. Es gibt keine Freiheit ohne diese normative Selbstbestimmung. Auf dem Weg zu ihr können Bücher hilfreich sein. „Γνῶθι σεαυτόν!“, stand am Apollotempel von Delphi: „Erkenne dich selbst!“. Am besten erkennt man einen Menschen inmitten seiner geliebten Bücher. Doch liebt er sie, weil sie von Anfang an seinem tiefsten Selbst entsprachen, oder haben umgekehrt erst die Bücher ihn dazu gemacht, was er jetzt ist?

Vielleicht ist es ein wechselseitiger Prozess. Gebeten, über meine fünf wichtigsten Bücher zu schreiben, muss ich die Unbelangbarkeit des neutralen Beobachters aufgeben und vieles von mir selbst preisgeben. Da mag sich einer mir dann geistesverwandt fühlen oder auch nicht, wenn er mich schon als Neunjähriger in Schmetterlingsbüchern lesen sieht, denen bald Werke des Verhaltensforschers Konrad Lorenz und anderer Biologen folgten. Lange bevor irgendjemand etwas von einem „Sein an sich“ erzählen oder andere Flausen wie Erbschuld oder Erlösung in den Kopf setzen konnte, dachte ich bereits durch und durch empirisch und naturwissenschaftlich. Bei jeder Eigenschaft eines Lebewesens fragte ich mit Konrad Lorenz: „In welcher Weise dient sie der Arterhaltung?“.

Konrad Lorenz – Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

Während Mitschüler neugierig in der Mao-Bibel blätterten und sich ideologisch aufrüsteten, führte mich der Weg über die Sinnesphysiologie geradewegs zur Erkenntnistheorie: Ist real, was wir wahrnehmen? Konrad Lorenz (1903-1989) hat es mir beantwortet: Unser Wahrnehmungsapparat ist genetisch nicht auf Halluzinationen ausgelegt, sondern auf das richtige Erkennen unserer wirklich vorhandenen Umgebung. Die Existenz unserer Augen wäre unerklärlich, wenn alles Gesehene nur Illusion wäre.

Seine geistige Summe fasste Konrad Lorenz zusammen in einem dtv-Sammelbändchen Vom Weltbild des Verhaltensforschers mit Aufsätzen aus den Jahren 1942-1959. Als eines meiner fünf wichtigsten Bücher aber sehe ich an seine 1973 erschienene Mahnung Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Er beschreibt diese als strukturelle Funktionsstörungen lebender Systeme. Das gibt uns bis heute den Schlüssel zum zusammenhängenden Verständnis vieler unserer aktuellen Probleme. Diese „Sünden“ sind die Überbevölkerung, die Verwüstung des Lebensraumes, der Wettlauf mit uns selbst, der Wärmetod des Gefühls, der genetische Verfall, das Abreißen der Tradition, die Indoktrinierbarkeit durch Ideologien und die Gefahr menschlicher Selbstvernichtung durch Kriege, insbesondere durch Kernwaffen.

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Thukydides – Der Peloponnesische Krieg

Ein naturwissenschaftlich fundiertes, also realistisches Welt- und Menschenverständnis bildet das Fundament, ohne dass man sich nur allzu leicht durch ideologische Schwärmereien in die Irre leiten lassen könnte. Mit gnadenlos realistischem Blick hatte der Athener Thukydides (um 454-399 v. Chr.) die Geschichte des Peloponnesischen Krieges beschrieben. Er ist ein Urvater aller kritischen Geschichtswissenschaft. Neben Homer, Platon und anderen lasen wir ihn einst im Griechischunterricht, als in Deutschland noch Bildung vermittelt wurde.

In jenem Krieg unterlag nach Jahrzehnten das demokratische Athen dem konservativen Sparta. Als Seemacht eroberte es Insel um Insel und Stadt um Stadt, zwang die Unterworfenen zur demokratischen Staatsform und erlegte ihnen hohe Kriegssteuern auf. Wer sich nicht fügte wie die Melier, wurde getötet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Thukydides zitiert die wesentlichen Dialoge, wie den zwischen den Athenern und den Meliern. Die Melier beriefen sich auf die Götter: Diese befahlen, sie sollten ihrer Mutterstadt Sparta treu bleiben.

