Ulrich Siegmund (AfD)

„Wir müssen als Partei möglichst viele Plattformen nutzen“

Im Interview mit FREILICH spricht Ulrich Siegmund (AfD) über die Wichtigkeit von Social-Media-Kanälen und wie er auf die Idee gekommen ist, Nutzern politische Themen über TikTok näherzubringen.

Interview von
21.3.2023
/
7 Minuten Lesezeit
„Wir müssen als Partei möglichst viele Plattformen nutzen“
Ulrich Siegmund

FREILICH: Herr Siegmund, können Sie bitte kurz in eigenen Worten zusammenfassen, was Sie aktuell auf Ihren Social Media Kanälen machen?

Ulrich Siegmund: Eine neutrale und faire Berichterstattung findet in den meisten Mainstream-Medien leider nicht statt und unsere inhaltliche Arbeit wird komplett ignoriert. Wir brauchen daher eine Gegenaufklärung der Gesellschaft und müssen hierzu alle anderen Mittel nutzen. Eines dieser Mittel sind die sozialen Medien, worüber sich ungefiltert Inhalte transportieren lassen, sofern hier keine Zensursperre erfolgt (was leider immer häufiger der Fall ist).

Ich versuche also über die sozialen Medien aktuelle politische Vorgänge, Verfehlungen der etablierten Politik sowie unsere eigene Arbeit anschaulich und greifbar darzustellen und damit so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Ziel ist es, dass die Menschen die einseitige Berichterstattung hinterfragen und sich nicht mehr manipulieren lassen.

Mit Erfolg! So sind Sie zum Beispiel auf der Videoplattform TikTok unterwegs. Fast 300.000 Nutzer folgen Ihnen, einzelne Videos haben Millionenaufrufe, fast drei Millionen „Gefällt mir“-Angaben haben Ihre Inhalte erhalten – haben Sie mit solchen Erfolgen gerechnet, als Sie Anfang 2021 mit TikTok und regierungskritischen Videos gestartet sind?

Gerechnet habe ich damit überhaupt nicht, aber ich freue mich sehr, dass meine Inhalte offenbar gut ankommen und viele erreichen. Die Reichweite zeugt ja auch ein Stück weit davon, dass es in unserer Gesellschaft noch viele Menschen gibt, die nicht mit dem einverstanden sind, was hier passiert, die sich eine eigene Meinung bilden möchten und die sich nicht alles gefallen lassen.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, sich bei TikTok zu engagieren? Die Plattform wird derzeit nur von wenigen Politikern genutzt.

Auf der einen Seite möchte ich viele verschiedene Kanäle nutzen, um trotz einer potentiellen Zensur oder einer Sperre weiterhin erreichbar sein zu können, auf der anderen Seite ist TikTok ein genialer Kommunikationskanal, um mit konkreten Botschaften schnell viele Menschen zu erreichen. Natürlich ist eine Interaktionstiefe wie bei YouTube oder Facebook nicht so einfach möglich und auch nicht der Sinn von TikTok. Dies zeigt aber, wie wichtig eine breit gefächerte Kommunikation ist, um auch unterschiedliche Bereiche unserer Gesellschaft anzusprechen.

Jedenfalls hatte mich schon damals das einfache wie effiziente Konzept angesprochen, sodass es einen Versuch wert war. Mein Dank gilt hier auch dem Kollegen im Bundestag, Roger Beckamp, welcher bereits vor mir begonnen hat und mit dem ich damals erste Schritte besprochen habe.

Was macht TikTok für Sie als Politiker so attraktiv und interessant? Sie behandeln in Ihren Videos vor allem aktuelle Themen wie die Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die Wirtschaftskrise. Gibt es Themen, die sich besser für TikTok eignen, und solche, die weniger geeignet sind?

TikTok ist vor allem geeignet, um mit den entscheidenden Inhalten unserer Zeit möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu erreichen. Es geht hier nicht um die inhaltliche Tiefe, das lässt sich über andere Kanäle im Nachgang ermöglichen.

