Binnen Sekunden verwandelte sich Nord Stream in einen physikalischen Kollaps aus Druckwellen und aufsteigenden Gasmassen. Der Sprengsatz riss die Rohrwand zunächst nur lokal auf. Dann setzte der Innendruck von bis zu 165 Bar ein: Gas strömte mit Schallgeschwindigkeit ins Meer, gewaltige Blasen stiegen auf und die Pipeline wurde vom Meeresboden angehoben. Die Folge war ein mechanischer Kaskadenschaden. Bei Nord Stream 1 wurden auf zwei Strängen rund 282 und 249 Meter Rohr zerstört. Entscheidend ist der Vergleich zu Nord Stream 2: Dort blieb eine Leitung weitgehend erhalten, weil der Druck nach einem ersten Leck bereits auf etwa 35 Bar gefallen war.
Erik Anderssons technische Spurensuche
Die Rekonstruktion des schwedischen Ingenieurs Erik Andersson hebt sich von den meisten anderen Analysen im Nord-Stream-Komplex durch ihren konsequent technischen Zugang ab. Andersson organisierte eigene Expeditionen zu den Explosionsstellen in der Ostsee und analysierte deformierte Rohrsegmente, Bruchmuster sowie die Gasdynamik der Detonationen. Seine Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Ingenieurwissenschaft, OSINT und geopolitischer Analyse.
Die Ergebnisse seiner Untersuchungen präsentierte Andersson nun im Bundestag auf Einladung der AfD-Fraktion. Die einführenden Worte und die Moderation übernahmen der wirtschaftspolitische Sprecher Leif-Erik Holm sowie der energiepolitische Sprecher Steffen Kotré. Fast vier Jahre nach den Explosionen der Nord-Stream-Pipelines gilt der Fall offiziell noch immer als „ungeklärt“. Genau darin liegt inzwischen sein eigentlicher politischer Zweck. Die Wahrheit wird in einem Zustand permanenter Ungewissheit gehalten, denn zu viele geopolitische Gewissheiten des Westens stünden zur Disposition, würde man die Konsequenzen der bisherigen Enthüllungen offen aussprechen.
Der Londoner Prozess und die offene Täterfrage
Eine seltene Gelegenheit zur Zwischenbilanz bietet nun ein Gerichtsverfahren in London. Die Nord Stream AG hat vor dem High Court Klage gegen ihre Versicherer eingereicht, allen voran gegen Lloyd’s of London. Der Streitwert beträgt 580 Millionen Euro. Verhandelt wird dabei nicht die Frage nach den Tätern, sondern ob die Sabotage unter den Versicherungsschutz fällt.
In den unmittelbar vor Prozessbeginn veröffentlichten Schriftsätzen fasst Lloyd’s die Einschätzungen mehrerer geopolitischer Sachverständiger zusammen, die von den Parteien hinzugezogen wurden. Besonders aufschlussreich ist die Liste der angeblich noch denkbaren Täter: russische Staatsakteure, ukrainische Staatsakteure, ukrainische nichtstaatliche Akteure oder US-amerikanische Staatsakteure, allein oder gemeinsam mit der Ukraine. Diese Konstruktion erlaubt es Lloyd’s, die eigentliche Täterfrage zu umgehen. Die Beklagten müssen nicht beweisen, wer Nord Stream gesprengt hat. Es reicht ihnen, dass jede der vier Varianten unter den Kriegsausschluss der Versicherung fällt. Die entscheidende Frage lautet daher: Sind diese vier Alternativen nach dreieinhalb Jahren Ermittlungen, Leaks und neuen Erkenntnissen überhaupt noch gleichermaßen realistisch?
Warum die Russland-These an Überzeugungskraft verliert
Sowohl die schwedischen als auch die deutschen Ermittler prüften die Russland-Spur und fanden keine Beweise für eine russische Täterschaft. Dennoch dominierte über Monate hinweg die Erzählung, Moskau habe die eigene Pipeline gesprengt. Zahlreiche westliche Politiker äußerten sich in einer Weise, die diesen Eindruck in der Öffentlichkeit verfestigte. Selbst als die deutschen Ermittlungen längst der ukrainischen Spur folgten, hielt Berlin die Möglichkeit aufrecht, die Andromeda-Mission könne eine russische Operation unter falscher Flagge gewesen sein.
