Ursprünglich als Zusammenschluss von Studenten ins Leben gerufen, hatten Burschenschaften das Ziel, die deutsche Einheit zu fördern, freiheitliche Ideale zu stärken und der akademischen Elite eine weltanschauliche Basis zu geben. Im Verlauf der Geschichte haben sich die Burschenschaften jedoch gravierend gewandelt – und damit einhergehend auch ihr Selbstverständnis. Während sie im 19. Jahrhundert oft als Hort der nationalen Idee und als Teil einer aufstrebenden akademischen Elite betrachtet wurden, entwickelten sie sich im 20. Jahrhundert in Anbetracht der größeren Masse an Studenten und den allgemeinen politischen Entwicklungen der Zeit zu einem weitaus breiter aufgestellten Sammelbecken.
Seit den aufkeimenden Studentenbewegungen der 60er-Jahre wirft das linkspolitische Milieu Burschenschaften sowie anderen Korporationen vor, ein Hort des elitären Klüngels zu sein – Seilschaften, starker Selektionsdruck und strenge Riten sollen sie nach Auffassung eben jener externen Beobachter prägen. Sie sollen durch ihre Struktur die Bildung von Eliten fördern und durch ihre im Berufsleben stehenden Bundesbrüder junge Mitglieder in jungen Jahren in exponierte berufliche sowie politische Positionen hieven.
Es ist angebracht, diesem Vorwurf – in Bezug auf Burschenschaften, die anderen Korporationen seien an dieser Stelle ausgeblendet – einer Analyse zu unterziehen und sich mit der Frage zu befassen, inwieweit diese tatsächlich als „elitär“ begriffen werden können; und ob sie nicht sogar im Kontrast Elemente einer Massenbewegung in sich tragen.
Der historische Hintergrund
Die erste Burschenschaft, die Jenaer Urburschenschaft, wurde gemeinhin bekannt 1815 gegründet. Ihre Entstehung war eng mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon und dem Wunsch nach einer nationalen Einheit Deutschlands verbunden. Die Mitglieder waren junge Männer, die überwiegend aus dem akademischen Umfeld stammten. Sie betrachteten sich selbst als Teil einer Avantgarde, die die deutschen Staaten zu einem geeinten Nationalstaat führen sollte.
Burschenschaften gelten historisch und sozial als Teil des bürgerlichen Milieus. Sie entstanden in einer Zeit, in der das Bürgertum in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewann, insbesondere im Bildungs- und Universitätsbereich. Der Ursprung der Burschenschaften liegt in den studentischen Zusammenschlüssen, die sich gegen die monarchische Restauration und für nationale Einheit und bürgerliche Freiheiten einsetzten. Damit verkörperten sie gleich mehrere Ideale des aufstrebenden Bildungsbürgertums.
Diese frühen Burschenschaften standen in engem Zusammenhang mit den Ideen der Aufklärung und des Nationalismus, der sich in ganz Europa nach der Französischen Revolution verbreitete. Sie bildeten zu Beginn einen kleinen Zirkel, der sich sowohl durch ihre intellektuelle und politische Bildung als auch durch ihre soziale Stellung von der Masse abhob.
Die Burschenschaften als Träger von Bildung und Verpflichtung zum Vaterland
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchsen die Burschenschaften zu einflussreichen akademischen Netzwerken heran, die nicht nur innerhalb der Universitäten, sondern auch auf die politische Entwicklung Deutschlands Einfluss nahmen. Nach mehreren Jahrzehnten der Repressionen wuchsen sie zu einem etablierten Bestandteil der Universitätsbetriebes heran. Insbesondere nach der Revolution 1848/49 wurden viele Mitglieder von Burschenschaften zu politischen Führungspersönlichkeiten. Burschenschafter wie Robert Blum, Carl Schurz oder Ludwig Uhland spielten eine Kernrolle im politischen und damit einhergehend auch revolutionären Diskurs der Zeit.
Bereits im Rahmen des Vormärzes bildeten sich neben dem nationalen Selbstverständnis Ansprüche an die eigenen Mitglieder hinaus, die über die Grundsatzfrage eines geeinten deutschen Staates hinausging: Die Förderung der Persönlichkeitsbildung sowie allgemeinen politischen Bildung nahm zunehmend einen ebenso hohen Stellenwert ein. Die Studenten sollten nicht nur akademische Fachleute sein, sondern auch Führungspersönlichkeiten, die nachhaltig das Wesen und Streben der eigenen Nation positiv beeinflussen konnten. Das Ideal der Burschenschaft war es, eine akademische Elite zu formen, die mit staatsmännisch-patriotischer Vorprägung Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen konnte.
