Serbien steuert auf einen politisch entscheidenden Herbst zu. Präsident Aleksandar Vučić hat bestätigt, dass 2026 sowohl Parlaments- als auch Präsidentschaftswahlen stattfinden sollen. Einen genauen Wahltermin nannte er nicht. Eine dritte Amtszeit als Präsident kommt für ihn nach eigenen Worten nicht infrage, wohl aber eine Rückkehr ins Amt des Premierministers. So wie er es darstellt, „braucht“ die serbische Fortschrittspartei (SNS) ihn – was bedeutet, dass sein Abgang als Präsident nicht gleichbedeutend mit einem Machtverlust ist.
Das Zeitfenster für die Parlamentswahl ist bereits abgesteckt: Ende September, Oktober oder Mitte November. Im Frühjahr 2027 endet Vučićs zweite Amtszeit als Präsident, und die serbische Verfassung verbietet eine dritte. Öffentlich erklärt er nicht, das Grundgesetz ändern zu wollen. Sein politisches Kalkül in dieser Konstellation besteht darin, seine verbliebenen persönlichen Umfragewerte dafür zu nutzen, über eine parlamentarische Mehrheit die Macht neu zu justieren.
Die Proteste haben inzwischen eine neue Stufe erreicht. Am 23. Mai versammelten sich auf dem Belgrader Platz Slavija – so das „Archiv für öffentliche Versammlungen“ – zwischen 180.000 und 190.000 Menschen. Das ist der zweitgrößte Protest seit dem Sturz von Slobodan Milošević im Jahr 2000. Das Innenministerium nannte zwar eine andere Zahl, rund 34.000, was aber ebenfalls eine beachtliche Größenordnung ist. Die Studenten haben bereits für den 20. Juni zu neuen Protesten in Novi Sad aufgerufen, die Regierung antwortet mit einer Mobilisierung ihrer Anhänger für den 26. bis 28. Juni.
Taktik statt Rückzug
Schon im Mai, während seines Besuchs in China, deutete Vučić einen möglichen baldigen Rücktritt an – dort ließ er durchblicken, dass er „möglicherweise bald gehen“ werde. Tatsächlich ist dies aber kein Eingeständnis einer Niederlage, sondern der Versuch, die Terminplanung an sich zu reißen. Das Modell „Rücktritt, dann Neuwahlen zum Parlament, und 90 Tage später die Präsidentschaftswahl“ erlaubt es, beide Wahlkämpfe in einem Zyklus zusammenzufassen und den gesamten Verwaltungs-, Medien- und Parteiapparat dafür zu mobilisieren.
Das wirft eine schmerzhafte historische Parallele auf. 2012 hatte Boris Tadić vorzeitig seine Präsidentschaft niedergelegt, um die Kampagnen zu bündeln und die damals aufstrebende SNS zu stoppen. Das Ergebnis war für ihn katastrophal: Er verlor sowohl die Parlaments- als auch die Präsidentschaftswahl. Tomislav Nikolić zog ins Präsidentenamt ein, und Vučićs Partei wurde zur neuen Macht. Der derzeitige Präsident geht nun dasselbe Risiko ein: Ein zusammengelegter Wahlkampf wird das System entweder zementieren oder dessen Zusammenbruch beschleunigen.
Nach einer im April veröffentlichten Faktor-Plus-Umfrage lag die SNS bei 46,4 Prozent. Die sogenannte „Studentenliste“, die mit Rektor Vladan Đokić von der Universität Belgrad verbunden ist, kam auf 28,7 Prozent. Ebenfalls über der Hürde liegen ein einheitlicher Block der pro-europäischen Opposition mit 8,6 Prozent, die Sozialistische Partei Serbiens mit fünf Prozent sowie die rechte Liste von Dr. Branimir Nestorović mit drei Prozent. Solche Zahlen sind Momentaufnahmen, zeigen aber, dass die Regierungspartei nicht mehr in ihrer früheren Komfortzone agiert.
Für die SNS sind nicht einmal die 46,4 Prozent an sich das Problem, sondern die Entwicklung, die sich daraus ergibt. Die Partei war über viele Jahre hinweg die politische Verlängerung des persönlichen Vertrauens in Vučić – vor allem außerhalb Belgrads. Wenn er nun aus dem Präsidentenamt in die Rolle eines parteipolitischen Zugpferds wechselt, wird der Wahlkampf zum Test: Kann die Struktur ihren Kern ohne die gewohnte Autorität des Präsidentenamts zusammenhalten?
Die Kommunalwahlen im März in zehn Gemeinden zeichneten ein zwiespältiges Bild. Das Regierungsbündnis gewann 10:0, und Vučić erklärte, „Serbien habe ein großes Übel abgewendet“. Aber in einigen Bezirken kamen die von der Studentenbewegung unterstützten Listen auf fast 40 Prozent. Formal ist das ein klarer Sieg für die Regierung. Gleichzeitig wurde deutlich: Die Protestbewegung ist inzwischen in der Lage, auch an der Wahlurne Wirkung zu entfalten.