Außerdem lässt sich Politik über TikTok gerade für junge Menschen greifbar und authentisch gestalten, da man sie so mit Themen erreichen kann welche zwar ihr persönliches Leben maßgeblich beeinflussen, worüber sie sich aber ansonsten vielleicht gar keine Gedanken gemacht hätten. 

Auch auf anderen Plattformen wie Facebook gehen ihre Videos viral. Ihr jüngstes Video zur Nord-Stream-Sabotage erhielt bis zu 6.000 „Gefällt mir“-Angaben und wurde über 2.000 Mal geteilt. Mit solchen Zahlen sind Sie anderen populären Politikern wie Sahra Wagenknecht von der Linkspartei dicht auf den Fersen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

(Vorab: die Reichweite dieses Videos hat sich nochmal deutlich erhöht, das war auch für mich sehr bemerkenswert. Das Thema der Nord-Stream-Sprengung bewegt die Menschen offenbar sehr!)

Ehrlich gesagt überrascht mich das selbst häufig. Ich habe eigentlich nur zwei Dinge, die ich beim Dreh von Videos beachte. Ich versuche einfach so zu sein, wie ich bin und mich so auszudrücken, dass jeder Mensch versteht, worum es geht und was ich meine. Weiterhin versuche ich meine Ohren immer auf den Straßen und Markplätzen unseres Landes zu haben, damit ich mich auf Dinge konzentrieren kann, welche die Menschen aktuell wirklich bewegen. 

In der Regel werden rechte und konservative Inhalte im Netz relativ schnell gesperrt, gelöscht oder eingeschränkt. Haben Sie auch mit solchen Problemen zu kämpfen?

Leider schon einige Male. Insbesondere bei Instagram und TikTok ist man schnell gesperrt, wenn zu viele Linke Videos oder Beiträge melden – häufig ist es einfach der empfindliche Algorithmus. Auch bei Facebook ist es schwierig. Bei Twitter und YouTube hingegen hatte ich noch nie Probleme. Dass die meisten Sperren nachträglich, auch teilweise aufgrund juristischer Hilfe, wieder aufgehoben wurden, zeigt aber den vorauseilenden Gehorsam dieser Portale und das Minenfeld, auf welchem man sich bewegt, wenn man Inhalte transportiert, die nicht in den aktuellen Zeitgeist passen.

Sollte sich die AfD als Partei und ihre Mandatsträger angesichts Ihres Erfolges in Social Media stärker auf Social-Media-Plattformen bewegen? Diskutieren Sie solche Ideen mit Parteikollegen? Wie sind die Reaktionen in Ihrem Umfeld?

Wir müssen als Partei definitiv möglichst viele Plattformen nutzen, um auch alle Bereiche unserer Gesellschaft zu erreichen. Wer gern mit Social Media arbeitet, sollte das machen. Ich versuche hier Kollegen meines Umfeldes im Rahmen der Möglichkeiten auch zu unterstützen, zum Beispiel mit gemeinsamen Videos oder Aktionen. Wir sind nur als geschlossene Einheit stark und das sollten sich alle konservativen Kräfte unseres Landes verinnerlichen.

Wichtig ist es aber auch, klassische Komponenten wie Zeitungen, Flyer, Veranstaltungen oder Plakate weiter zu nutzen. Social Media ist zwar sehr bedeutend, aber nur ein Baustein im großen Konstrukt der Öffentlichkeitsarbeit.

Diese Antwort freut uns natürlich als Zeitschrift sehr! Zurück zu Ihrer Antwort: Welche konkreten Vorstellungen oder Forderungen würden Sie an eine Social-Media-Kampagne der AfD haben?

Ich denke, wir machen das als Partei und als Fraktionen schon ziemlich gut, insbesondere wenn ich die Arbeit mit denen anderer politischer Akteure vergleiche. Deshalb ist es entscheidend, weiter zu machen, noch besser zu werden und nicht aufzugeben.

Mir ist vor allem wichtig, dass wir nicht vergessen, woher wir kommen, warum wir angetreten sind und dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Unser Land hat nicht mehr viel Zeit.