Das Problem dieser These war von Anfang an ihr Mangel an Beweisen. Kein ernstzunehmender Ermittler hat jemals eine belastbare Hypothese vorgelegt, die Russlands Täterschaft technisch oder operativ nachvollziehbar erklärt hätte. Bestand hatte die Erzählung vor allem deshalb, weil sie auf einem vermeintlich offensichtlichen Motiv beruhte: Russland habe die Pipeline als Instrument der Energieerpressung genutzt und deshalb auch ein Interesse an ihrer Zerstörung gehabt.
Die Turbinenaffäre und das Motiv der Sabotage
Zum zentralen Beleg wurde die Drosselung der Gaslieferungen durch Nord Stream 1 im Sommer 2022 erklärt. Doch bei näherer Betrachtung zerfällt dieses Argument. Auslöser der Krise war nicht russische Sabotage, sondern ein Sanktionskonflikt um eine in Kanada festgehaltene Siemens-Turbine. Die ukrainische Regierung setzte sich offen dafür ein, die Turbine nicht zurückzugeben. Gleichzeitig inszenierte die Bundesregierung den Vorgang als Beweis russischer Unzuverlässigkeit. Bundeskanzler Olaf Scholz posierte demonstrativ vor der Turbine und erklärte, einer Rückgabe stünden keine rechtlichen Hindernisse entgegen.
Aus Moskauer Sicht musste diese Inszenierung wie blanker Zynismus wirken. Denn dieselben Staaten, die Sanktionen verhängten, erklärten zugleich öffentlich, Nord Stream müsse verschwinden. Victoria Nuland kündigte an, die Pipeline werde „one way or another“ gestoppt. US-Präsident Joe Biden versprach wenige Wochen vor Kriegsbeginn: „We will put an end to it.“ Die Botschaft war unmissverständlich: Sollte wirtschaftlicher Druck nicht ausreichen, stünden weitere Mittel zur Verfügung.
Als Selenskyj die Rückgabe der Siemens-Turbine nach Russland als „inakzeptabel“ geißelte, wusste er nach den vorliegenden Darstellungen längst von den Plänen aus Kiew, Nord Stream zu zerstören. Der ursprüngliche Plan soll bereits im Juni abgesegnet gewesen sein. Laut Wall Street Journal habe ihm der ukrainische Oberbefehlshaber sogar erklärt, die Operation sei nicht mehr zu stoppen.
War Moskau als Schuldiger bereits vorgesehen?
Damit stellt sich eine unbequeme Frage: War die spätere Schuldzuweisung an Russland schon vorbereitet, als Selenskyj öffentlich gegen Moskau wetterte? Es klingt danach. Moskau sollte als Täter bereitstehen, bevor die Tat überhaupt geschehen war. Und vielleicht richtete sich der eigentliche Zorn in Kiew gar nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen Berlin, das mit einer Ausnahme im Sanktionsregime den Weiterbetrieb der Gasleitung ermöglichen wollte. Das russische Forschungsschiff „Sibiryakov“ wurde 2023 in der skandinavischen Dokumentation „Skyggekrigen“ als eine Art Kronzeuge der Russland-These präsentiert. Das Schiff kreuzte vor den Explosionen im Bereich der Pipelines, konnte Unterwasseroperationen durchführen und wurde mit düsterer Musik und suggestiven Bildern zum idealen Verdächtigen aufgebaut.
Die von Bojan Pancevski veröffentlichten Recherchen zeichnen jedoch ein völlig anderes Bild. Demnach lief zu diesem Zeitpunkt bereits das ukrainische „Projekt Diameter“. Ein Mitarbeiter des schwedischen Geheimdienstes SÄPO soll bei der Beschaffung der Segelyacht geholfen haben, von der aus die ersten Anschläge ursprünglich schon im Juni erfolgen sollten. Folgt man dieser Darstellung, könnte die „Sibiryakov“ nicht der Täter, sondern ausgerechnet der unfreiwillige Wachposten gewesen sein, der die Pipeline vor einem bereits bekannten ukrainischen Anschlagsplan schützen sollte.
