Unterschiede und Parallelen

Die Kriege im Irak und in der Ukraine

In seinem Kommentar hält der Historiker Gert Bachmann fest, dass Russland derart lange Grenzen zur Ukraine hat, dass es dem Angreifer scheinbar schwergefallen ist, einen Schwerpunkt für die Offensive festzulegen und sich die Vielzahl an Möglichkeiten vermutlich negativ auf den Kriegsverlauf ausgewirkt ausgewirkt hat.

Kommentar von
24.3.2023
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3 Minuten Lesezeit
Die Kriege im Irak und in der Ukraine
Gert Bachmann

20. März 2003: Der Himmel über Bagdad bot für die westlichen Fernsehzuschauer ein ähnliches Bild wie bereits 1991. „Shock and Awe“ erfüllten ihre propagandistische Pflicht ebenso wie die Männer auf den Kriegsschiffen der US Navy, von wo der Marschflugkörperhagel aus abgefeuert wurde. Inspiriert durch „Deimos“ – Schrecken – und „Phobos“ – Furcht – die Söhne des Ares.

Eine Viertel Million Männer bemannten stählerne Ungetüme zu Boden und in der Luft, um ihre infernalische Wirkung auf den Feind zu entfalten. M1 Abrams Kampfpanzer, M2 Bradley Schützenpanzer, AH64 Apache Kampfhubschrauber, Flotten von F15, F16, A10, B52, B1 usw., unterstützt durch die größte britische Expeditionsstreitkraft seit dem Zweiten Weltkrieg, ausgestattet mit Challenger, Warriors und Co. Zusammengedrängt im kleinen Aufmarschgebiet Kuwait, was die gleichzeitige Entfaltung von Offensivkräften am Boden und in der Luft notwendig gemacht hat. Das war nun anders als 1991, denn zu groß wäre das Risiko einer derartigen Truppenkonzentration auf so kleinem Raum gewesen. Wochenlange Feuervorbereitung aus der Luft hätte den Frontbalkon zur dankbaren Zielscheibe für das Gegenfeuer gemacht.

Unterschied und Parallele

Das ist Unterschied und Parallele zugleich zur russischen Offensive gegen die Ukraine. Russland hat derart lange Grenzen zur Ukraine, dass es scheinbar schwergefallen ist, einen Schwerpunkt für die Offensive festzulegen. Die umgekehrte Form des Grundsatzes von Friedrich dem Großen „Wer alles verteidigt, verteidigt nichts“: Wer alles angreift, attackiert nichts. Die Vorstöße entfalteten sich an der gesamten Frontlänge gleichzeitig und kamen schließlich zum Liegen. Erst im Anschluss wurde eine Umgruppierung vorgenommen und als erstes Ziel die Eroberung der Schwarzmeerküste und des Donbass gesetzt. Die Vielzahl an Möglichkeiten hat sich vermutlich negativ ausgewirkt, und dies in Kombination mit dem Fehlen der klassischen russischen Dampfwalze. Die Parallele bildet der gleichzeitige offensive Einsatz am Boden und in der Luft, vermutlich inspiriert durch die USA im Irak oder dem Wunsch, rasch vollendete Tatsachen zu schaffen. Gezielte russische Luftschläge gegen strategische Infrastruktur des ukrainischen Hinterlandes fanden allerdings erst zeitlich verschoben statt. Zudem muss der Unterschied an Möglichkeiten des Einsatzes intelligenter Munition berücksichtigt werden.

Die 3. Mechanisierte Infanteriedivision, die 101. Luftlandedivision und das Marineinfanterie-Expeditions-Korps drangen innerhalb von drei Wochen Richtung Bagdad vor, während das britische Expeditions-Korps die Eroberung von Basra und seinem Umland bewerkstelligen musste. Entgegen der ursprünglichen Planung bildete die US Army den rechten Vorstoß und die Marines den linken Flügel, wo eigentlich die Briten vorgesehen waren. Die nächste Änderung in der Planung betraf die Umlenkung der 4. Mechanisierten Infanteriedivision. Das türkische Parlament widerrief die Vereinbarung zwischen der Regierung in Istanbul und Washington, über die Türkei eine Nordfront zu eröffnen. So musste diese Division nach Kuwait gelangen und mit Verzögerung nachrücken. Im Norden stand so lediglich die 173. Luftlandebrigade bereit, um den Kessel um die irakischen Truppen zu schließen. Trotz dieser und anderer Schwierigkeiten ging die irakische Armee ohne ordnungsgemäße Kapitulation unter Abgabe der Waffen nach Hause, ähnlich der italienischen im Jahre 1943. Die Kämpfe in Form eines asymmetrischen Krieges gegen Partisanen, Freischärler und Attentäter flammten dann im Laufe des folgenden Sommers auf. Der zivile Statthalter General Garner, der bereits erfolgreiche Gespräche mit den ehemaligen Baath-Offizieren eingeleitet hatte, wurde durch den Bürokraten Paul Bremer ersetzt, der nun einen langen und verlustreichen Krieg einleitete, ganz entsprechend zum Ausspruch Charles DeGaulles im Algerienkrieg: „Die Generäle wollen ein Blutvergießen vermeiden? Warum? Das ist ihr Beruf!“

Raum, Zeit und Material

Während der russische konventionelle Angriff nach Anfangsschwierigkeiten zwar die Krim, den Donbass und die östliche Schwarzmeerküste sichern konnte, nun jedoch ein konventioneller Zermürbungskrieg seinen Fortgang findet, haben die amerikanischen und britischen Kräfte im „Blitzkriegstempo“ den Irak erobert und sahen sich einem zermürbenden unkonventionellen Krieg ausgesetzt. Trotz Versäumnissen während der erfolgreichen konventionellen Phase gelang die schnelle Einnahme des Irak. Das Militär hat diese konventionelle Phase zwar siegreich beendet, die folgende (Besatzungs-)Politik wiederum völlig versagt.

Im konventionellen Zermürbungskrieg zwischen Russland und der Ukraine spielen Raum, Zeit und Material der russischen Seite in die Hände, bei ungleich höheren Verlusten. 8.000 gefallene GIs im Irak stehen laut Schätzungen 100.000 russischen Gefallenen in der Ukraine gegenüber. Jedoch macht es einen Unterschied, ob die Führung einen Präventivkrieg vor der „Haustüre“ führt oder im Mittleren Osten.

Am Ende des Tages bleibt die Lehre vom strategisch notwendigen Krieg mit den falschen taktischen Mitteln und dem strategisch vermeidbaren Krieg mit den richtigen taktischen Mitteln.


Zur Person:

Gert Bachmann, 42-jähriger Historiker mit Interesse an Geo- und Sicherheitspolitik. Trotz Studiums in Wien hat ihn die Heimatstadt Villach nie losgelassen. Das Herz des dreifachen Vaters und ehemaligen FPÖ-Landesparteisekretärs von Oberösterreich schlägt für ein freiheitliches Österreich und ein vitales, freies Europa der Vaterländer.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der Freilich-Redaktion.
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