Zweifelsfrei ist die Südtirol-Autonomie eine Erfolgsgeschichte und liefert – in der Theorie – alle Möglichkeiten, um sich selbst zu erhalten. Aber: Wenn die EU-Gleichheitsideologie zunehmend im Widerspruch zu den Schutzmechanismen der Südtirol-Autonomie steht und die Südtiroler unter dem Eindruck linksliberaler Theorien nicht mehr so recht wissen, wer sie sind, dann wird es kritisch. Hinzu kommt, neben all den Problemen, unter denen die gesamte westliche Welt leidet, die Problematik, dass die Perspektiven nördlich des Brenners vielfach besser sind als jene in Südtirol. Fast 1.000 Südtiroler pro Jahr wandern derzeit ab.
In dieser Konstellation davon auszugehen, dass die Südtiroler mit einer Wunschliste nach Rom fahren, und diese Wunschliste erfüllt wird, ist naiv. In Ermangelung eines politischen Druckmittels spielen sich realistisch betrachtet höchstens Verhandlungen und „Deals“.
Italien ist hingegen der Meinung, man sei ein treuer Vertragspartner, gegenüber Südtirol äußerst „großzügig“ und erwarte sich im Gegenzug ein Bekenntnis zur staatlichen Einheit. Die Autonomie, die Südtirol heute hat, wird nicht als Notwendigkeit, sondern als „Großzügigkeit“ gewertet. Die Brennergrenze ist daraus folgend eine Staatsdoktrin, die die politischen Lager in Italien von links bis rechts vereint.
Für die Südtiroler ist die Sache wesentlich anders gelagert: Die Autonomie war der erreichbare Kompromiss, weil Selbstbestimmung und Rückgliederung an Österreich – noch nicht – durchsetzbar waren. Folglich ist die Südtirol-Frage für die Südtiroler weitgehend „offen“, zumindest in der Theorie und für einen Teil der Südtiroler, der derzeit jedoch nicht wesentlich größer wird. Hätten die Südtiroler drückende italienische Repressionen zu erleiden, wäre die Sache recht „einfach“: Die Schutzmacht Österreich könnte Italien auf Vertragsbruch klagen und die Südtirol-Frage international neu aufwerfen. Zusätzlich würden die Südtiroler einen Block gegen Rom bilden, was die Konsequenz so genannter „harter“ Macht ist.
„Sanfte“ Macht wirkt hingegen subtil und langfristig. Italien weiß, dass es am längeren Hebel sitzt. In zentralen Fragestellungen, die die alltäglichen Lebensbedingungen der Südtiroler wesentlich beeinflussen, entscheidet der Staat, etwa bei so „banalen“ Fragestellungen wie Steuerrecht, Arbeitsrecht, Kollektivverträgen, Einwanderungsrecht, Wahlrecht, Berufsrecht, Staatsbürgerrecht oder Justiz. Dass sich die Südtiroler folglich, gewollt oder ungewollt, vielfach nach Rom orientieren, liegt auf der Hand und unterstreicht die Bedeutung von Hegemonie und von „Mainstream“. Begnügen sich die Südtiroler mit der derzeitigen Autonomie, ist verhandlungstechnisch eine Sackgasse erreicht. Die „Umstände“ würden ständig, da und dort, dynamische Anpassungen an der Autonomie verlangen. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, würde der Weg stets in Richtung weniger Autonomie zeigen, zumal die europäische Dimension fortlaufend auf den Abbau von lokalen und regionalen Barrieren hinausläuft, also kein herausragendes Verständnis für Südtiroler Eigenheiten zeigt.
Aus Südtiroler Sicht entfaltet nur ein Projekt, das – deutlich – über die derzeitige Autonomie hinausreicht, jenes Momentum, das die Identität der Südtiroler ordnet und auf ein Ziel ausrichtet. Ob es sich dann um eine Wiedervereinigung oder um die Eigenstaatlichkeit handelt, ist zweitrangig. Stand jetzt ist die Eigenstaatlichkeit besser geeignet, Widerstände zu minimieren und einen politischen Ernstfall einzuleiten.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 40 „Heimat, fremde Heimat“ abgedruckt.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!