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Irmhild Boßdorf

„Rechte befassen sich kaum mit moderner Musik"

FREILICH sprach mit der Publizistin Irmhild Boßdorf über die Schwarze Szene und die 90er.

Interview von Redaktion
11.1.2023
/
6 Minuten Lesezeit
„Rechte befassen sich kaum mit moderner Musik"
Irmhild Boßdorf

FREILICH: Irmhild, grüß Dich! Du warst früher in der Schwarzen Szene unterwegs. Wie begann dein Interesse und welches Lied oder welche Band hat dich damals „abgeholt“?

Irmhild Boßdorf: Lieber Lorenz, ich war nicht in der „Schwarzen Szene“ unterwegs, aber Peter (Ehemann von Irmhild Boßdorf, Anm. d. Red.) und ich waren große Fans der Wave-, Gothic- und Neofolkmusik. Peter etablierte Anfang der 90er-Jahre in der Jungen Freiheit (JF) eine Musikkolumne unter dem Titel „Neue Geräusche dieses Jahres“. Ein Freund, der mit ihm gemeinsam im Gesamtdeutschen Studentenverband (der Studentenorganisation des BdV) war, arbeitete bei alternativen Musiklabels und schickte immer viele Rezensionsexemplare. Am Anfang klappte es auch, alle möglichen Labels anzuschreiben und um Rezensionsexemplare zu bitten, als denen aber klar wurde, dass die JF irgendwie rechts war, hörte das ziemlich schnell auf. Peter ging dann dazu über, sich die CDs selbst zu kaufen und wir haben heute tatsächlich einige Tausend Schallplatten und CDs im Keller.

Manche dieser Bands aus den 90ern haben fast einen Ewigkeitswert. Mich hat es betroffen gemacht, dass Albin Julius vor wenigen Tagen gestorben ist – der war mein Jahrgang! Er war Sänger und Macher von „The Moon Lay Hidden Beneath a Cloud“ und „Der Blutharsch“ – beides heute noch absolut hörenswert.

Mein Interesse begann eigentlich mit der „Neuen Deutschen Welle“ (NDW) – zu unserer Hochzeit 1989 schenkte mir Peter seine „Glut und Asche“-Platte von den Fehlfarben. Mit dem Lied „Kunst des Zitats“ waren die Fehlfarben sogar Namensgeber der Etappe (neurechtes Magazin, Anm. d. Red.). Der Text war einfach gut: „Der Westen ist am Ende, der Osten ist am Ende, im Norden ist es mir zu kalt, im Süden krieg‘ ich Sonnenbrand – wohin soll ich gehen?“ Und dann weiter: „Am Ende der Etappe, am Anfang der Zukunft“.

Deiner Ansicht nach war die Szene ja damals durchaus „anpolitisiert“. Wie hat sich das ausgedrückt und wie ernst konnte man das nehmen?

Die NDW verkörperte damals wirklich ein Lebensgefühl, Deutschland war geteilt und endete für die allermeisten hinter der Elbe. Die Wiedervereinigung interessierte in den 80ern kaum noch jemanden und wenn doch, so bekam man gleich den Stempel „rechtsextrem“ aufgedrückt. Die atomare Aufrüstung, die Blockkonfrontation haben viele als Bedrohung empfunden. Und trotzdem hatte man es sich in der BRD gemütlich eingerichtet. Dann kamen plötzlich die NDW-Bands, die deutsch sangen und verstörende Texte hatten. Die Band „Nichts“ zum Beispiel: „Deutsch sein, niemandem sagen, nur Angst vor Fragen, Scham für mein Land“ oder „Grauzone“: „Ich möchte ein Eisbär sein am kalten Polar, dann müsste ich nicht mehr schreien, alles wär‘ so klar“. Später kamen zur NDW viele vollkommen beliebige und unpolitische Bands wie Spider Murphy Gang oder Trio Rio, denen es nur um den Kommerz ging.

Über Deutschland hinaus gab es viele Bands, die zumindest mit dem Rechtssein kokettierten. „Front 242“ aus Belgien zum Beispiel oder „Laibach“ aus Slowenien. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes „Laibach“-Konzert 1988 in der Rockfabrik in Übach-Palenberg – alle, ausnahmslos alle Zuhörer kamen in schwarz gekleidet dahin, bis auf die beiden Herren der Politischen Polizei, die mit T-Shirt, Jeans und Schnäuzer in der Menge standen. „Laibach“ hat allein schon durch den deutschen Sprachgebrauch ein Zeichen gesetzt. Sie verkörperten die NSK – „Neue Slowenische Kunst“ – bei denen es auch eine Künstlergruppe „Irwin“ und eine Schauspielgruppe gab. Wer wollte, konnte sogar Mitglied im NSK-Staat werden und bekam dann einen Ausweis.

Diese Politisierung reicht ja manchmal noch weiter zurück. „Joy Division“ singen in dem Lied „Warsaw“: „You all forgot Rudolf Hess“. Der saß bis zu seinem Tod 1987 als Einzelhäftling in Spandau ein.