Die enge Verbindung von Bildung und Nationalismus machte die Burschenschaften zu einem Schmelztiegel für nationale Ideen und bürgerliche Emanzipation. Sie verstanden sich als eine Art Elite des Geistes, welche dafür prädestiniert war, die Führung in einer zukünftigen großdeutschen Nation zu übernehmen. Gleichzeitig sahen sie sich als Verfechter demokratischer und liberaler Ideen, die im Gegensatz zur reaktionären Politik der Fürsten standen.
Der Wandel der Burschenschaften im Kaiserreich und der Weimarer Republik
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 änderte sich die Rolle der Burschenschaften. Der ursprüngliche nationale Gedanke hatte nun in weiten Teilen seinen Zweck erfüllt. Stattdessen entwickelten sich die Burschenschaften mehr zu Gruppierungen, welche die Monarchie, die große Anteile ihrer über die Jahrzehnte währenden Forderungen übernahm, unterstützten und eine distanzierte Haltung gegenüber der Sozialdemokratie einnahmen.
Besonders nach dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik wandelte sich die inhaltlich-weltanschauliche Basis der Burschenschaften in ihrer Gewichtung von der Wahrung freiheitlicher Ideale hin zu der Frage nach einem souveränen, geeinten Deutschland ab. Das „Vaterland“ stand im Ergebnis in der Gewichtung über der „Freiheit“. Das Weimarer Diktat galt noch mehr als in der breiten Masse als verpönt. Während dieser Zeit waren viele Burschenschafter in paramilitärischen Verbänden wie den Freikorps aktiv und unterstützten aufstrebende nationale Bewegungen. Ihre Ideale und Aktionen zielten darauf ab, eine nationale Gemeinschaft zu schaffen, die in der politischen Teilhabe nicht auf bestimmte soziale Schichten beschränkt war. Dieser Fokus auf nationale Einheit und gesellschaftliche Teilhabe zeigt bereits hier, dass Burschenschaften nicht nur die Interessen einer exklusiven Gruppe vertreten haben.
Die Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg standen Burschenschaften als solche vor einem tiefen Bruch: Während der gesellschaftlichen und politischen Neuausrichtung der Bundesrepublik Deutschland mussten sie sich neu definieren. Sie standen nun im Spannungsfeld zwischen ihrem historischen Erbe und der Nachkriegsgesellschaft.
Die Krise der Burschenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelte den Konflikt zwischen Elitenbildung und Massenbewegungen wider. Während sich viele Studenten den neuen linken und „progressiven“ Bewegungen anschlossen, blieben die Burschenschaften in ihrer nationalen Identität verankert – trotz zeitweiliger Beeinflussung durch eben jene marxistisch und anarchistisch geprägten Ideen. Dies führte dazu, dass sie fortan zu einer Randerscheinung in der studentischen Kultur wurden.
Die Wurzeln im Bürgertum
Wie bereits beschrieben, verstanden sich Burschenschaften im frühen 19. Jahrhundert als Vertreter der bürgerlichen Bildungselite. Die Mitglieder waren überwiegend Studenten, die aus dem gehobenen Bürgertum stammten. Diese Gruppe war sozial über dem einfachen Volk, aber unter dem Adel angesiedelt. Sie prägte eine neue gesellschaftliche Schicht, die sich durch Bildung und intellektuelle Leistung definierte. Zu ihren Werten gehörten gemeinhin bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Disziplin und gelebte Vaterlandsliebe. Diese Ideale spiegelten sich auch in den Grundsätzen der Burschenschaften wider.
Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts war eine treibende Kraft hinter den nationalen und liberalen Bewegungen. Burschenschaften setzten sich für die Überwindung der Kleinstaaterei in Deutschland und die Bildung eines Nationalstaates ein, was typisch für die bürgerliche Emanzipation jener Zeit war. Auch die Forderung nach mehr politischer Teilhabe und Freiheitsrechten passte in das bürgerliche Selbstverständnis.
Burschenschaften hatten dennoch von Anfang an eine breite gesellschaftliche Ausrichtung, die über elitäre Kreise hinausging. Obwohl sie oft als exklusive akademische Gruppen wahrgenommen werden, gibt es gute Gründe zu argumentieren, dass Burschenschaften in ihrer Struktur, Ideologie und ihrem Einfluss historisch betrachtet eher als Massenbewegung denn als elitäre Organisationen verstanden werden können. Ihr Ursprung, ihre Ideale und ihre Reichweite sprechen dafür, dass sie Elemente einer breiten gesellschaftlichen Bewegung in sich tragen.
