Wie schon 2016 war es kein gewöhnlicher Wahlsieg. Als Donald Trump im Januar 2025 nach seinem Wahlsieg 2024 erneut ins Weiße Haus einzog, trug er mehr als nur ein politisches Mandat mit sich. Er trug die Erwartungen von Millionen hauptsächlich weißer Wähler ohne Collegeabschluss, aber auch von Teilen anderer Wählergruppen, die das Establishment verachten, die Inflation verfluchen und Grenzkontrollen nicht als Verwaltungsaufgabe, sondern als Überlebensfrage betrachten. Trump hatte das instinktiv verstanden. Sein Wahlkampfnarrativ war das des Opfers, das sich erhebt. Der Mann, der auf ein komfortables Leben verzichtet, um sein Land zu retten. Bruch mit dem Parteiestablishment, Versprechen von Remigration und Schutz der einheimischen Wirtschaft.
Die Kernwählerschaft dieses Mannes ist bekannt und oft beschrieben worden, aber selten wirklich ernst genommen worden: der weiße Vorstadt- und Kleinstadtbewohner ohne Hochschulabschluss, häufig verschuldet, mit steigenden Lebenshaltungskosten und sinkendem Vertrauen in staatliche Institutionen. Jener Typus, der an der Ostküste in einem Haus mit zu hoher Hypothek lebt, dessen Kaufkraft seit Jahren sinkt und der das Gefühl hat, zwischen einer überheblichen urbanen Elite und einer subventionierten, oftmals migrantischen Unterschicht zerrieben zu werden. Die Demokraten hatten diesen Mann aufgegeben – sie verteidigten Pronomen und die Ukraine, während die Republikaner die Löhne verteidigten. So lautete das Versprechen. Die Frage ist, ob es gehalten wurde. Ein Jahr ist vergangen. Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Und diese fällt ernüchternd aus – nicht für jene, die Trump von Beginn an ablehnten, sondern für jene, die ihm geglaubt haben.
300.000 Abschiebungen
Das Kernversprechen der MAGA-Bewegung war stets eine Migrationswende. Nicht im weichen, verwaltungstechnischen Sinne, wie er in europäischen Koalitionsverträgen auftaucht, sondern als fundamentale Umkehr: Amerika zuerst, seine Grenzen zuerst, seine Bevölkerung zuerst. Trump inszenierte diese Politik von Beginn an mit maximaler Schärfe: Militarisierung der Südgrenze, Druck auf Mexiko, Abschiebedekrete in schneller Folge und Inszenierung von Vollzugsbeamten als Symbol staatlicher Entschlossenheit. Wer, wenn nicht Trump, könnte diese epochale Aufgabe als Abrisskugel der aktuellen, pro-migrationsorientierten Agenda vollziehen? In seiner ersten Amtszeit scheiterte er vorwiegend an internen Zwängen. Nun wollten er und sein Team es besser machen.
Und wie sehen die Zahlen aus? Je nach Definition schwanken sie erheblich. Während die liberale Denkfabrik Brookings rund 315.000 formelle Abschiebungen schätzt, nennt das US-Heimatschutzministerium (DHS) über 600.000 Maßnahmen, weil dort auch beschleunigte Rückführungen und administrative Rückkehrprogramme einbezogen werden. Zudem gelten Zahlen von bis zu 2,2 Millionen freiwilligen Ausreisen als methodisch unsicher. Sie basieren auf Schätzungen des DHS, die unter Experten umstritten sind, da hierbei mit Interpolationen und Hochrechnungen gearbeitet wird. Das wäre zwar ein Rekord, bliebe aber unter den Erwartungen der MAGA-Anhänger, sofern diese Zahlen überhaupt stimmen.
Angesichts von Millionen Menschen, die sich illegal im Land aufhalten, ist das jedoch kein Erfolg, sondern reine Symbolpolitik. Zum Vergleich: In den Spitzenjahren der Obama-Administration lagen die offiziellen Abschiebungszahlen bei über 400.000, wie aus Zahlen des DHS hervorgeht. Dabei handelte es sich überwiegend um Grenzabschiebungen. Eine wirkliche Migrationswende zu früheren Regierungen ist also nicht zu beobachten. Das Schleusergeschäft an der Südgrenze, das längst in den Händen von Kartellen liegt, läuft weiter. Schätzungen amerikanischer Behörden zufolge ist der Menschenschmuggel dort inzwischen ein Geschäft von mehreren Milliarden Dollar jährlich – teilweise wird ein Volumen von bis zu rund 13 Milliarden Dollar, wie vom DHS genannt, erreicht. Die Kosten für die Migrationskontrollen steigen, ohne dass die Zuwanderung strukturell eingedämmt wird. Zwar hat Mexiko unter US-Druck seine eigene Migrationspolitik verschärft, doch der Druck auf die Grenze hält an, da die Pull-Faktoren unverändert bestehen bleiben.
