„Man kann sagen, was man will. Formen sind kein leerer Wahn“ – dieser viel zitierte Satz aus Heinrich Manns Der Untertan hält für das Verbindungswesen gleich mehrere Wahrheiten bereit. Zum einen in seinem reinen Wortgehalt, zum anderen, über den satirischen Charakter von Manns Darstellung, auch die Kritik, dass Verbindungen immer wieder Ritualen anhängen, deren Sinn nicht ersichtlich, zwanghaft konstruiert oder schlicht nicht vorhanden ist. Natürlich muss man das Korporationswesen in dieser Hinsicht gegen solche Pauschalisierungen in Schutz nehmen, aber es steht außer Frage, dass jeder Verbindungsstudent mindestens einmal mit einem Brauch des Couleurwesens konfrontiert wurde, bei dem nicht nur er, sondern auch seine Bundesbrüder keine Erklärung dafür hatten, warum dies oder jenes eigentlich so oder so gemacht wird.
Am deutlichsten wird dieses Problem in den Bereichen, die weder für den täglichen Umgang existentiell sind noch regelmäßig in ihrer formalen Gesamtheit eingefordert werden. Den Waffenstudenten sind die Mensurangelegenheiten und die damit verbundenen Verhaltensweisen schon nach kurzer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen, die jungen Füxe fürchten zu Recht, sich und ihren Bund zu blamieren, und werden nicht selten dazu angehalten, zu diesem Thema gänzlich zu schweigen.
Vom Biercomment zur Biermüdigkeit
Das gilt allerdings nicht für die beliebteste Freizeitbeschäftigung aller Verbindungsstudenten: Dem Biertrinken. Man mag sich gegen dieses von Außenstehenden oft geäußerte Vorurteil wehren, aber in der Masse aller Verbindungen ist und bleibt das gemeinsame Biertrinken die Grundlage des Verbindungslebens. Nicht umsonst gab es lange Zeit neben dem individuellen Mensurcomment für jeden Hochschulort einen eigenen Biercomment, die in ihrer Vielfalt erst 1899 im Allgemeinen Deutschen Biercomment auf eine gemeinsame Grundlage gestellt wurden. Schon damals stand das rituelle Besäufnis in den Kneipen in der Kritik, wie auch im Vorwort vermerkt wird:
„Aber für die fanatischen Gegner studentischer Sitte, für solche, die in jeder Weinflasche einen Nagel zum Sarge der Menschheit und in jedem Bierkrug einen Baustein zu deren Grabgewölbe sehen, ist dies Büchlein ja nicht gedruckt worden […].“
Und auch wenn nicht jedes alkoholische Getränk gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwört, so fällt doch auf, dass gerade erfahrene Burschenschafter entweder sehr trinkfest bleiben oder zu fast abstinenten Gelegenheitstrinkern mutieren. Man hört auch immer wieder von der „Biermüdigkeit“, die sich nach einigen Semestern des fröhlichen Studentenlebens einstellt und sich bis zur Entfremdung vom Verbindungswesen insgesamt steigern kann, wenn kein entsprechender Ausgleich gefunden wird. Natürlich hängt viel von den einzelnen Personen und dem Wesen ihrer Korporation ab, aber solche und ähnliche Fälle gibt es zur Genüge.
Warum Regeln den Exzess begrenzen
Nützt oder schadet das ritualisierte Trinken nun dem Verbindungswesen? Diese Frage lässt sich wohl am besten mit einem Blick auf das Gegenteil beantworten. Denn gerade dort, wo es keine Ordnung für den Konsum von Rauschmitteln gibt, wo er nicht in Abläufe und Regeln eingebettet ist, geht das Notwendige über das Gesunde hinaus, und die Beliebigkeit hält Einzug. Wenn Kneipen oder Kommerse mit nur einer oder gar keiner Pause durchgestanden werden müssen, überlegt sich jeder zweimal, wie viel Bier und Wein in die eigene Blase passt.
Gerade dort, wo Kneipe nicht gleichbedeutend ist mit zwanglosem Besäufnis mit Gesangseinlagen, blüht dieses Ritual nicht nur auf, sondern wird zu einer regelrechten Institution. Eine gewagte These wäre sogar, dass erst die Verlagerung des Trinkens aus den öffentlichen Wirtshäusern in die privaten Kellerkneipen eine derart ausufernde Formlosigkeit der studentischen Trinkkultur ermöglicht hat – Widerspruch ist durchaus erwünscht.
Zwischen Tradition und Trendwende
Ob Kneiptafel oder Tresen: Alkohol und Burschenschaft gehören zusammen wie Licht und Schatten. Gleichzeitig sollten sie aber auch nicht pars pro toto füreinander stehen, die Gründe dafür liegen auf der Hand. Eine Rückbesinnung auf geregeltere Feiern würde vielen Verbindungen guttun, wenn auch diese Formen mit einer intrinsischen Motivation zu ihrer Aufrechterhaltung verbunden sind und nicht nur als wahnhafte Form der Disziplinierung der Mitglieder verstanden werden. Während der Alkoholkonsum als soziales Schmiermittel in einem so dichten Zusammenleben wie dem der Verbindungen unverzichtbar ist, kann er insbesondere bei Männern auch zum Problem- und Stressfaktor werden, wenn er nicht in geordnete Bahnen gelenkt wird.
Seit Jahren sinkt die Beliebtheit des Alkohols bei Jugendlichen, und wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, wird auch das Verbindungswesen darauf reagieren müssen. Es wäre fatal, wenn das Verbindungswesen eine solche Trendwende verschlafen und seine zeitlosen Ideale mit inhaltsleeren Formalismen und Bräuchen verwechseln würde. Gleichzeitig würden in diesem Fall andere Elemente in den Vordergrund treten müssen und Verbindungen, die in dieser Hinsicht schwach aufgestellt sind, vor existenzielle Herausforderungen stellen.
Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich in der Ausgabe 27/2025 des Akademischen Lebens.



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