Die Andromeda und die offizielle Ermittlungsrichtung
Noch brisanter werden die Ereignisse vom 21. und 22. September. Während die Andromeda zur finalen Phase der Operation auslief, drängten dänische und schwedische Kriegsschiffe eine russische Flottille aus dem Operationsgebiet. Später wurden Fotos dieser russischen Schiffe als Indizien für eine russische Beteiligung präsentiert. Dass dieselben NATO-Einheiten kurz zuvor den Kurs der mutmaßlichen tatsächlichen Saboteure gekreuzt hatten, geriet dagegen kaum in den Fokus.
Die Geschichte der Segelyacht Andromeda galt lange als die absurdeste Fußnote des Nord-Stream-Komplexes: ein paar ukrainische Hobbytaucher, eine gecharterte Segelyacht, selbstgebaute Sprengsätze aus Tauchflaschen und ein Tauchgang auf 80 Meter Tiefe. Hollywoodstoff. Ausgerechnet diese Geschichte bildet heute jedoch den offiziellen Kern der deutschen Ermittlungen. Im Zentrum steht der ukrainische SBU-Offizier Serhii Kuzniezov, der in Deutschland auf seinen Prozess wartet. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die Operation von Bord der Andromeda geführt zu haben. Gegen die gesamte Besatzung liegen europäische Haftbefehle vor. Der Bundesgerichtshof erklärte offiziell, die Gruppe habe „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ im Auftrag des ukrainischen Staates gehandelt.
Kiews Rolle und die Frage nach möglicher Unterstützung
Auch große Medienhäuser folgen inzwischen dieser Linie. Besonders der Wall-Street-Journal-Journalist Bojan Pancevski zeichnet das Bild einer staatlich gesteuerten Operation. Ein hochrangiger ukrainischer General soll die Aktion geführt, direkt an Generalstabschef Saluschnyj berichtet und die Zustimmung von Präsident Selenskyj erhalten haben. Damit folgt die deutsche Ermittlungsarbeit inzwischen weitgehend einem Szenario: Nord Stream war das Werk ukrainischer Staatsakteure. Damit kollabierte zugleich die Theorie der „rogue actors“. Niemand glaubt ernsthaft mehr an eine autonome Amateurgruppe. Die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob die Ukraine beteiligt war, sondern ob sie allein gehandelt haben kann.
Viele Beobachter halten die Geschichte von den Hobbytauchern deshalb für eine Ablenkung vom eigentlichen geopolitischen Kontext. Denn selbst wenn die Andromeda-Crew die Bomben tatsächlich angebracht haben sollte, beantwortet das noch lange nicht die entscheidende Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Land wie die Ukraine eigenmächtig Deutschlands wichtigste Energieverbindung nach Russland zerstört, ohne Rückendeckung einer Supermacht?
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte jener Männer, die laut Pancevski hinter der Operation standen. Der ehemalige HUR-Chef Wassyl Burba, der die Idee einer Sprengung von Nord Stream innerhalb der ukrainischen Spezialoperationsstrukturen zuerst eingebracht haben soll, verfügte über enge Kontakte zur CIA. Nach seiner Entlassung finanzierte die amerikanische Seite sogar seinen gepanzerten Dienstwagen. Auch Roman Chervinsky, der operative Koordinator der Sabotage, pflegte laut Pancevski enge Beziehungen zu amerikanischen Nachrichtendienstkreisen. Vor diesem Hintergrund wirkt die Vorstellung einer rein ukrainischen Operation zunehmend abenteuerlich. Burba und Chervinsky wussten genau, dass Nord Stream seit Jahren auf der Abschussliste einflussreicher Kreise in Washington stand. Sie wussten ebenso, dass eine erfolgreiche Operation kaum Empörung, sondern eher Beifall auslösen würde.
