Wenn ein Artikel in einem jungen und wenig bekannten amerikanischen Online-Magazine veröffentlicht und nach wenigen Tagen mehrere Millionen Mal aufgerufen wird, kommt man auch als deutscher Schreiberling ins Staunen – insbesondere, wenn er ausgerechnet von den Diskriminierungserfahrungen junger weißer Männer in den Vereinigten Staaten handelt. Erstaunlich ist das nicht, weil das Thema keine Relevanz hätte – erstaunlich ist eher, dass es sich gerade jetzt mit der entsprechenden medialen Aufmerksamkeit Bahn bricht.
Denn man sollte meinen, dass die titelgebende „Lost Generation“, von welcher der Verfasser spricht – gemeint sind die Millenials (1981-1995) – sich etwas früher zu Worte hätten melden können. Aber auch darauf geht der Autor Jacob Savage (selbst ein weißer Millenial) ein: er habe nämlich während seiner Recherche für den Artikel mit sehr vielen betroffenen Männern gesprochen, welche ihm ihren Frust angesichts von offensichtlicher Benachteiligung im beruflichen Kontext aufgrund von Rasse und Geschlecht geklagt haben. Sie hätten aber allesamt darauf bestanden, anonym zu bleiben. Aus Angst vor den bekannten Konsequenzen, die eine öffentlich verfasste Kritik an der woken Hackordnung, in welcher der weiße Mann bekanntlich ganz unten steht, gerne mal so nach sich ziehen kann.
Unheilige Trias: Diversity, Equity, Inclusion
Wie aus dem Essay hervorgeht, sind es besonders klassisch akademische Berufsfelder (Savage beruft sich vor allem auf die Erfahrungen von Journalisten und Medienmachern, schildert aber beispielsweise auch den signifikanten Rückgang von männlichen Google-Mitarbeitern oder neuen männlichen Professoren), in welchen die in Amerika unter dem Kürzel DEI bekannten Diskriminierungsmaßnahmen wirkmächtig sind. Diversity, Equity und Inclusion – auch in Deutschland sind diese Schlagwörter der Diversität, der Gleichheit und der Inklusion, welche für eine Ideologie stehen, die den weißen Mann als privilegierten Unterdrücker aller anderen, vor allem aber von Minderheiten ansieht, längst ein Begriff. Savage macht das Jahr 2014 als jenen Zeitpunkt aus, an dem DEI-Maßnahmen in Amerika flächendeckend und vehement wirksam geworden seien.
Die von Savage sorgfältig recherchierten und minutiös aufbereiteten Zahlen, die auf einen tatsächlich massiven Rückgang von weißen jungen Männern in so unterschiedlichen Branchen wie Journalismus, Medizin und selbst der IT hinweisen, untermauern seine Einschätzung.
Liberale Enttäuschungen
Ich kann die Lektüre des Textes in diesem Sinne empfehlen: Es handelt sich um eine datenbasierte Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema. Was ich aber keineswegs loben werde, ist der durchgängig larmoyante Tonfall, welcher insbesondere in den zitierten Passagen der Opfer von DEI-Diskriminierung vorherrscht. Es handelt sich bei diesen nämlich mehrheitlich um Fälle von desillusionierten Liberalen, welche etwa mit der politischen Linie der Obama-Administration vermutlich noch überhaupt keine Probleme hatten. Savage selbst beschreibt die von ihm befragten Männer so:
„Most of the men I interviewed started out as liberals. Some still are. But to feel the weight of society’s disfavor can be disorienting. We millennials were true believers in race and gender-blind meritocracy, which for all its faults—its naïveté about human nature, its optimism in the American Dream—was far superior to what replaced it.“
„Die meisten Männer, die ich interviewte, waren früher Liberale. Manche sind es noch. Aber das Gefühl, gesellschaftlich in Ungnade gefallen zu sein, kann verwirrend sein. Wir Millenials waren echte Anhänger der Meritokratie, welche weder Rasse noch Geschlecht kennt. Diese war bei all ihren Fehlern – ihrer Naivität hinsichtlich der menschlichen Natur, ihrem Optimismus den amerikanischen Traum betreffend – wesentlich besser als das, was sie nun ersetzt hat“. (Übersetzung M. B.)
All die von den Idealen des linksliberalen Hauptstroms so tief überzeugten angehenden Journalisten und Filmemacher reagierten laut Savage also „verwirrt“ auf den Umstand, dass die folgerichtige Konsequenz der von ihnen akzeptierten Politik – die DEI-Maßnahmen – ihnen die Karriere verhagelte. Dass die „farbenblinde Meritokratie“, welcher sie hinterhertrauern, dabei nicht der Gegenentwurf, sondern eher die – zugegebenermaßen verlogene – dialektische Vorstufe von DEI war, verstehen sie auch nicht. Ihren Unmut über die erfahrene Diskriminierung äußern sie dann etwa zehn Jahre später. Dabei blieben sie aus Angst vor Konsequenzen noch anonym und sprechen sich auch nur auf die explizite Nachfrage eines Leidensgenossen aus.
Diskriminierung gegen Weiße – auch in Deutschland?
Es ist davon auszugehen, dass auch in Deutschland eine vergleichbare Benachteiligungspolitik gegen junge weiße Männer im Entstehen begriffen ist – insbesondere an den Universitäten. Zwar sind die entsprechenden deutschen Zahlen noch keineswegs so auffällig, wie die von Savage zitierten, aber viele Universitäten bekennen sich längst zu der Tatsache, dass sie zur „Förderung von Frauen in der Wissenschaft“ bei gleicher Qualifikation eine weibliche Bewerberin einem männlichen vorziehen würden, wenn es um die Besetzung von Lehrstühlen geht. Wer wie der Verfasser dieses Textes jüngst einen geisteswissenschaftlichen Studiengang absolviert hat, der hat noch ganz andere Anekdoten auf Lager.
Manifest einer kastrierten Generation
Mit Blick auf den Essay von Savage lässt sich festhalten, dass die umrissene Entwicklung nur folgerichtig ist, denn die von DEI-Maßnahmen negativ betroffenen Millenials haben ersichtlich wenig getan, um gegen die Benachteiligung vorzugehen. Es ist deshalb stimmig, dass die systematische und über mindestens ein Jahrzehnt ins Werk gesetzte Diskriminierung einer so großen Zahl von Männern erst mit einer solchen zeitlichen Verzögerung zum medienwirksamen Politikum wird. Der virale Erfolg von Savages Essay mag aufzeigen, dass die beschriebenen Erfahrungen einen breiten Resonanzraum finden – aber von diesem ist noch kein konkreter Weg hin zu einer Besserung der Verhältnisse zu erkennen, zumal es für viele der betroffenen Männer nun wohl ohnehin zu spät sein dürfte.
Man kann „The Lost Generation“ von Jacob Savage deshalb als das hintendrein geschobene Manifest einer politisch und ökonomisch kastrierten Generation weißer liberaler Männer lesen. Auch wenn die Entwicklung, welche in Amerika längst zum ideologischen Exzess geführt hat, in Deutschland noch weniger prominent ist, müssen alle ihre erkennbaren Auswüchse deshalb konsequent rückabgewickelt werden.



Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!