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Akademisches Leben
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Notizen eines Fuxen (3) – Lebensgefühl Burschenschaft

Wo ein Studium mit Freiheit lockt, bleibt letztlich eher Ungebundenheit, Orientierungslosigkeit und Vereinzelung. Jung-Burschenschafter Siegfried Jäger zur Gefühlswelt des Verbindungswesens.

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Notizen eines Fuxen (3) – Lebensgefühl Burschenschaft
(Bild: Privat)

Das Studentenleben verlief in seinen groben Zügen glanzlos. Neben dem schlechten Wetter vermochte auch meine Universität dieses düstere Gefühl nicht sonderlich aufzuhellen. Das Studium war nett, wobei sein größter Vorteil darin lag, weniger Zeit einzunehmen, als die Schule es bisher tat. Eine kuriose Diagnose, wenn der Vorteil einer Sache darin liegt, dass man ihr möglichst wenig nachgehen muss. Gleichzeitig sträubte ich mich dagegen, dem Student-Sein mehr Raum zu geben, als es das Minimum gewesen wäre. Sicher, ich erledigte meine Aufgaben gewissenhaft und gab mir bei dem einen oder anderen Arbeitsauftrag zu Hause sogar Mühe. Mein Ausleben des Studententums war jedoch vollkommen leidenschaftslos, weniger in einem erhabenen, kontrollierten Sinn als vielmehr stoisch ertragend. Mit dem Umstand, nun nicht mehr Schüler noch Bohème in der Phase zwischen Schule und Studium zu sein, sondern nun dem Studentenstand anzugehören, konnte ich mich dabei am wenigsten anfreunden.

Überhaupt, der Begriff erschien mir beinahe beleidigend. Plötzlich hatte ich mich durch die Bezeichnung „Student“ mit Menschen gemein zu machen, die mir im besten Fall als merkwürdig, und dies nicht im positiven Sinne, erschienen. Natürlich wusste ich, dass die Universität, besonders ihre geisteswissenschaftlichen Studiengänge, links dominiert war, und doch hatte ich in der Hoffnung des naiven Erstsemesters gedacht, unter der roten Schale verberge sich doch noch ein zumindest in Teilen ganz anständiger Kern. Da diese Hoffnung unerfüllt blieb, blieb nur die Möglichkeit der inneren Emigration in die selbstgewählte Isolation und meine Präsenz im Hörsaal glich eher der eines Einsiedlers.

Vom Studenten zum Waffenstudenten

Kurzum, Student zu sein, lehnte ich ab. Den Stand, meine Standesgenossen und jede Aktivität, welche nicht in Richtung Abschluss wies. Hätte mich jemand nach meiner Profession gefragt, so hätte ich mich vermutlich mit solch kreativen Ausflüchten herausgeredet, dass man mich wohl für einen Sophisten gehalten hätte.

Und plötzlich trug ich ein Band um die Brust, auf einmal lernte ich, was es hieß, Student zu sein: Waffenstudent. Nun stand ich Menschen gegenüber, die so etwas wie einen studentischen Ehrbegriff pflegten, der nicht daraus bestand, auf Fleisch zu verzichten und der Erste bei der Ausgabe durchgekochter Nudeln in der Mensa zu sein. Ich fand mich in bisher unbekannten Situationen wieder und erlebte Dinge, die zu Beginn meines Studiums lediglich meiner blühenden Fantasie entsprungen wären. Innerhalb dieser Erfahrungen stimmten wir nach der Fuchsenstunde das Lied an: „Brüder, auf, erhebt die Klingen“. Dass ich dabei erneut unter Beweis stellen konnte, dass die schlechten Noten in Musik wohlverdient waren, rückte in den Hintergrund, als ein Wort ertönte: „Burschenadel“.