Der Konflikt im eigenen Lager
Hinzu kommen interne Verwerfungen im MAGA-Lager: Auf der einen Seite stehen die Remigrationsmaximalisten, die die Migration möglichst stark begrenzen wollen, auf der anderen Seite die Tech-Elite und die Wirtschaft, die günstige Arbeitskräfte möchten. Trump benötigt beide Gruppen für seine Regierung, doch die Interessen der Akteure gehen immer weiter auseinander. Das Drama um das H-1B-Visum demonstriert das hervorragend: Es ermöglicht ausländischen Arbeitskräften, Jobs in den USA anzunehmen, für die hochspezialisierte Fachkräfte benötigt werden. Die Remigrationsmaximalisten wollen die Streichung solcher Programme, Akteure wie Musk und Co. wollen aber die Fortführung – vor allem, um weiterhin günstige Arbeitskräfte importieren zu können.
rump kann hier nur noch vermitteln und versuchen, einen Mittelweg zu finden. Die Aussage des Präsidenten, arbeitende illegale Migranten vorerst nicht prioritär abzuschieben, ist eine Folge der lagerinternen Konflikte. Was bleibt, ist die Show: Verhaftungen werden inszeniert, eine harte Rhetorik verwendet und Dekrete als Medienereignisse ausgerichtet. Der Staat zeigt Muskeln, bewegt damit aber keine Massen in die Gegenrichtung. Wer Remigration verspricht, aber wenig liefert, betreibt symbolische Politik für seine Basis, die substanzlos ist. Das ist keine Politik für das Land. Der Unterschied ist entscheidend: Erstere bedient das Gefühl, Letztere verändert die Wirklichkeit. Trump ist Meister des Gefühls. Gefühle werden die Millionen illegalen Migranten in den USA aber kaum außer Landes bringen. Trump hat sein Versprechen der millionenfachen Abschiebungen noch nicht eingelöst, was natürlich auch an institutionellen und politischen Blockaden liegt. Aber wie gesagt: Wer, wenn nicht Trump, ist der perfekte Akteur, um diese Blockaden zu zerstören?
„Degrowth by Disaster“
Um Trumps Wirtschaftspolitik zu verstehen, muss man die innere Logik des amerikanischen Kapitalismus kennen. Die USA profitieren seit Jahrzehnten von der Rolle des Dollars als globaler Leitwährung. Solange die globale Nachfrage nach Dollar-Anlagen stabil bleibt, verfügen die USA über außergewöhnlich hohe Verschuldungsspielräume. Schätzungen der Federal Reserve zufolge befindet sich mehr als die Hälfte der Dollarnoten außerhalb der USA. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer Systemarchitektur. Diese Architektur hat jedoch ihren Preis: einen überbewerteten Dollar, der die industrielle Wettbewerbsfähigkeit mindert und strukturelle Handelsdefizite produziert. Die konkreten Folgen sind, dass die wertschöpfende Industrie immer mehr ins Ausland abwandert und anständig bezahlte Arbeitsplätze seltener werden. Die Verlierer sind hauptsächlich die Unter- und Mittelschichten, die immer stärker um angemessen bezahlte Jobs konkurrieren. Ein guter Uniabschluss stellt dabei längst keine Jobgarantie mehr dar. Analysen der New York Fed zeigen etwa eine erhöhte Unterbeschäftigung und schwächere Einstiegsbedingungen für Informatik-Absolventen.
Trumps Antwort darauf ist die Zollpolitik. Sie folgt der US-amerikanischen Logik, sich je nach Situation für Freihandel oder Protektionismus zu entscheiden. Das Ziel sind Reindustrialisierung, höhere Steuereinnahmen und eine bessere Handelsbilanz. Das Problem ist jedoch, dass die amerikanische Wirtschaft strukturell von chinesischen Rohstoffen und Vorprodukten abhängig ist. Eine echte Reindustrialisierung der USA würde eine Lieferkettenwende voraussetzen, die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, in Anspruch nehmen würde. Was Trumps Zölle in der Zwischenzeit bewirken, sind vorwiegend Preissteigerungen und Marktverwerfungen. Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zeigt, dass 96 Prozent der Last durch die erratische US-Handels- und Zollpolitik die US-Käufer tragen und nicht, wie Trump versprach, die anderen.
