Die Udege verehren den Amurtiger als Herrn der Taiga und den Braunbären als Ahnherrn des Menschen. Auch Hügel, Flüsse und Wälder haben ihre eigenen Herren – Berg-, Wasser- und Waldgeister. Die Taiga ist für sie eine beseelte Welt, die den Menschen wahrnimmt. Wer maßlos jagt, Tabus bricht oder Tieren und Geistern den gebotenen Respekt verweigert, bringt sich selbst in Gefahr.
Dem Leser dieser Zeilen dürfte dieses kleine Volk unbekannt sein. Weltweit leben heute nur etwa anderthalbtausend Udege. Auch ich wäre vermutlich nie auf sie gestoßen, hätte mich meine Recherche nicht zu einer NGO geführt, die sich der „Dekolonisierung Russlands“ verschrieben hat: BATANI. Der Name bedeutet auf Udegeisch „großer Bruder“ und klingt beinahe orwellianisch. Die Organisation verfügt inzwischen über ein Jahresbudget von mehr als einer Million Euro. Gemessen an der Größe des Volkes, in dessen Namen sie auftritt, ist das eine erstaunliche Summe. Die Karriere von BATANI-Direktor Pavel Sulyandziga passt bestens ins Muster des Dekolonialismus-Aktivisten. Mit einem vom Putin-Regime verfolgten Dissidenten hat er wenig gemein. Vielmehr ist er ein ehemaliger Apparatschik, der rechtzeitig die Seiten wechselte. Einst beriet Sulyandziga den Gouverneur der Region Primorje in Fragen der indigenen Völker, stieg zum Ersten Vizepräsidenten der Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens auf und saß von 2006 bis 2014 sogar in der Gesellschaftskammer der Russischen Föderation. Heute sitzt Herr Sulyandziga in einer offiziellen Plattform der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Dort gehört er zu den fünf Repräsentanten „indigener Völker und nationaler Minderheiten“ innerhalb der Plattform für den Dialog mit den „russischen demokratischen Kräften“.
Was hat der selbsternannte Vertreter eines kleinen fernöstlichen Volkes eigentlich in Straßburg zu suchen? Geographisch läge beinahe die Gegenfrage näher: Warum nicht beim Nationalen Volkskongress der Volksrepublik China in Peking? Die Antwort findet sich in den Korridoren europäischer Institutionen, wo die „Dekolonisierung Russlands“ inzwischen politischen Rückhalt gefunden hat. Dabei erklärt man die Russen, deren Ethnogenese sich in diesem Raum vollzog, zu fremden Kolonialherren im eigenen historischen Siedlungsgebiet. Im Februar 2024 erklärte das Europäische Parlament in einer Resolution, ein Wandel des russischen Systems müsse „de-imperialisation, decolonisation and re-federalisation“ einschließen. 2025 ging die Parlamentarische Versammlung des Europarates, PACE, noch weiter: Eine echte Demokratie in Russland sei ohne „Dekolonisierung“ nicht möglich. Inzwischen existiert eine eigene Platform for Dialogue with Russian Democratic Forces. Ein Drittel ihrer 15 Plätze ist für Vertreter indigener Völker und nationaler Minderheiten reserviert. Zusätzlich stellt PACE eine eigene Plattform für diese Gruppen in Aussicht.
Russland als Kolonialmacht?
Kolonialismus hatte historisch einen recht klaren Sinn: Eine raumfremde Macht unterwirft ein Land außerhalb ihres eigenen historischen Siedlungsraums. Großbritannien in Indien, Belgien im Kongo, Frankreich in Indochina. Die russische Geschichte entwickelte sich dagegen über Jahrhunderte im Kontakt von Slawen, finno-ugrischen Völkern, Warägern und den Völkern der eurasischen Steppe. Nomaden führten Raubzüge, die russische Staatsmacht errichtete Festungen und Städte und sicherte Handelswege. Natürlich expandierte Russland, und diese Expansion verlief keineswegs konfliktfrei. Weltgeschichte ist bekanntlich kein Ponyhof. Doch Zentrum und Peripherie dieses kontinentalen Imperiums gingen ohne Ozean dazwischen und oft auch ohne scharfe ethnische Grenzen ineinander über. Genau diese historische Besonderheit verschwindet im heutigen postkolonialen Vokabular.
