Man mag es kaum glauben, doch es existieren tatsächlich Studentenverbindungen jenseits des burschenschaftlichen Kosmos. Obwohl es die Burschenschaften sind, die meistens in den Medien erwähnt und oft – fälschlicherweise – als repräsentativ für alle Studentenverbindung betrachtet werden, machen sie nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Korpo-Landschaft aus. Aber was sind eigentlich diese Landsmannschaften, Corps und sogenannten Nichtschlagenden?
In der Bundesrepublik Deutschland existieren ungefähr 1.000 Studentenverbindungen. Nur knapp 200 davon sind Burschenschaften – also Bünde, die sich als politisch verstehen (wo die Trennlinien zwischen den Burschenschaften liegen, kann hier nachgelesen werden). Doch was verbirgt sich hinter den rund 800 anderen? Jede Art der Studentenverbindung genau zu erklären, würde den Rahmen eines Artikels sprengen und wäre eher Stoff für ein Lexikon mit Überlänge. Doch das Schaffen eines groben Überblicks über ein paar der wahrscheinlich relevantesten Arten der Korporationen, ist durchaus machbar.
Landsmannschaften
Die Urburschenschaft in Jena wurde im Jahr 1815 aus einem Zusammenschluss von vier Landsmannschaften gegründet. Man wollte eine neue Art der Studentenverbindung gründen. Eine, die gesamtdeutsch denkt. Und hier zeigen sich bereits zwei zentrale Aspekte der Landsmannschaften: Sie sind älter als Burschenschaften, sogar allgemein die älteste Art der Verbindung, und haben Wurzeln, die im Gegensatz zur Urburschenschaft nicht als deutschnational bezeichnet werden können. Ihr Ursprung liegt, wie der Name es schon vermuten lässt, in der Unterscheidung zwischen deutschen Ländern. Bereits zur Mitte des 18. Jahrhunderts schlossen sich vermehrt Studenten mit Kommilitonen zusammen, die aus derselben Region stammten – Hannoveraner, Holsteiner, Mecklenburger, Pommern und so weiter.
Doch schon im Verlaufe desselben Jahrhunderts mussten sich zahlreiche Landsmannschaften aufgrund von Auseinandersetzungen mit den Universitätsbehörden wieder auflösen. Die Gründe dafür waren die Sorge, die Landsmannschaften könnten durch ihre selbstständige Organisation und eigenen Regeln die Autorität der Universitäten untergraben, eine Betrachtung des studentischen Fechtens als „Ordnungsproblem“, Alkoholexzesse und eine damit verbundene Disziplinlosigkeit sowie Panik vor „Geheimbünden“. Und auch unter der französischen Besatzung ab 1806 ging es mit einer erzwungenen Auflösung der Landsmannschaften weiter. Sie konnten nur im Verborgenen weiterbestehen, waren eher lose organisiert oder gaben sich um die Jahrhundertwende den Namen „Corps“, um das Verbot umgehen zu können. Erst ab 1837 gründeten sich wieder Verbindungen, die sich ganz offiziell als Landsmannschaft bezeichneten. Sie gaben allerdings das Regionalprinzip auf und nahmen fortan Mitglieder unabhängig ihrer Herkunft auf. Auch das Lebensbundprinzip wurde eingeführt. Die landsmannschaftlichen Namen blieben allerdings erhalten.
Im Jahr 1868 gründete sich in Kassel der „Allgemeine Landsmannschafts-Verband“, der sich 1872, nachdem Coburg als Tagungsort gewählt wurde, zuerst in „Coburger Landsmannschafter Convent“ und im Jahr 1908 nach zahlreichen Streitigkeiten, Austritten, Spaltungstendenzen und Wiedereintritten in „Deutsche Landsmannschaft“ (DL) umbenannte. Die Deutsche Landsmannschaft vertrat das Prinzip der unbedingten Satisfaktion, wonach Contrahagen stets angenommen werden mussten, war politisch und konfessionell ungebunden und hatte den Wahlspruch „Ehre-Freundschaft-Vaterland“. 1936 wurde die Deutsche Landsmannschaft aufgelöst. Nach dem zweiten Weltkrieg schlossen sich 1951 die Landsmannschaften der ehemaligen DL mit den Turnerschaften des Turnerschafts-Dachverbands „Vertreter-Convent“ zum bis heute bestehenden Dachverband „Coburger Convent“ (CC) zusammen. Dieser ist mit zwei Partien Pflichtschlagend und verfügt über rund 90 Mitgliedsbünde in der Bundesrepublik und in Österreich. Nur eine recht geringe Zahl an Landsmannschaften ist nicht im Coburger Convent organisiert und nicht pflichtschlagend. Landsmannschaften verstehen sich allgemein als unpolitisch, sind bis heute religiös ungebunden und gelten in ihrem Auftreten als „bodenständiger“ als die nächste Art der Studentenverbindung, die nun unter die Lupe genommen wird.
Corps
Wie bereits erwähnt, wandelten sich im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert mehrere Landsmannschaften in Corps um, womit Landsmannschaften als die Wurzel der Corps bezeichnet werden können. Wie bei den Landsmannschaften bezogen sich die Namen der Verbindungen anfangs auf die Herkunft ihrer Mitglieder (Saxonia, Holsatia, Bavaria etc.). Neu war die Gründung sogenannter Seniorenconvente (SC) die einen Comment, also ein Regelwerk für die Studentenschaft des jeweiligen Hochschulortes vorgaben. Die Corps verstanden sich als Tonangeber für die Studenten, denen man sich anzupassen habe. Sie legten einen höheren Wert auf Standesehre und auf allgemeine soziale Differenzierung als Landsmannschaften. Während zwar sowohl Corps als auch Landsmannschaften unpolitisch waren und sind, galt das Corpsstudententum im Vergleich als strukturkonservativer und aristokratischer angehaucht. Erstmals historisch einwandfrei nachweisbar ist der Begriff „Corps“ für eine Studentenverbindung im Jahr 1810 in Heidelberg.