China hat sich auf diesen Zollkrieg vorbereitet. Peking gibt sich seither als Verteidiger des Freihandels – ein rhetorisches Manöver, das jedoch auch reale Substanz hat. Währenddessen zerstören die USA das multilaterale Nachkriegssystem, von dem sie durch Institutionen wie die Weltbank und den IWF stark profitierten, ohne ein neues errichten zu können. Selbst Symbolfiguren des MAGA-Technokratismus wie Elon Musk verlieren durch die politischen Turbulenzen: Tesla verliert in mehreren Märkten Marktanteile an chinesische Wettbewerber wie BYD, während der politische Rummel weitergeht. Eine bittere Ironie: Der Kapitalismus, den MAGA zu überwinden versprach – jener Kapitalismus, von dem nur die Elite profitiert – wird durch Trumps Wirtschaftspolitik nicht gebrochen, sondern in anderer Form reproduziert. Der linke japanische Ökonom Kohei Saito hat die wirtschaftlichen Konsequenzen von Trumps Politik in einem Gastbeitrag für das Spiegel-Magazin treffend als „Degrowth by Disaster“ beschrieben: kein beabsichtigter Rückbau, sondern ein chaotischer Verfall. Die Nutznießer? Möglicherweise der Globale Süden und die EU, die sich neu sortieren kann. Die Verlierer? Die amerikanische Mittelschicht, die Trump gewählt hat, weil sie Inflation und Kaufkraftverlust nicht mehr ertragen wollte – und die nun durch Zölle genau das erlebt, was sie erschöpft.
Der Dealmaker und die Welt
In der Außenpolitik schien Trump zunächst erfolgreich zu sein. Die Reizüberflutungsstrategie seines Weißen Hauses – Beobachter ziehen Parallelen zu Nixon – erzeugt täglich Schlagzeilen, treibt die Gegner zur Erschöpfung und präsentiert den Präsidenten als aktiven, unberechenbaren Gestalter. Panamakanal, Grönland, NATO-Forderungen, Ukraine-Verhandlungen: Trump ist überall und nirgends. Beim Ukraine-Konflikt hat Trump tatsächlich eine neue Kostenverteilung durchgesetzt – zulasten Europas. Ein wachsender Teil der finanziellen Unterstützung für die Ukraine wird inzwischen von europäischen Staaten getragen – für Waffenlieferungen, Wiederaufbauhilfen und teilweise auch für zusätzliche Rüstungskäufe. Dazu kommen noch die Kosten durch Trumps erratische Zollpolitik. Amerika hat sich aus der Finanzierungsverantwortung herausmanövriert, ohne den Krieg beendet zu haben. Das ist kein Frieden, das ist Kostenexternalisierung. Für die amerikanische Mittelschicht springt dabei nichts heraus – die Rüstungskonzerne und Banken profitieren, aber nicht die breite Masse.
Im Nahen Osten hat Trumps angeblicher Isolationismus schnell seine Grenzen offenbart. Die Eskalation zwischen Israel und Iran in den Jahren 2025 und 2026 zog die USA tiefer in regionale Konflikte hinein, als es Trumps Rhetorik je zugelassen hätte. Trumps Versuch, gleichzeitig mit dem Iran zu verhandeln und Israel Rückendeckung zu geben, brachte ihm den Vergleich mit einem Gangster ein: jemand, der den Brand legt und gleichzeitig den Feuerwehrmann spielt. Der Isolationismuskurs wirkte fortan unglaubwürdig und sorgte auch für Konflikte in der Partei der Republikaner, wie die Beispiele Thomas Massie und Marjorie Taylor Greene zeigen. Trump wandte sich von ihnen ab, nachdem sie unter anderem seine Pro-Israel-Politik kritisiert hatten. Die präsidentielle Außenpolitik ist aktivistisch in der Form, aber substanzlos im Ergebnis: Sie produziert keine stabilen Ordnungen, sondern nur temporäre Deals. Und der Vorstadtbewohner an der Ostküste zahlt unterdessen seine Kreditkartenraten, während er händeringend nach einem neuen Job sucht.