Der Ursprung als nationale Bewegung
Wie gemeinhin bekannt, entstanden die ersten Burschenschaften im Rahmen der Befreiungskriege und der nachfolgenden politischen Unruhen in Deutschland. Mit der Gründung der Urburschenschaft orientierte sich der burschenschaftliche Studiosus stark in seinen Idealen an denen der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und, mit deutscher Besonderheit, nationaler Einheit. Diese Ideale entsprachen nicht den Interessen einer kleinen Elite, sondern richteten sich an die breite Volksschicht. Die Studenten, die sich in Burschenschaften organisierten, waren oftmals Sprecher nationaler und radikaldemokratischer Bewegungen, die auf gesellschaftliche Veränderungen abzielten, von denen alle Schichten von ihrer Herkunft unabhängig profitieren sollten.
Gerade das Wartburgfest im Jahre 1817 war dahingehend symbolträchtig, dass Tausende Studenten aus dem gesamten deutschen Raum zusammenkamen, um ihre Forderungen nach nationaler Einheit, Bürgerrechten und politischer Teilhabe zum Ausdruck zu bringen
Die Verankerung in der nationalen Identität
Ein zentrales Merkmal der Burschenschaften ist ferner ihr starker Bezug zur nationalen Identität. Ihre Weltanschauung war seit ihrer Gründung eng mit der Forderung nach einem deutschen Nationalstaat verbunden, der alle Bürger unabhängig von ihrer sozialen Herkunft vereinen sollte. Dies spiegelt die Idee einer Massenbewegung wider, die nicht nur die Interessen einer kleinen Gruppe, sondern das gesamtdeutsche Volk auch losgelöst von akademischen Kreisen als Empfänger betrachtet.
In den Revolutionsjahren 1848/49 spielten viele Burschenschafter eine aktive Rolle in den politischen Umwälzungen. Die Revolution selbst war ein Volksaufstand, bei dem breite Bevölkerungsschichten gegen die Monarchien revoltierten. Viele Burschenschafter sahen sich als Teil dieser Volksbewegung und traten für demokratische Reformen ein, die auch der allgemeinen Population zugutekommen sollten. Diese historische Verflechtung mit breiten gesellschaftlichen Anliegen zeigt, dass Burschenschaften gemäß ihrem historischen Erbe von Beginn an Massen anzusprechen gedachten.
Breite Rekrutierungsbasis
Ein weiteres Argument dafür, dass Burschenschaften in Teilen als Massenbewegung verstanden werden können, ist ihre Rekrutierungsbasis. Burschenschaften stehen traditionell allen männlichen, deutschen Studenten offen, unabhängig von ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Herkunft. Sie sind keine exklusiven Zirkel, die nur einer bestimmten Elite vorbehalten sind.
Dieser offene Rekrutierungsprozess fördert eine recht breite Basis innerhalb der eigenen Mitgliedschaft, die hierbei in ihrem Denken eher einer Massenbewegung als einer kleinen Elite entspricht. Viele Mitglieder kommen nicht aus traditionell gewachsenen Elitenkreisen, sondern aus der mittleren und unteren Mittelschicht. Für viele Studenten bieten Burschenschaften nicht nur soziale Kontakte, sondern auch Unterstützung im Studium und beim Berufseinstieg. Die Tatsache, dass Burschenschaften eine breite Palette von Studenten ansprechen und aufnehmen, unterstreicht tendenziell einen massenhaften Charakter.
Im Gegensatz zu tatsächlich elitären Organisationen, bei denen hohe Mitgliedsbeiträge, kostspielige Veranstaltungen und finanzielle Verpflichtungen oft eine Barriere darstellen, haben Burschenschaften in der Regel moderate Mitgliedskosten, die für die meisten Menschen erschwinglich sind. Auch das zeigt, dass sie nicht auf finanziell privilegierte Mitglieder abzielen, sondern versuchen, für eine breitere Studentenschaft zugänglich zu sein. Die Mitgliedsbeiträge in Burschenschaften sind im Allgemeinen niedriger als in exklusiven Vereinigungen oder Verbindungen, die nur der gesellschaftlichen Oberschicht offenstehen.
Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich in der Ausgabe 25/2024 des Akademischen Lebens.



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