Randgruppen für die Linke

Die Kuscheltiere für das gute Gewissen

In seinem Kommentar erklärt Julian Marius Plutz, dass Migranten oder Schwule oder Juden, die es wagen, nicht konform zu gehen, für die Linke eine ewige Beleidigung sind, und dass viele Randgruppen kein Kuscheltier für den Gang nach Wokistan sein wollen, sondern selbstbestimmt und frei.

Kommentar von
7.4.2023
/
4 Minuten Lesezeit
Die Kuscheltiere für das gute Gewissen
Julian Marius Plutz

Der Geist des Mainstreams ist einfältig. Im Minutentakt werden Dramen geschrieben, Helden erkoren und Antihelden bestimmt. Der Weg vom weißen zum schwarzen Ritter geht so schnell wie die Transformation von Bruce Wayne zu Batman. Sündenböcke braucht das Land und Sündenböcke braucht der Mainstream, wie der Mobber sein Opfer.

Wie im Fall David Berger. Im Jahr 2019 genügte die Ankündigung auf der Homepage vom WDR, man wolle den konservativen Theologen und Blogger interviewen für einen gepflegten Shitstorm. Für das Qualitätsmedium BildBlog sei der Westdeutschen Rundfunk ein „Sender auf Koks“, während die Kollegen von Deutschlandfunk Kultur die anschließende Aufzeichnung als „arglose Plauderei mit einem rechten Hassprediger“ bezeichnete. Das altbewährte Motto vom Herrenschneider, „Geht’s auch eine Nummer kleiner?“ fand in dieser Debatte eine völlig neue Bedeutung.

Es handelt sich um moralischen Narzissmus

Doch was warf man David Berger vor? Er geht nicht konform mit dem Mainstream. Wenige Jahre zuvor galt der Katholik noch als Everybody’s Darling, sein Buch „Der heilige Schein“, der homosexuelle Strukturen in der Kirche aufgedeckt hat, war ein Bestseller. Es folgten Interviews beim Spiegel, beim Stern, NDR, taz und der Jüdischen Allgemeinen. Sein Fall, dass er keine katholische Religionslehre unterrichten durfte, weil er schwul war, ging durch das Land. Der Homo als Opfer der Kirche. Hübsche Geschichte, über die man sich trefflich über Papst und Prunk aufregen kann.

Was viele damals nicht wussten, oder erfolgreich verdrängten: Berger ist nicht nur nicht links, er ist sogar noch konservativ. How dare he! Schwule haben links zu sein, Juden tot, oder wenigstens still und Migranten Vorzeigekuscheltiere der verlogenen Bourgeoisie. Selbst lebt man zwar eher ungern mit Ausländern zusammen, die Kinder sind auf Privatschulen, aber einmal im Monat schaut man sich die „Menschen mit Migrationshintergrund“ an wie die Affen im Zoo. Erbärmlich. Kritisieren darf man die Migranten jedoch nicht, denn das wäre rassistisch. In Watte werden sie gepackt. Geschützt werden sie wie Wale im Pazifik. Ein falsches Wort oder ein richtiges Wort evoziert eine veritable Empörungswelle. Eine Karikatur kann einen Krieg auslösen wie ein Fenstersturz. Dabei handelt es sich um moralischen Narzissmus. Kritik wird als Majestätsbeleidigung aufgefasst, während Kritik an anderen die Grenzen von Geschmack und Verhältnismäßigkeit übersteigt. Der Leser dieser Zeilen kann sich selbst fragen, wie oft er der Nazi war, wahlweise der Antimensch oder der Antiheld.

Gegen das Vergessen. Für das Gewissen.