Da war dieser Begriff, der auf einmal das Gefühl einfing, das ich in den vergangenen Wochen und Monaten die ganze Zeit geatmet hatte. Das späte Zusammensitzen in Conventen, zusammengehalten von selbst auferlegten Restriktionen und Normen. Das Pauken, das Schwingen des Schlägers, das den meisten vermutlich anachronistisch erschien. Das Sitzen auf dem Balkon einer Stadtvilla, während sich Kommilitonen ins hohe Gras des Stadtparks pflanzten. Das Schreiten durch die Gänge voller Kommilitonen, gleich einem Wissenden unter den Unwissenden, einem Eingeweihten unter den Laien.

Diese Gemeinschaft entstand nicht bloß aus Zweckmäßigkeit; sie war keine Fachschaft und auch keine reine Wohngemeinschaft. Hier fanden sich junge Männer, die den verschiedensten Orten Deutschlands entstammten, aus verschiedenen Fächern und an unterschiedlichsten Punkten ihres Studiums, zusammen. Mit dem Anlegen des Bandes verband sich dann die Zusage, füreinander einzustehen. Mit diesem gegenseitigen Versprechen kam das Gefühl der Erhabenheit, durch das Wissen darum, dass die anderen für einen einstehen werden, und durch die selbst auferlegte Pflicht und Bürde, dasselbe ihnen gegenüber gleich zu tun. Das war das Gefühl, welches dem Begriff des Burschenadels mit Perfektion einzufangen gelang. Er bestand in der Verpflichtung, höhere Maßstäbe zuerst an sich selbst anzulegen, nicht nur der Pflicht zu genügen, nicht nur der nächsten Hausarbeit nachzujagen, sondern für eine Sache einzustehen, nicht nur dem Worte nach, sondern bereit zu sein, das gegebene Wort auch mit der scharfen Klinge zu verteidigen.

Freiheit durch Bindung

Die Verbindungswelt lockte plötzlich mit einem ganz anderen Freiheitsbegriff. Wahrlich ist es keine Freiheit von den Dingen, sondern die Freiheit zu einer Sache. Möglichkeiten, die sich ergaben. Pflicht trat im Kalender an Stellen, wo zuvor gähnende Leere bestanden hatte, und sich nun Termine zum Convent, zu den Kneipen sowie zu Pauk- und Fuchsenstunden fanden. Inmitten dieser Pflichten schafft die Verbindung Raum und Möglichkeiten, echte Freundschaften zu knüpfen, und so fand ich die ersten Kontakte in der Uni, welche über periphere Gespräche über die aktuelle Vorlesung und kurze Großworte hinausgingen. Davor war mein Studentenalltag vor allem gekennzeichnet durch das Wandeln im Nichts, meine Erfahrung aus dem ersten Semester: Vollkommene Ungebundenheit.

Die Verbindung brachte mich so dazu, das Studentsein zu bejahen, ungeachtet jener, welche sich ebenso nannten. Sie zeigte eine neue Welt des Studententums. Eine, welche vieles von dem realisierte, was zuvor nur im Kopf vorhanden war. Fechten lernen, alte Häuser und Einrichtungen aus der Gründerzeit – es war die Erfüllung einer langen Hoffnung auf etwas, von dem man kaum erwartet hätte, dass es eintreten würde, und das besonders nicht im Rahmen der Studienzeit. Die Universität blieb dabei unverändert, das Wetter wandelte sich zwar von Regen zu brütender Hitze, jedoch vermochte dies wenig an der Zusammensetzung der Studenten zu ändern. Doch da war etwas Weiteres, ein Ausweg. Eskapismus, sicher, Rückzugsort und die Möglichkeit, Haltung und Würde zu wahren. Stein, dort vorzufinden, wo der Sand der Beliebigkeit fortweicht. Vielleicht ist dies das eigentliche Lebensgefühl der Burschenschaft. Ein Dualismus, der sein Gegenstück jeweils für den anderen Teil als Voraussetzung benötigt. Zugehörigkeit, die zugleich Halt und Forderung ist, Freiheit, die Bindung voraussetzt, und Treue, die gegeben und empfangen wird.

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