Besteht bei einer Fokussierung auf Social Media die Gefahr, sich als Partei oder Politiker in die Logik der Plattformen zu begeben? Manche politischen Themen sind zu komplex, um in kurzen Videos angemessen dargestellt zu werden. Droht also eine Simplifizierung politischer Inhalte? Werden unpopuläre Inhalte von vornherein vermieden, um die Anhängerschaft auf den Plattformen nicht zu verärgern?

Grundsätzlich ist einfach nicht jedes Thema geeignet, um es auf Social Media zu transportieren. Auch wenn es stets einzelne Zielgruppen gibt, denke ich nicht, dass jeder einzelne Punkt der parlamentarischen Sacharbeit für „die große Masse“ interessant ist.

Spezielle Themen lassen sich dann auch besser für nur ebendiese Zielgruppe darstellen, zum Beispiel über die Verbände oder die Darstellung in der Region bei einem regionalen Thema.

Eine Simplifizierung politischer Inhalte finde ich ehrlich gesagt absolut förderlich. Wie viele haben beispielsweise in der Corona-Zeit die fehlende Logik übersehen, weil sie sich durch die komplexe und emotional aufgeladene Berichterstattung haben leiten lassen?

Auch bei anderen Themen würde eine Simplifizierung dazu führen, dass mehr Menschen politisch teilhaben können. Die komplexen Fragestellungen zur Ergebnisfindung werden ohnehin an anderer Stelle geführt, zum Beispiel in den Ausschüssen.

Die Gefahr, sich in die Logik der Plattformen zu begeben, besteht natürlich. Politiker anderer Parteien sind ja mit super peinlichen Tanzvideos bereits darauf reingefallen, was ich nicht nachvollziehen kann.

Ich gebrauche doch TikTok, damit es uns und unserer Partei nutzt und nicht nicht umgekehrt.

Soziale Medien sind nicht nur ein Mittel, um die Menschen zu erreichen, sondern auch, um mit ihnen zu kommunizieren. Nutzen Sie Social Media auch, um mit Kritikern und Wählern zu sprechen? Wie sind die Reaktionen in den Kommentarspalten?

Ich würde gern viel mehr interagieren und moderieren, aber das ist zeitlich einfach nicht darstellbar. Daher versuche ich eher den Fokus auf eine saubere Diskussionskultur zu legen und Dinge außerhalb der Legalität oder unterhalb der Gürtellinie zu löschen oder zu blockieren. 

Persönliche Nachrichten versuche ich zwar alle zu beantworten, aber auch hier ist es nicht immer zeitaktuell möglich. Spannend ist allerdings, was mir hier übermittelt wird. Viele Ideen für Anträge und parlamentarischen Initiativen habe ich aufgrund von Nachrichten erhalten. Generell sind Kommentare, Nachrichten oder eine sonstige Interaktion für mich ein sehr wertvolles Feedback – auch für eine Selbstreflektion was ich anders oder besser machen kann.

Haben Sie weitere Ziele oder Ideen für Ihre Social-Media-Präsenz, die Sie uns hier mitteilen möchten?

In diesem Land gibt es mit den „Mainstream-Medien“ eine vierte Gewalt, die einen enormen Einfluss auf unsere Gesellschaft hat. Das kann man nicht mehr leugnen. Dieses manipulative Monopol ist der Grund, warum wir uns noch nicht in Regierungsverantwortung befinden – es ist aber in meinen Augen auch der Schlüssel dazu. Wenn wir nämlich in absehbarer Zeit keine Chancengleichheit erzielen können, müssen wir eben unsere eigenen Kommunikationskanäle und Strategien entwickeln. Mein Ziel ist es, für die Alternative für Deutschland einen in meinen Möglichkeiten befindlichen Beitrag zu leisten, damit das gelingt.

Herr Siegmund, vielen Dank für das Gespräch!


Zur Person:

Ulrich Siegmund ist deutscher Politiker. Er ist seit 2016 Mitglied des Landtags von Sachsen-Anhalt. Seit August 2022 ist er gemeinsam mit Oliver Kirchner Fraktionsvorsitzender und Oppositionsführer.

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