Viele Analysten gehen deshalb davon aus, dass Washington zumindest informiert war. Andere vermuten weitergehende Unterstützung und sehen die Andromeda lediglich als operative Fassade. Erik Andersson folgt diesen Spekulationen nicht. Er fordert stattdessen etwas wesentlich Vernichtenderes: technische Beweise. Wenn die deutsche Version stimmt, müssten sich Spuren der beschriebenen Tauchflaschenbomben am Tatort nachweisen lassen. Bis heute wurden solche Belege nicht öffentlich vorgelegt.
Nord Stream als geopolitisches Schlüsselprojekt
Für Andersson liegt die eigentliche Erklärung ohnehin auf einer höheren Ebene. Die Sprengung von Nord Stream passt in ein geopolitisches Muster, das deutlich älter ist als der Ukrainekrieg. Dahinter steht die seit Jahrzehnten verfolgte Strategie, eine deutsch-russische Energie- und Wirtschaftsachse zu verhindern. Von Mackinders Heartland-Theorie über Brzezińskis „Grand Chessboard“ bis zu George Friedmans berühmter Warnung vor einem Bündnis zwischen Deutschland und Russland zieht sich derselbe Gedanke: Die gefährlichste Herausforderung für die amerikanische Vormachtstellung wäre ein eurasischer Machtblock, der deutsche Technologie mit russischen Rohstoffen verbindet. Nord Stream war die materielle Verkörperung genau dieser Verbindung.
Ein wirklich souverän handelndes Europa hätte nach einem solchen Angriff unmittelbare Aufklärung verlangt. Die Pipelines wären repariert worden. Massive diplomatische Konsequenzen wären erfolgt. Stattdessen geschah das Gegenteil: Schweigen, Verzögerung, mediale Nebelkerzen und eine bemerkenswerte Zurückhaltung gegenüber Washington. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der selten offen diskutiert wird. Laut mehreren Berichten verweigerten die USA sowie nordische NATO-Staaten den deutschen Ermittlern entscheidende Daten: Sonaraufzeichnungen, Bewegungsprofile militärischer Schiffe und Flugzeuge sowie Kommunikationsdaten. Ein Verhalten, das kaum zum Bild vollkommen Unbeteiligter passt.
Die politische Sprengkraft einer vollständigen Aufklärung
Die Sprengung der Pipelines zerstörte nicht nur Infrastruktur am Grund der Ostsee. Sie zerstörte die letzte Illusion, Deutschland könne gleichzeitig wirtschaftlich mit Russland kooperieren und sicherheitspolitisch vollständig in amerikanische Strukturen eingebunden bleiben. Bemerkenswert waren die Fragen und Kommentare aus dem Publikum nach Erik Anderssons Vortrag. Ein Zuhörer, der sich selbst als Taucher vorstellte, äußerte erhebliche Zweifel daran, ob eine Operation dieser Komplexität in rund 80 Metern Tiefe tatsächlich von einer kleinen Segelyacht aus durchführbar sei. Damit war die zentrale Schwachstelle der Andromeda-Erzählung direkt benannt.
Am Ende schloss sich der Kreis zur politischen Verantwortung. Aus dem Publikum kam die Frage, ob eine künftige Regierungsbeteiligung der AfD dazu führen würde, Schadensersatzansprüche gegen jene Staaten geltend zu machen, die für die Sabotage und den daraus entstandenen Schaden verantwortlich sein sollten. Die Antwort fiel eindeutig aus: Ja. Und auf die Nachfrage, was geschehe, falls sich ausgerechnet die USA als Verantwortliche herausstellen sollten, kam die trockenste Pointe des Abends: „Umso mehr. Da ist dann ja richtig was zu holen.“ Vielleicht erklärt genau das die Nervosität rund um Nord Stream bis heute. Denn eine vollständige Aufklärung würde nicht nur Täter benennen. Sie würde die tatsächlichen Machtverhältnisse innerhalb des Westens sichtbar machen.







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