Besonders grotesk wird es beim Blick auf jene Landkarte, die heute „dekolonisiert“ werden soll. Denn ein erheblicher Teil ihrer nationalterritorialen Ordnung entstand keineswegs aus freier Selbstbestimmung, sondern wurde von den Bolschewiki geschaffen. Nach 1917 begann eines der ambitioniertesten staatlichen Nation-Building-Experimente des 20. Jahrhunderts: die Korenisazija, die „Indigenisierung“.
Die Sowjetmacht verwaltete Nationalitäten nicht nur, sie produzierte sie politisch. Aus heterogenen Stämmen, Sprachgruppen und regionalen Gemeinschaften formte sie institutionalisierte „sozialistische Nationen“: durch eigene Territorien, standardisierte Sprachen, nationale Kader, Schulen, Presse, Theater und Verwaltungsapparate. Dabei wurden auch historisch russisch besiedelte Gebiete neuen nationalen Einheiten zugeschlagen, selbst dort, wo Russen die Bevölkerungsmehrheit stellten, wie in Karelien; im Nordkaukasus ging die territoriale Neuordnung 1920 mit der massenhaften Aussiedlung von Terekkosaken und der Übergabe ihrer Gebiete an die Tschetschenen einher. Selbst die symbolische Geographie wurde umgeschrieben: Aus dem russischen Zarewokokschaisk wurde das marische Joschkar-Ola, aus Ust-Syssolsk die Komi-Hauptstadt Syktywkar, aus Werchneudinsk das burjatische Ulan-Ude. Der amerikanische Historiker Terry Martin hat die frühe Sowjetunion deshalb treffend ein „Affirmative Action Empire“ genannt.
Auf dem XII. Parteitag der RKP(b) im April 1923 formulierte Nikolai Bucharin die Logik ungewöhnlich offen. Formale Gleichheit der Nationen reiche nicht aus. Die Russen müssten sich als ehemalige „Großmachtnation“ vielmehr selbst zusätzliche Beschränkungen auferlegen. Bucharin erklärte: „Wir müssen uns künstlich in eine im Vergleich zu den anderen niedrigere Lage versetzen; nur um diesen Preis können wir uns das wirkliche Vertrauen der früher unterdrückten Nationen erkaufen.“ Gerade diese Logik macht die heutige postkoloniale Lesart so schief. Was heute als angebliche historische Kontinuität russischer Kolonialherrschaft dargestellt wird, war in der frühen Sowjetunion zum erheblichen Teil gerade als Gegenprogramm zum russischen Nationalstaat gedacht. 1991 verfügten die Unionsrepubliken bereits über Grenzen, Hauptstädte, Ministerien, Verfassungen, nationale Intelligenzen, standardisierte Sprachen und politische Eliten. Als Moskau die Kontrolle verlor, musste der Nationalstaat vielerorts weder erkämpft noch neu erfunden werden. Seine administrative Hardware war längst vorhanden. Am äußersten Ende dieser Entwicklung steht das „Free Nations of Post-Russia Forum“. Dort gibt man sich mit Föderalismus nicht mehr ab. Auf den Karten des Forums zerfällt Russland in Dutzende Staaten: Ingria, Karelia, Bashkortostan, Tatarstan, Sakha, Buryatia, Siberia und viele andere.
Was also, wenn in vielen dieser bolschewistischen Gebilde Russen die Bevölkerungsmehrheit stellten? Das Selbstbestimmungsrecht der Völker galt offenbar nicht für sie. Auch jene bolschewistische Führung, die diese Grenzen zog, war ethnisch kaum russisch geprägt: Im Politbüro von 1921/22 war selbst Lenin nur teilweise russischer Herkunft. Welche historische Schuld aber hatten die kleinen Völker bei den Russen noch einzutreiben? Vielleicht war genau das ihr Vergehen: dass aus dem Reichsvolk ein Objekt fremder Grenzziehungen geworden war.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 42 „Yalla, Yalla, Migrantifa“ abgedruckt.






Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!