Mit dem Auftreten der Urburschenschaft und deren Anspruch, die deutsche Studentenschaft zu einen, kam es zu Konflikten mit den SCs. Als in den Folgejahren auch noch weitere verschiedene Arten der Korporationen entstanden, betrachteten die Corps dies als Herausforderung gegenüber der Allgemeingültigkeit ihrer SC-Comments und sahen sich veranlasst, sich überregional zu organisieren, was letztendlich zur Gründung einer „Corpsversammlung“ von elf SCs vom 15. bis 17. Juli 1848 in Jena führte. In den Folgejahren tagte diese Versammlung in Bad Kösen, was zuerst zum Namen „Kösener Congress“ und später „Kösener Senioren-Convents-Verband“ (KSCV) führte.
Am 07. April 1963 gründete sich in Frankfurt am Main ein weiterer Dachverband, um die Corps an technischen Hochschulen zu versammeln, die dem KSCV, der nur geisteswissenschaftliche Universitätsstandorte umfasste, nicht beitreten konnten. Der Tagungsort des Dachverbandes, der zuerst „Allgemeiner Seniorenconvent“ hieß, ist seit 1964 Weinheim, was wenige Jahre später zu einer Umbenennung in „Weinheimer Seniorenconvent“ (WSC) führte.
Sowohl der KSCV als auch der WSC lösten sich während der Zeit des Nationalsozialismus im Jahr 1935 auf. Beide Verbände rekonstituierten sich kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Der KSCV zählt rund 100 und der WSC knapp 60 Mitgliedsbünde in seinen Reihen. Beide Dachverbände sind pflichtschlagend, unpolitisch und religiös ungebunden. Allgemein ist zu beobachten, dass in den Corps ein anderer Umgang gepflegt wird als beispielsweise in den Landsmannschaften. Die in der Historie der Corps sehr bedeutende Standesehre und der besonders elitäre Anspruch führen dazu, dass so manch einer den „Currys“ nachsagt, ihre Nase wäre zuweilen ein wenig zu weit oben.
Katholische Studentenverbindungen
Die Urburschenschaft war klar protestantisch geprägt. Bei den Regierungen der deutschen Länder sah es damals nicht anders aus. Im Zuge des Kulturkampfes zwischen Preußen und der katholischen Kirche, der sich nach der Reichsgründung im Jahr 1871 sogar noch zuspitzte, kam es zur Gründung mehrerer Vereinigungen katholischer Studenten, die sich teilweise zu katholischen Studentenverbindungen weiterentwickelten.
Der erste katholische Studentenverband, der Schweizerische Studentenverein (StV), entstand im Jahr 1841 in der Schweiz und verstand sich als katholisch-konservatives Gegengewicht zu dem progressiven studentischen Schweizerischen Zofingerverein. Inzwischen steht der StV auch weiblichen Mitgliedern offen, versteht sich nicht mehr als konservativ und nimmt auch Protestanten auf. Auf heutigem bundesrepublikanischem Gebiet kam es im Jahr 1844 mit der Gründung der Bavaria Bonn zur Entstehung der ersten katholischen Korporation. Weitere Gründungen an anderen Hochschulorten – beispielsweise Münster und München – folgten wenige Jahre später. Wie auch in der Schweiz war den Mitgliedern von Beginn an das Fechten von Mensuren verboten. Der Grund dafür war die Auffassung, die Mensur würde die christliche Ethik verletzen.
Die Gründung des größten katholischen Dachverbandes, dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), wird auf die Begründung eines Cartellverhältnisses zwischen Aenania München und Winfridia Breslau, dem in den Folgejahren zahlreiche weitere Verbindungen beitraten, im Jahr 1856 datiert. Auch gründete sich zu dieser Zeit der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV) der sich vom CV dadurch unterschied, dass die Mitglieder keine Farben trugen und nicht besonders viel Wert auf die Pflege des studentischen Brauchtums gelegt wurde. Die Historie beider Dachverbände war geprägt von Auseinandersetzungen mit dem protestantisch geprägten Couleurstudententum. Seitens der Burschenschaften kam nicht selten der Vorwurf des Ultramontanismus - also der absoluten Treue gegenüber Rom anstelle der Vaterlandstreue - auf.
Nachdem sich auch die katholischen Studentenverbindungen im dritten Reich auflösen mussten, wurde der CV im Jahr 1950 und der KV bereits im Jahr 1948 wiedergegründet. Bis heute sind beide Verbände nichtschlagend, der CV mit rund 120 Mitgliedsbünden farbentragend, während im KV die meisten der knapp 65 Mitgliedsbünde bis heute keine Farben tragen, manche allerdings fakultativ farbentragend sind, also Bänder tragen dürfen. Mit Konrad Adenauer stellte der KV den ersten und mit Friedrich Merz der CV den aktuellen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zu beiden hat der Autor dieser Zeilen eine Meinung, über die der werte Leser gerne rätseln darf.



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