Das goldene Doktordiplom ist eine im gesamten deutschen Sprachraum übliche Ehrenauszeichnung, welche Universitäten an jene Doktoranden verleihen, die ihre Promotion vor genau 50 Jahren am jeweiligen Hochschulstandort abgelegt und sich darüber hinaus akademisch verdient gemacht haben. Die Zeremonie ist feierlich und der Form nach der Verleihung des akademischen Doktortitels ähnlich. Der Doktorand soll geehrt und seine lebenslange Verbindung zur Alma Mater symbolisch hervorgehoben werden, aber der Erhalt des goldenen Doktordiploms ist keine weitere akademische Qualifikation. Gerade deshalb sind Verleihungen von Goldenen Doktordiplomen eher unspektakuläre Veranstaltungen, die zur erweiterten deutschen Wissenschaftstradition gehören wie die Burschenschaft oder die akademische Zeitangabe.
Absage aus politischen Gründen
Gänzlich unbekannt ist, dass ein potenzieller Empfänger dieser Würdigung – nachdem er bereits von der Universität bestätigt wurde – spontan davon ausgeladen wurde. Genauso ist es jüngst allerdings geschehen, denn eigentlich sollte der österreichische Mathematiker und ÖVP-Politiker Rudolf Taschner am 13. Mai sein Goldenes Doktordiplom von der Universität Wien verliehen bekommen. Die Verleihung an Taschner, welcher lange Zeit als außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität Wien wirkte und zahlreiche Werke zur Mathematik-Didaktik veröffentlicht hat, wurde vom Rektorat und der mathematischen Fakultät befürwortet – allein der Senat der Universität legte sein Veto ein, woraufhin die Verleihung tatsächlich abgesagt wurde.
Grund für die plötzliche Absage an Taschner waren einige angeblich kontroverse Aussagen desselben, welche in einen gesellschaftspolitischen, nicht aber in einen wissenschaftlichen Zusammenhang fallen. Der Senatsvorsitzende Stefan Krammer sagte hinsichtlich der angeblich die Würdigung Taschners unmöglich machenden Meinungen desselben, dass es sich hierbei um „Äußerungen in Zusammenhang mit Evidenz, Autonomie und Freiheit der Wissenschaft (insbesondere zum Klimawandel, zu Vergaberichtlinien des FWF [„Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung“; Anm. M. B.] zu Gender und Postcolonial Studies)“ handeln würde. Damit dürfte für den schon länger im Akademischen Leben und in der gesamten Gegenöffentlichkeit Mitlesenden klar sein, woher die – ganz offensichtlich politische – Stoßrichtung der abgesagten Ehrung Taschners herkommt.
Goldenes Doktordiplom: Nur für politisch Opportune
Die beanstandeten Aussagen Taschners nun noch der Güte halber als von der Meinungsfreiheit gedeckt darzustellen – sie sind es natürlich – scheint angesichts einer derart schamlos ins Werk gesetzten öffentlichen Schlappe recht nutzlos. Eher sei darauf verwiesen, dass der Senatsvorsitzende Stefan Krammer noch nachlegt, indem er die tatsächlich recht zahlreichen Verdienste Taschners in der oben bereits zitierten Stellungnahme selbst hervorhebt: „Außer Frage stehen seine besonderen wissenschaftlichen Verdienste im Bereich der Mathematik und seine wichtige Rolle als Wissenschaftsvermittler für die Mathematik in Österreich“. Ganz offensichtlich glaubt der Senatsvorsitzende Krammer – selbst zwar ein Germanist und deshalb für die Frage nach der Evidenz der derzeitigen mathematischen Klimamodelle vielleicht eher ein ungeeigneter Gesprächspartner – dass es bei der Verleihung eines Goldenen Doktordiploms keineswegs allein um das wissenschaftliche Gesamtwerk des zu Ehrenden gehen kann.
Natürlich ist der Erhalt des Goldenen Doktordiploms nun an sich kein Anrecht, aber Taschner mit seinen zahlreichen, durchaus auch populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und Auszeichnungen, hätte sich der Ehrung vermutlich sicher sein können. Damit möchte ich mir nicht Taschners politischen oder wissenschaftlichen Standpunkt hinsichtlich etwa des Klimawandels zu eigen machen – ich konstatiere einfach, wie es seither immer gehandhabt wurde und kann auch erklären, wieso dies im Falle Taschner nun nicht mehr zutrifft.
Taschner griff die Meinungshoheit der Universitäten an
Denn Taschner löckt mit seinen Aussagen wider den Stachel. „Klimawandel, Gender, Postcolonial Studies“ – das bereits angeführte Zitat des Senatsvorsitzenden Stefan Krammers bietet hier ein wunderbares Bingo der gegenwärtigen Abstrusitäten im zeitgenössischen Gelehrtenolymp – sind seit etwa Anfang der 2010er-Jahre Teil der strikten Meinungshegemonie. Wer dagegen von innen her angeht, kann durchaus mal ins Fadenkreuz des AStA geraten, wer sich wie Taschner von außen her dagegen auflehnt, kriegt sein Goldenes Doktordiplom nun mal nicht ausgehändigt. Die hier zugrundeliegenden Mechanismen der Diskursverweigerung und des gezielten Ausschaltens von Widersachern sind derartig bekannt, dass sich mit Blick auf den Fall Taschner eigentlich nur eines davon abhebt.
Erste öffentliche Demütigung für einen Vertreter der „politischen Mitte“
Denn mit Taschner kriegt nun mal auch öffentlich ein politisch als Nationalratsabgeordneter der ÖVP und Wissenschaftssprecher seiner Partei fest im Sattel stehender Vertreter der „politischen Mitte“ die Instrumente gezeigt. Dies könnte darauf schließen lassen, dass sich der innerakademische Wille, Abweichler zu bestrafen, aktuell zu neuen Höhen emporschraubt. Dass der ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti sich nun bemüßigt fühlt, die gesamte Causa Taschner als Folge „ideologischer Scheuklappen“ im Senat der Universit��t zu interpretieren, die es abzulegen gelte, macht jedenfalls deutlich, wie weit dieses Milieu noch von einer nüchternen Analyse der derzeitigen hochschulpolitischen Lage entfernt ist. Denn diese Scheuklappen sind keineswegs erst mit Taschner deutlich geworden, noch sind sie einfach ablegbar: Sie sind ganz essenzieller Teil des Machtgefüges an den Universitäten. Mit dem Fall um den österreichischen Mathematiker wird nun einfach ein Mitglied der Volkspartei abgestraft – gut so, könnte man meinen.



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