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Stalingrad

Sieg und Untergang der 6. Armee vor 80 Jahren

Im Januar vor 80 Jahren näherten sich die erbitterten Kämpfe um Stalingrad dem Ende zu. Auch noch heute wird in der Geschichtswissenschaft über die Bedeutung dieser Schlacht diskutiert.

Kommentar von Rudolf Moser
14.1.2023
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5 Minuten Lesezeit
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Sieg und Untergang der 6. Armee vor 80 Jahren
General Friedrich Paulus mit Offizieren, Stalingrad 1942Bundesarchiv, Bild 169-0946 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Am 22. Juni 1941 begann das „Unternehmen Barbarossa“ - der Angriff der Deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten auf die Sowjetunion. Zeitverzögert, denn durch die Unfähigkeit Mussolinis bei seinem Balkanfeldzug, musste zuerst die Lage in Jugoslawien und Griechenland bereinigt werden. Das hatte zur Folge, dass durch den schnellen Wintereinbruch das ursprüngliche Ziel; Moskau einzunehmen, nicht erreicht wurde. 1942 wurde eine große Offensive zur Wolga nach Stalingrad und Richtung Kaukasus geplant. Dieser Angriff, über einen schier unendlichen Raum, überstieg die Kräfte der Wehrmacht und ihrer schlecht ausgerüsteten Verbündeten Rumänien, Italien und Ungarn bei Weitem. Zwar konnte Stalingrad eingenommen werden, am 19. November 1942 griff jedoch die Rote Armee die schwache 3. rumänische Armee an und es gelang den Sowjets bei Kalatsch eine Einkesselung der deutschen Kräfte an der Wolga.

Die logische Konsequenz der 6. Armee wäre ein sofortiger Ausbruch gewesen, diesen allerdings untersagte Hitler und so nahm die Tragödie ihren Lauf. Der größenwahnsinnige Luftwaffenchef Herrmann Göring sagte eine Luftversorgung des Kessels zu – eine Illusion, denn die deutsche Luftwaffe war an allen Fronten eingesetzt, und eine Lufthoheit über Stalingrad war mit den vorhandenen Verbänden nicht zu erzielen. Ein Entsatzversuch unter General Hoth brach 40 Kilometer vor Stalingrad zusammen. Einen eventuell noch möglichen Ausbruch aus dem Kessel untersagte Hitler erneut – das war das Todesurteil für die ursprünglich aufgebotenen 22 Divisionen.

Nur 100 Mann kehrten zurück

Am 23. November waren etwa 270.000 Soldaten eingeschlossen, wie Janusz Piekalkiewicz in seiner Analyse: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ berichtet: „Fast zwei Drittel der Mannschaften und Unteroffiziere, dazu die Hälfte der Offiziere, waren gefallen, erfroren, verhungert oder fanden den Erschöpfungstod”. Annähernd 108.000 körperlich und seelisch zerbrochene Menschen gingen nach der Kapitulation am 2. Februar 1943 in Gefangenschaft – nur 6.000 von ihnen sahen ihre Heimat wieder! Von der traditionsreichen Wiener „Hoch-und Deutschmeister“ 44. Infanterie-Division kehrten nur 100 Mann zurück. Von den 50.000 Österreichern, die in Stalingrad kämpften, überlebten die Todesmärsche und Zwangsarbeitslager der Sowjets nur 1.200.

Wie konnte es überhaupt zu einem Deutsch-Sowjetischen Krieg mit diesen furchtbaren Folgen kommen? Überfall oder Präventivschlag?

Heinz Magenheimer bringt zu dieser Frage interessante Fakten in seiner Studie: „Entscheidungskampf 1941. Sowjetische Kriegsvorbereitungen, Aufmarsch, Zusammenstoß“: „... plausible Schlussfolgerungen aus dieser Studie ziehen, die ein wesentlich anderes als das bisher vertraute Geschichtsbild zeichnen: Der deutsche Angriff im Juni 1941 bedeutet keinen „wortbrüchigen Überfall” auf eine „friedliebende Sowjetunion”; der Angriff wurde nämlich sowjetischerseits erwartet, aber zu einem anderen Zeitpunkt. Die Sowjetunion war alles andere als friedliebend und hatte sich geistig und materiell auf einen Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingestellt. Von einem Überfall konnte keine Rede sein, denn die politische, aber auch militärische Führung war weder ahnungslos noch falsch informiert. Die Rote Armee hatte umfangreiche Kriegsvorbereitungen getroffen.

