Landtagswahl in Niederösterreich:
Opferschutz vor Täterschutz

Verändert die Tat in Illerkirchberg die Debatte?

Das Debattenklima in Deutschland beginnt sich langsam zu wandeln. Vielen wird jetzt klar: Opferschutz muss immer vor dem Täterschutz stehen.

Kommentar von Julian Marius Plutz
16.12.2022
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3 Minuten Lesezeit
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Verändert die Tat in Illerkirchberg die Debatte?
Ärmelwappen der Polizei Baden-WürttembergHenning Schlottmann (User:H-stt), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es gibt Ereignisse, die die Debatten verändern, weil sie präzedenzlos sind. So etwas gab es noch nie. Der 11. September 2001 zum Beispiel. Und dann gibt es Ereignisse, die in ihrer Bildhaftigkeit präzedenzlos sind. Nicht unbedingt, weil sie bis dato einmalig gewesen sind, sondern weil die emotionalen und mentalen Auswirkungen auf die Gesellschaft ein Vielfaches höher sind als bei vorherigen Taten. So war es bei der Tat um die 14jährige Ece S., die am 5. Dezember von einem Asylbewerber aus Eritrea ermordet wurde.

Ich wage es kaum zu schreiben, aber wenn die Tat etwas “Gutes” hat, dann die Tatsache, dass in Teilen dieser Gesellschaft offener über die Probleme geredet wird. Mein Eindruck geht in diese Richtung. Einen Tag nach der Tat veranstaltete ich gemeinsam mit Anabel Schunke einen Twitter Space. Spaces sind eine Art Radiosendung, bei der sich jeder Nutzer beteiligen kann. Die Reaktion während der Sendung war beeindruckend. Ich habe selten erlebt, dass viele uns schreiben und sich zu Wort meldeten und ihr Mitgefühl, aber auch ihre Angst mitteilten. Gerade von Eltern.

Hauptsache die Haltung wurde gezeigt

Die Menschen haben Befürchtungen, dass auch ihren Kindern so etwas widerfährt. Und die Angst ist berechtigt. Schaut man sich die polizeilichen Kriminalstatistiken (PKS) an, von Brandenburg bis Baden-Württemberg, so kennt die Zahl “Attacke mit Messer” vor allem eines: Den Pfeil nach oben. Manche Politiker scheinen den Ernst der Lage erkannt zu haben. Für andere scheint die Tat von Illerkirchberg nicht ins Narrativ zu passen.

Als es im Oktober bei einem Asylbewerberheim bei Wismar brannte, war Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) stante pede vor Ort. Gottlob wurde hier niemand ernsthaft verletzt. Da aber Frau Faeser und Konsorten vermuteten, Rechtsextreme hätten das Feuer gelegt, musste die Ministerin “Haltung zeigen”, was auch immer das bedeutet. Wochen später wurde der Täter schließlich überführt. Bei dem Feuerteufel handelte es sich um einen Feuerwehrmann, der keinerlei politische Motive im Sinn hatte.

Es geht nicht um “Instrumentalisierung von Rechts”

Als die Leiche der 14-jährigen Ece in Illerkirchberg beerdigt wurde, waren mehr als zweitausend Menschen vor Ort. Nancy Faeser jedoch fehlte. Da das Mädchen eine türkische Alevitin war, besuchte auch der türkische Botschafter die Trauerfeier. Von der Bundespolitik ließ sich jedoch niemand sehen. Eine Politik, die sonst immer von “Moral” und “Haltung” spricht, lässt in diesem Moment beides vermissen. Die Hierarchie der Opfer entfaltet auch hier ihre Niedertracht.

Politische Reflexe auf der linken Seite sind inzwischen soweit pervertiert, dass sie wie der konditionierte pawlowsche Hund funktionieren. Wäre der Täter ein Deutscher, rechtsextrem dazu, hätte die Debatte in der Politik eine ganz andere Dynamik. Es handelt sich eben nicht um eine “Instrumentalisierung von Rechts”. Welcher waschechte Nazi würde sich denn sonst um den Tod einer Türkin scheren?

Die Gesellschaft ist indes weiter. Die Scheuklappen beginnen zu fallen, während die herrschende Politik von SPD den woken Zeitgeist in einem synodischen Eifer vor sich herträgt, dass man meinen könnte, man befände sich inmitten der Lichterprozession in Altötting. Doch der Wind scheint sich langsam zu drehen.

Ein Land muss seine schwächsten Bürger schützen

Während Täterschutz in Deutschland ein atemberaubend hohes Gut zu sein scheint, ist man beim Opferschutz eher großzügig. Unvergessen die scharfe Kritik der Angehörigen der Opfer vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz, als zur Weihnachtszeit 2016 ein radikaler Moslem 13 Menschen umgebracht hatte. Die Hinterbliebenen fühlten sich von der Politik über Jahre alleine gelassen und wenig ernst genommen.

Nach einem Anschlag müssen das Opfer und die Angehörigen im Fokus stehen. Mitgefühl ist die Pflicht für jeden, der sich zu einer gesunden Gesellschaft zugehörig fühlt. Für Mitleid mit dem Täter ist keine Zeit und eine psychische Erkrankung kann keine Entschuldigung sein. Am 5. Dezember ist etwas passiert, was nie hätte passieren dürfen. Ein Land, das seine Schwächsten, die Kinder, nicht schützt, droht auseinanderzubrechen. Die Menschen werden sich dieses multiple Versagen nicht auf Dauer gefallen lassen.


Zur Person:

Julian Marius Plutz, 1987 geboren, ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die Achse des Guten, TheGermanZ und die Jüdische Rundschau.