Der Populismus frisst seine Kinder
Es wäre zu einfach, das Scheitern Trumps als individuelles Versagen zu betrachten. Das strukturelle Problem liegt tiefer, nämlich im Wesen des Trumpismus selbst. Die MAGA-Bewegung hat die „GOP“ konvertiert, den Neokonservatismus absorbiert, den Staatsinterventionismus salonfähig gemacht und die Migrationsfrage zumindest rhetorisch zur Schicksalsfrage erhoben. Das ist eine beachtliche kulturelle Leistung. Doch sie hat keine neue politische Grammatik entwickelt, die die strukturelle Macht tatsächlich verändert. Der Populismus mobilisiert über Gefühle: das belohnende Gefühl der Bestrafung sowie die Befriedigung, dem Establishment endlich die Rechnung zu präsentieren. Das funktioniert als Wahlkampfinstrument. Als Regierungsprogramm taugt er jedoch nur begrenzt, da Regieren keine kathartische Handlung ist, sondern die mühsame Transformation von Strukturen erfordert. Und genau diese Strukturen – die Finanzialisierung des Kapitalismus, die Privatisierung von Staatsaufgaben und die Dollarhegemonie – berührt Trump jedoch nicht. Er inszeniert Wandel, während die Verhältnisse bleiben. Im Gegenteil, er will diese Strukturen sogar noch verstärken. Es ist derselbe Inhalt, aber eine neue Form. Maßnahmen wie das Verbot für institutionelle Anleger, Einfamilienhäuser zu erwerben, oder die Verlängerung der Hypothekendarlehensdauer auf 50 Jahre wirken hier eher nur symbolisch.
Mit anderen Worten: Trump will das US-Imperium retten und neu aufstellen, während ein Großteil seiner Wähler unter den Konsequenzen dieser Politik leidet. Dazu gehören Kriege im Ausland und hohe finanzielle Kosten. Zwar hält ein großer Teil der MAGA-Wähler noch zu Trump, aber vor allem unter unabhängigen Wählern und unter jüngeren Weißen ohne hohen Bildungsabschluss verliert er laut neuesten Umfragen an Vertrauen. So zeigt eine CNN-Umfrage vom Februar 2026, dass Trumps Zustimmungswert unter Unabhängigen von 43 Prozent im Februar 2025 auf 26 Prozent gefallen ist – ein Minus von 17 Punkten. Eine Umfrage von Economist/YouGov zeigt einen Rückgang der Zustimmung von 48 Prozent im Februar 2025 auf 25 Prozent im Februar 2026 bei jungen Wählern insgesamt (18–29 Jahre). Für weiße Wähler ohne Collegeabschluss berichtet CNN von einem „23-Punkte-Switch“ – von einem Vorsprung von plus 14 Prozentpunkten im Jahr 2024 zu einem Rückstand von minus neun Prozentpunkten aktuell. Dies wird als „dramatisch eingebrochen“ beschrieben. Hinzu kommt, dass etwa 56 Prozent der Amerikaner überzeugt sind, dass sich das Land in die falsche Richtung entwickelt.
Dies führt zu einem tiefen Widerspruch im Kern des Trumpismus: MAGA sieht im gegenwärtigen Kapitalismus ein System, das nur der Elite nützt. Dieser Befund ist richtig. Doch Trumps Wirtschaftspolitik mit Zöllen, Steuergeschenken für Konzerne und Deregulierung reproduziert genau dieses System in anderer Verpackung. Die Wut der Basis ist real, der Wandel jedoch nicht. Der Showman hat die Bühne gefunden. Ein Drehbuch fehlt.
Nach dem Spektakel kommt die Rechnung
Die Bilanz nach einem Jahr fällt ernüchternd aus. Die Migrationszahlen enttäuschen, gemessen am eigenen Anspruch. Die Wirtschaftspolitik schadet durch Inflation und Handelschaos ausgerechnet denjenigen, die sie schützen soll. Die Außenpolitik erzeugt zwar Bilder, aber keine Stabilität. Und die amerikanische Mittelschicht – der weiße Vorstadtbewohner mit Hypothek, Schulden und schwindendem Vertrauen in staatliche Institutionen – blickt auf ein Jahr Trump zurück und fragt sich, was sich konkret verändert hat. Die Antwort wird sie kaum zufriedenstellen.
Die eigentliche politische Gefahr liegt jedoch nicht darin, dass Trump scheitert. Sie liegt darin, dass durch sein Scheitern die rechte, volksverbundene Idee selbst diskreditiert wird. Wer nach Trump kommt, erntet das Misstrauen, das er gesät hat. Die strukturelle Frage, wie eine politische Kraft die Lebenswirklichkeit der abgehängten weißen Schichten verbessern kann, bleibt unbeantwortet und wird durch die Inszenierungspolitik weiter verdrängt. Trump hat das Amt gewonnen. Die Frage ist, ob er das Amt versteht. Ein Jahr nach seinem Triumph deutet wenig darauf hin. Der Showman spielt seine Rolle perfekt, doch sein Publikum – erschöpft, verschuldet und wütend – wartet noch immer auf die versprochene Veränderung. Das Spektakel geht weiter. Die Rechnung kommt danach.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 39 „America First“ abgedruckt.







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