David Berger stört. Volker Beck nicht. Der wird trotz kristaller Vergangenheit Vorsitzender der Deutsch-israelitischen Gesellschaft, die sich Sorgen um „die guten Freunde“ in Israel macht. Der Staat der Juden wagt es, konservativer zu werden. Keine Option für die linken Herrenmenschen. „Hallo Schlomo, sei gefälligst links, liberal und atheistisch. Ansonsten müssen wir dich leider abschaffen.“

Deutsche lieben Juden als Stolpersteine. Die sind hübsch anzusehen, die kann man streicheln und zum Holocaustgedenktag polieren. Lebende Juden sind entweder das schlechte Gewissen, weil Opa Kurt den Gashahn aufdrehte, oder sie sind ein Antisemitismusproblem. Jedes Kuhkaff hat einen Antisemitismusbeauftragten. Und Baden-Württemberg hat einen judenfeindlichen Antisemitismusbeauftragten. Im Ländle ticken die Kuckucksuhren einfach anders.

Lebende Juden sind kritisch zu sehen. Außer Igor Levit, weil der ja links ist. Simone Schermann, Henryk Broder, Leon De Winter, Eric Zemmour, Benjamin Netanjahu, Avigdor Liebermann, sie alle stören. All die und noch viel mehr sind nicht so, wie es die Linken gerne hätten. Mehr noch: Sie wollen sich nicht in den nekrophilen Opferkult der Ewigtrauernden einreihen. Und auf Twitter teilt man täglich tote Juden, die das Social Media Team vom  Auschwitz Memorial dankenswerterweise zur Verfügung stellt. Für das Gewissen. Gegen das Vergessen. „Nein“ zu Rassismus. „Ja“  zur Schule mit Zivilcourage. Die Worthülsen scheinen nie auszugehen, ebenso wie der Widerstand gegen das Dritte Reich, was ein paar Jahre zu spät kommt.

Alle sind im Widerstand gegen die bösen Geister von 1933 bis 1945. Dafür braucht es Alibijuden, Alibischwule, Alibimigranten. „Schaut her, wie divers ich bin, ich kaufe meine Gurken beim Türken und mache daraus fränkischen Gurkensalat.“ Doch tief im Herzen verachten sie uns. Tief im Herzen mögen sie keine Homos, keine Migranten, keine Juden. Und nach dem fünften Bier gegen halb zwei in der Nacht fragt man in die Runde, warum nicht alle Juden in Israel leben, wenn es denn hier so schlimm sei. Gaza sei ein Ghetto. Und der Siedlungsbau sei kein bisschen verhältnismäßig. Und dann noch diese Verfassungsreform!

Randgruppen haben schüchtern, servil und dankbar zu sein

Linke wollen nicht, dass sich Randgruppen emanzipieren. Dann würden sie den Status der Unmündigkeit verlieren. Die Abhängigkeit vom Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft ist die Garantie für das Fortbestehen der Unfreiheit. Sie meinen es nur gut, doch sie handeln schlecht und egoistisch. Ihnen geht es nicht um die Weiterentwicklung von sogenannten marginalisierten Gruppen, sondern um den Erhalt des status quo. Dann kann der linke Gutbürger in einer kaum erträglichen Herrenreiterattitüde in Erscheinung treten und die feuchte, warme, unangenehme Hand reichen. Dann wird Toleranz mit zwei „t“ geschrieben, weil alles ja so toll ist.

Der Geist des Mainstreams ist unbarmherzig. Die inszenierten Dramen brauchen Randgruppen, die sich wie Randgruppen verhalten: Schüchtern, servil und dankbar.  Dabei weiß jeder, der einmal Opfer war, der am Boden lag, die Tritte entgegen nahm und die Augen brannten, weil das Blut in die Augen lief, dass es nichts schlimmeres gibt, als Opfer zu sein. Die Linke benutzt uns schamlos, bis wir aus der Reihe tanzen. „Wer die Macht hat, jemanden zu tolerieren, hat auch die Macht, jemanden abzuschaffen“, schrieb einst Henryk Broder. Und wie schnell man Menschen abschaffen kann, lehrt uns, wie es so schön heißt, die Geschichte.


Zur Person:

Julian Marius Plutz, 1987 geboren, ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die Achse des Guten, TheGermanZ und die Jüdische Rundschau.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der Freilich-Redaktion.
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