Die Athener konterten nüchtern: Die Götter hätten die Welt und die Menschen gemacht, wie sie sind, und sie seien halt so, dass immer der Stärkere dem Schwächeren den Willen aufzwinge. Schon als Schüler verblüfften mich die Parallelen zu dem Vorgehen der „demokratischen“ Seemächte USA und England gegenüber Landmächten wie der damaligen Sowjetunion und vormals auch Deutschland. Dass Machtstreben immer von ideologischen Rechtfertigungen „höherer Art“ begleitet wird, schuf mir einen Schlüssel zum Verständnis von Ideologien und ihrer sozialen Funktion.

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Michel de Montaigne – Essais

Je pompöser das Gehabe eines Glaubenspredigers, desto mehr lädt es zur Skepsis ein, wenn nicht zu subtilem Spott. Die verwehten Spuren antiker Skeptiker verbreiterte der Franzose Michel de Montaigne (1533-1592) in seinem Buch Essais zu einem zukunftsweisenden Pfad. Er verglich die antiken und zeitgenössischen Völker und Kulturen miteinander und erkannte ihre Mannigfaltigkeit. Dadurch relativierte er alle ideologischen und religiösen Ansprüche und durchschaute sie als modebedingt. Ohne offen die drohende Inquisition herauszufordern, lehrte er einen grundlegenden Skeptizismus, der für sich allein schon genügt, auch alle heutigen ideologischen Machtansprüche infrage zu stellen.

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Max Stirner – Der Einzige und sein Eigentum

Wie man ideologiebasierte Macht delegitimiert, wusste Max Stirner (1806-1856). Fachphilosophisch gilt er als Banause. Und doch hat er in seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum die Aufklärung bis zu ihrem konsequenten Endpunkt durchdacht. Auf ihm bauen wiederum so heterogene Geister auf wie Friedrich Nietzsche und fundamentalistische Autonome. Er versetzte sämtlichen christlich oder humanitaristisch inspirierten Trugbildern den intellektuellen Todesstoß: „Ich soll? – Warum eigentlich?“ Stirner gehorcht Befehlen realer Menschen, bestreitet aber radikal die Geltung von Geboten und moralischen Anweisungen „höherer Art“. Seine Philosophie macht frei von moralistischer oder religiöser Gängelung. „Da oben“, impliziert sie, „ist eben kein Jemand“, der uns etwas zu befehlen hätte.

Damit öffnet sich die Perspektive hin zu naturwissenschaftlichen, aber auch zu soziologischen Fragen. Nicht „Was sollen wir tun?“, lautet für einen freien Menschen die Frage, sondern: Warum suchen viele Menschen den Sinn des Lebens in irgendwelchen metaphysischen Schubladen, statt ihrem Leben selbst einen zu geben? Warum schaffen sich die für sie geltende Moral nicht eigenverantwortlich? Welche arterhaltende Funktion mag die Sucht nach moralischem Gehorsam haben? Sind Gesellschaften mit moralischer Konformität vielleicht stabiler und erfolgreicher?

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Panajotis Kondylis – Macht und Entscheidung

Max Stirner räumt ein, dass seine Macht sich im Verein mit anderen Menschen vervielfacht. Der Philosoph Panajotis Kondylis (1943-1998) kannte sie alle, Lorenz, Thukydides, Stirner, ja die gesamte philosophische Literatur. In seinem Werk Macht und Entscheidung bezeichnet er alle Ideologien als Ausdruck individuellen Machtstrebens. Um zu herrschen, muss man sich auf das Walten „höherer“ Gesetze berufen, als deren bescheidener oberster Prophet, Richter und gegebenenfalls Vollstrecker man auftritt. Jede angeblich höhere Norm enthält einen Machtanspruch dessen, der sie verkündet.

Kondylis zufolge drückt sich in solchen Denkbemühungen immer eine konkrete Konfliktlage aus. Wir sollen brav gehorchen, doch - warum eigentlich? Selbst denken macht frei!

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Zur Person:

Klaus Kunze ist Rechtsanwalt und politischer Publizist. Er schreibt für die Zeitschrift „wir selbst“.


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