Präventiv- oder Angriffskrieg?

Dass der deutsche Angriff an vielen Stellen auf einen überraschten Gegner traf, lag einerseits daran, dass die grenznahen Truppen höchst unzulänglich auf Verteidigung vorbereitet waren ...” (S.167) und auf Seite 168 zu den sowjetischen Kriegsvorbereitungen: “Die Lagebeurteilung wurde von der “Unvermeidlichkeit” des Krieges geprägt, die dem marxistisch-leninistischen Weltbild entsprach ... Die im Frühjahr 1941 mit großem Elan getroffenen sowjetischen Kriegsvorbereitungen besaßen vom Umfang und von der Dislozierung her Angriffscharakter.

Die Rekonstruktion des Aufmarsches von der Division bis zur Frontebene lässt keinen anderen Schluss zu.” Auf Seite 186 schreibt Magenheimer: „Die Öffnung russischer Archive und die darauf beruhenden Publikationen russischer Historiker wirkten in Russland wie ein Schock: Neben den Verlust der Großmachtstellung als einer der Sieger des Zweiten Weltkrieges trat die Erschütterung der moralischen Position als Opfer eines Überfalls, die Sinnfrage ungeheurer Menschenverluste, der materiellen Zerstörung und der Entbehrungen, die damit auferlegt waren.“ Als ganz besonders interessant resümiert aus der neuen Faktenlage, bedingt durch die Archivöffnungen in Russland, Magenheim: “Unser Geschichtsbild wäre wenigstens teilweise zu revidieren.

Geschichtspolitik oder Erkenntnisgewinn

Dieses ist zu politischen Zwecken instrumentalisiert worden und wurde mit seinem zum Ritual gewordenen Schuldbekenntnissen und Selbstanklagen zur Staatsräson und Glaubensfrage. Der Anlass zu politischen Demutshaltungen wäre geringer” (S.187). Diverse historische Studien untermauern Magenheims Aussagen, etwa Bogdan Musial: „Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen”: „Im Jahre 1930 entwarf der spätere Marschall Michail Tuchatschewski die Konzeption des Vernichtungskrieges gegen den Westen, die einen massenhaften Einsatz von Panzern (50.000), Flugzeugen (40.000) sowie 'massenhaften Einsatz von chemischen Kampfmitteln' vorsah“ (S.9).

All diese Studien werden in Österreich und Deutschland bis heute ausgeblendet, man will sogar den „Radetzkymarsch” verbieten und die Klagenfurter „Windischkaserne” soll künftig einen kommunistischen Deserteur huldigen. Das Image eines ehrenhaften Soldaten wird posthum besudelt, ja alle Wehrmachtssoldaten werden pauschal als Nazis diffamiert, so einfach ist das für die wohlstandsverwahrloste „Flaggerl fürs Gaggerl”-Generation „Weichei”, die wohlbehütet hinterm warmen Ofen aufgewachsen ist. Kein anderes Land geht so mit seiner Väter- und Großväter-Generation um! 80 Jahre sind seit der Tragödie von Stalingrad vergangen, die überlebenden, einstigen Gegner haben sich längst an den Gräbern ihrer gefallenen Kameraden die Hände zur Versöhnung gereicht. Alle Soldaten aller Nationen verdienen nach ihrem Tode ein ehrenhaftes Gedenken – genauso wie die Spartaner, die an den Thermopylen ihre Pflicht bis in den Tod erfüllt haben:

 „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ (Übersetzung Friedrich Schiller)


Zur Person:

Major Rudolf Moser, 1950 in Wien geboren, lebt seit 1975 in der Steiermark. Magisterstudium von Sozial-, Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Psychologie; Promotion (Soziologie) an der Universität Wien zum Doktor der Philosophie; Major (Jagdkampf); Ingenieur (Drucktechnik); Verkaufsleiter, Kommunikationstrainer; Fallschirmspringer-, Segelflug- und Motorflugschein, 1. Dan Judo - Weltenbummler, Soziologe, Wanderer und Seefahrer.