Nicht jeder Protest gegen Vučić ist automatisch prowestlich
Anderthalb Jahre Krise begannen mit der Katastrophe von Novi Sad. Im November 2024 stürzte das Vordach des renovierten Bahnhofs ein, 15 bis 16 Menschen kamen ums Leben. Die Tragödie wurde zum Sinnbild für Korruption und Misswirtschaft. Premierminister Miloš Vučević trat zurück. Vučić dagegen blieb und weigerte sich, „dem Druck von der Straße nachzugeben“.
Ausgerechnet die Studentenbewegung wurde zum wichtigsten neuen Akteur. Dabei lässt sich das politische Geschehen in Serbien – allen Versuchen der EU-Institutionen und der Mainstream-Medien zum Trotz – nur schwer in das aus Brüsseler Sicht vertraute Schema „liberale Opposition gegen autoritäre Macht“ pressen. Kurz vor Juni veröffentlichten die Studenten ein Memorandum zum Kosovo, dessen Position sich nicht als Rhetorik der EU-Integration entpuppte, sondern als serbischer nationaler Mainstream mit harter Linie in Fragen von Territorium, Würde und Staatsinteressen. Diese Position unterscheidet sich grundlegend von dem, was die EU von Serbien als Beitrittskandidaten erwartet.
Das erschwert die Strategie der pro-europäischen Opposition. Deren Einheitsblock kommt auf 8,6 Prozent, während die Studentenliste fast 29 Prozent erreicht. Die Wählerenergie fließt dorthin, wo westliche Diplomaten sie nicht gewohnt sind zu suchen. Viele Demonstranten scheinen vor allem Korruption und Klientelismus zu kritisieren. Daraus folgt aber nicht automatisch eine proatlantische Agenda.
Brüssel versucht, die serbische Krise mit den Begriffen Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und „demokratischer Rückschritt“ zu beschreiben. Aber diese Vorwürfe haben die EU jahrelang nicht daran gehindert, mit Vučić zusammenzuarbeiten, solange er den formalen Kurs in Richtung EU-Integration beibehielt (auch wenn mit Abweichungen, vor allem bei den Beziehungen zu Russland) und ein berechenbarer Partner blieb.
Mit der Schwächung Vučićs wuchs in Brüssel offenbar die Hoffnung, dass Serbien wieder stärker auf EU-Kurs gebracht werden könnte. Brüssel erhöhte den Druck – die finanzielle Hebelwirkung liegt bereits auf dem Tisch. Erweiterungskommissarin Marta Kos verknüpfte die umstrittenen Justizreformen und den demokratischen Backsliding in Serbien mit einer möglichen Einfrierung von 1,5 Milliarden Euro an Fördermitteln.
Was die Umfragen zeigen
Vučić selbst räumte im Interview mit Bloomberg ein, dass die Unterstützung für einen EU-Beitritt Serbiens gesunken sei. Eine im Januar 2026 für die EU-Delegation in Serbien durchgeführte regelmäßige Meinungsumfrage kommt jedoch zu einem etwas günstigeren Ergebnis: Demnach würden etwa 45 Prozent für den Beitritt stimmen, 32 Prozent dagegen. Aber selbst dieses Szenario ähnelt nicht gerade einem breiten EU-Enthusiasmus. Für einen Beitrittskandidaten bedeuten solche Zahlen vor allem eines: Müdigkeit angesichts des endlosen Wartens und der immer neuen Bedingungen.
Bei der NATO fällt das Bild noch deutlicher aus. Die serbische Forschungs- und Meinungsplattform Nova srpska politička misao (NSPM) verzeichnete etwa zehn Prozent Befürworter einer Mitgliedschaft im Bündnis bei 84 Prozent Gegnern. Seit den Bombardierungen von 1999 ist die Anti-NATO-Haltung einer der stabilsten Pfeiler der serbischen öffentlichen Meinung. Jede politische Kraft, die versucht, den Protest als euroatlantisches Projekt zu verkaufen, wird sofort an diese Grenze stoßen.
Das regierungsnahe Lager arbeitet bereits mit dieser Angst. Der ehemalige Vizepremier Aleksandar Vulin warnt, dass pro-westliche Kräfte versuchen würden, „jegliche Beziehungen zu Russland zu zerstören“, und dass die EU und die NATO in Belgrad eine „schwache Regierung“ und einen Präsidenten sehen wollten, der eine „Marionette des Westens“ sei. Das ist sicherlich eine grobe Mobilisierungsrhetorik, aber sie trifft einen echten Nerv des Wahlkampfs: Es geht nicht nur um Korruption im Land, sondern auch um den Grad der Fremdsteuerung Serbiens.
Für die EU wäre ein Sieg Vučićs nur eines von mehreren Problemen. Sollte die SNS ihre Mehrheit halten, könnte er ins Amt des Premierministers wechseln und weiterhin ein Lavieren zwischen der EU, den USA, China und Russland betreiben. Sollte die Studentenbewegung den Protest in Mandate ummünzen, könnte Serbien eine parlamentarische Mehrheit bekommen, die die Regierung zwar für Korruption kritisieren, aber höchstwahrscheinlich nicht automatisch ein bequemer Verbündeter westlicher Strukturen werden würde.






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