Die meisten Bands haben sich natürlich nicht offen als rechte Bands bekannt, aber in sehr vielen Bereichen war es ein Kokettieren. Was passierte, wenn man als rechts geoutet wurde, davon kann JK von „Forthcoming Fire“ ein Lied singen. Er war Sänger der erfolgreichen Band „Weissglut“, die kurz vor dem internationalen Durchbruch standen. Dann tauchte das Gerücht auf, er sei rechts – kurzerhand wurde er als Sänger ersetzt und hat dann mit eigenen Projekten weitergemacht. Der internationale Durchbruch allerdings blieb ihm verwehrt.

Auch in dem neurechten Magazin Etappe, bei dem dein Mann Mitbegründer war, erschienen ja manchmal Texte über „Laibach“ oder „Nick Cave“, also popkulturelle Phänomene, die irgendwie mit der Schwarzen Szene zusammenhingen. Aber war das eher ein Interesse von Rechten an der Schwarzen Szene, oder fühlten sich Gruftis aufgrund dieser Überschneidungen teilweise zur Rechten hingezogen?

Ich denke, das war ein Wechselspiel. Es gab in den 90ern ein wirklich erfolgreiches Musikmagazin, das Zillo. Der Herausgeber, Easy Ettler, war JF-Abonnent und ist irgendwann auf Peters Musikkolumne aufmerksam geworden. Er hat Peter dann gebeten, auch für Zillo zu schreiben. Das hat er auch gemacht. Es gab im Februar 1996 eine briefmarkengroße Werbeanzeige von der JF in Zillo und von Zillo in der JF. Das hat tatsächlich die Redakteure des Zillo, aber auch linke Journalisten auf den Plan gerufen, die meinten, es gäbe da alle möglichen Verstrickungen zwischen der Musik- und der rechten Szene. Es gab tatsächlich einige JF-Autoren in den 90er-Jahren, die an Musikprojekten dieser Zeit beteiligt waren, aber Verstrickungen?

Es ist bis heute ein Problem der Rechten, dass sie sich kaum mit moderner Musik befassen. Außer scheußlichem Rechtsrock oder kitschigen Liedermachern kennen die meisten kaum etwas. Peter hat damals versucht, das Biedermeierliche der Rechten abzuschütteln. So hat er für die JF JK interviewt und für Zillo dann Lindemann von „Rammstein“. Aber so ganz ist das Abschütteln des Biedermeierlichen leider nicht gelungen.

Nach dem Streit unter den Zillo-Redakteuren hatte Peter angeboten, seine Mitarbeit dort einzustellen. Easy hat das abgelehnt und treu zu Peter gehalten. Erst nach Ettlers Tod im April 1997 wurde die Mitarbeit im Zillo beendet – Easy hat Peter als Zeichen der Wertschätzung noch seine wirklich wertvolle Bibliothek vermacht.

Dass ein großes deutsches Musikmagazin einen neurechten Chefredakteur hatte, ist aus heutiger Sicht tatsächlich schwer vorstellbar. Wie groß schätzt du den Einfluss ein, den das damals auf die Musikszene hatte?

Ich glaube, die meisten Leser wussten damals gar nicht, wo Easy Ettler politisch stand. Es spielte ja auch für das Zillo keine Rolle. Aber Easy Ellter war offen für alle musikalischen Einflüsse und hat Musik nicht ideologisch bewertet. Es hat Peter gefreut, dass Easy trotz aller Anfeindungen auch der eigenen Redakteure standhaft geblieben ist und Peter weiter dort schreiben konnte.

Und zum Abschluss: Willst du unseren Lesern fünf Lieder oder Alben empfehlen?

Wir haben hunderte von Schallplatten und CDs, da fällt mir eine Auswahl schwer. Es ist ja auch immer stimmungsabhängig, was gerade gefällt. Aber für heute wäre das

„Within the Realm of a Dying Sun“ von „Dead Can Dance“ („Dead Can Dance“ war damals beim Label 4AD und eigentlich waren fast alle Bands, die dort unter Vertrag waren, hörenswert.)

„An Irony of Fate“ von „Love Like Blood“

„Volven“ von „Hagalaz Runedance“

„For Vacuum“ von „Soap and Skin“

„Buried Dreams“ von „Clock DVA“

Ich bin mir sicher, morgen sähe meine Playlist wieder ganz anders aus.

Liebe, Irmhild, vielen Dank für Deine Zeit!


Irmhild Boßdorf ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin, Journalistin bei der Jungen Freiheit und arbeitete früher im Haus der Geschichte in Bonn. Ihr Mann Peter Boßdorf war Mitbegründer des einflussreichen neurechten Magazins Etappe, ihre Tochter Reinhild Boßdorf ist eine bekannte Aktivistin und Mitbegründerin des Frauenkollektivs Lukreta.

Hinweis: Dieses Interview wurde Sommer 2022 erstmalig im Konflikt Magazin veröffentlicht.