Seit Monaten in der Gewalt der Taliban: Familie kämpft um die Freilassung von Herbert Fritz

Der österreichische Autor und Nahostexperte Herbert Fritz ist seit mehreren Monaten in Kabul inhaftiert. Seine Familie hat sich mittlerweile an die Öffentlichkeit gewandt, weil sie das Vertrauen in die Bemühungen des Außenministeriums verloren hat.

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Seit Monaten in der Gewalt der Taliban: Familie kämpft um die Freilassung von Herbert Fritz
Herbert Fritz wird bereits seit mehreren Monaten in einem Gefängnis in Kabul festgehalten.© Screenshot OpenPetition

Kabul. – Der 84-jährige Herbert Fritz wurde am 19. Mai in Kabul, Afghanistan, von der Taliban entführt und in das Gefängnis des Auslandsgeheimdienstes „Reyast 40“ verschleppt. Dort sitzt er nun laut Angaben seiner Familie seit fast sieben Monaten unter unmenschlichen Bedingungen unschuldig in Haft. Dem österreichischen Außenministerium ist es bisher nicht gelungen, die Freilassung des Entführungsopfers zu verhandeln. „Herr F. ist trotz der seit Jahrzehnten bestehenden Reisewarnung im Mai nach Afghanistan gereist und wurde dort festgenommen. Wie den Reisehinweisen des Außenministeriums zu entnehmen ist, sind konsularische Hilfsleistungen in Afghanistan selbstredend nur sehr beschränkt möglich“, erklärte das österreichische Außenministerium gegenüber FREILICH. In der Antwort des Außenministeriums hieß es weiter, dass man sich seit dem Bekanntwerden der Verhaftung gemeinsam mit seinen Partnern intensiv um eine Freilassung bemühe. Mit der Familie von Fritz stehe man in laufendem Kontakt, zuletzt Mitte November. Außerdem haben man über die österreichische Botschaft in Pakistan mehrmals Medikamentensendungen weitergeleitet. Weitere Details zu dem Fall könne man nicht bekanntgeben.

„Unser Vater wird nicht als politischer Gefangener behandelt“

Dennoch haben sich die Töchter des Mannes, Sigrid K. und Gudrun E., sowie der Bruder, Werner Fritz, nun an die Öffentlichkeit gewandt, weil sie das Vertrauen in die Bemühungen des Außenministeriums verloren haben und auf die brisante Situation ihres Vaters, Bruders und Großvaters aufmerksam machen wollen. „Wir haben dem Außenministerium lange vertraut und auf Freilassung gehofft“, sagten die beiden Töchter von Herbert Fritz gegenüber unzensuriert. Doch nun würden sie sich an die Öffentlichkeit wenden, weil sie das Gefühl hätten, dass ihr Vater von der österreichischen Regierung nicht als politischer Gefangener behandelt werde, obwohl er in Afghanistan als solcher anerkannt sei. Man wolle nun öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Österreich ausüben, damit diese den afghanischen Behörden statt konsularischer Interventionen endlich Verhandlungen anbieten.

Den letzten Kontakt zu ihrem Vater hatte Sigrid K. am 24. September. In dem kurzen Telefonat musste sie feststellen, dass Hilfslieferungen wie dringend benötigte Medikamente zur Blutverdünnung nicht ankommen, das Hörgerät kaputt sei und ihr Vater ohne dieses bald taub sein könnte.

Mithäftling schildert unmenschliche Haftbedingungen

Der Autor und Nahostexperte war zu Recherchezwecken für ein neues Buch nach Afghanistan gereist. Die Verwandten nehmen an, dass Fritz vom afghanischen Geheimdienst bereits erwartet wurde. Mutmaßlich werden ihm Spionage beziehungsweise staatsfeindliche Aktivitäten vorgeworfen. Genaues weiß man nicht. Die Teilnahme am „2. Wiener Intra-Afghanistan-Treffen“ am 26. April im „Bruno Kreisky Forum“ dürfte Fritz zum Verhängnis geworden sein. Bei dieser Veranstaltung unterhielten sich afghanische Oppositionskräfte über das politische Vorgehen in ihrem Land. Bei dieser Gelegenheit hatte Herbert Fritz ein gemeinsames Foto mit Oppositionsführer Ahmad Schah Massoud gemacht. Dieses Foto auf Fritz‘ Mobiltelefon dürfte bei einer Anhaltung und Überprüfung entdeckt worden sein.

Ein Mithäftling von Herbert Fritz, der Brite Kevin Cornwell, der für die NGO Iqarus die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung in Krisengebieten sicherstellen sollte und ebenfalls entführt und inhaftiert worden war, wurde vor wenigen Wochen nach Verhandlungen seiner Regierung freigelassen. In einem Kommentar unter einer bereits zweiten Petition, die die Freilassung von Fritz fordert, beschreibt er die unmenschlichen Haftbedingungen, denen der 84-Jährige ausgesetzt war und vermutlich immer noch ist: „Er hatte keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, wenn er sie benötigte, und durfte sich nicht länger als 20 Minuten pro Monat mit Handschellen und Kapuze im Freien aufhalten.“ Bei seiner Ankunft sei Fritz misshandelt worden, weil er Fotos mit der Nordallianz, einem Bündnis gegen die Taliban, auf seinem Handy hatte. Aufgrund des sehr einfachen Essens, das Fritz im Gefängnis bekomme, habe er bereits viel Gewicht verloren und leide wahrscheinlich bereits an Symptomen von Unterernährung, so Cornwell. Außerdem sei sein Blutdruck gefährlich hoch, werde aber von den Taliban-Ärzten nicht ausreichend behandelt.

Petition und Mahnwache

Eine erste Petition, die am 15.11.2023 gestartet wurde, hat bereits 578 Unterstützer (Stand 23.11.2023). In einer zweiten Petition, die wenige Tage später von einer der Töchter gestartet wurde, wird das österreichische Außenministerium aufgefordert, alle diplomatischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Freilassung von Herbert Fritz zu erreichen. Um weiter auf den Fall aufmerksam zu machen, findet am heutigen Donnerstag von 15 bis 17 Uhr eine Mahnwache zwischen dem Sitz des Bundespräsidenten, der Hofburg, und des Bundeskanzleramts statt.