Wer kennt das nicht? Man „zappt“ am heimischen Fernsehgerät herum und sucht eine Nachrichtensendung und bleibt bei einer dieser Sendungen hängen, wo offensichtlich minderintelligente und durchaus unansehnliche Gestalten, nicht selten im Gesicht mannigfaltig bemalt und mit Nasenringen versehen, die man noch vor wenigen Jahren nur aus der Weidehaltung her kannte, über die Welt räsonieren und die gesellschaftlich opportune Haltung vermitteln. Es fällt schwer, wenn man realisiert, dass der Bekanntheitsgrad solcher „Persönlichkeiten“ überaus hoch zu sein scheint. Diese „Stars“ und „Sternchen“ sind allgegenwärtig, finden sich in der Werbung, in Funk und Fernsehen und selbst in sich seriös gebenden Zeitungen und Zeitschriften. Da muss man sich unweigerlich fragen, was aus den Vorbildern früherer Zeiten geworden ist.
Früher war alles besser?
Ob früher wirklich alles besser war, hängt von der individuellen Sichtweise ab. Was Vorbilder betrifft, kann man aber mit Fug und Recht behaupten, dass früher vieles wesentlich besser war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Vorbilder meist Menschen, die sich über Leistung, Bildung, Erfahrung oder gesellschaftliche Verantwortung einen Namen gemacht hatten. Bewundert wurden Wissenschaftler, Schriftsteller, Unternehmer, Entdecker, Lehrer, Künstler oder Staatsmänner. Wer öffentlich Anerkennung erhielt, hatte in der Regel einen langen Weg hinter sich. Autorität entstand durch Wissen, Lebensleistung und oft auch durch persönliche Disziplin oder vorbildliches Handeln. Persönlichkeiten wie Ernst Jünger, die Brüder von Humboldt, Felix Graf von Luckner, Ernst von Salomon oder Heinrich George galten nicht deshalb als Vorbilder, weil sie ständig sichtbar waren, sondern weil ihre Arbeit, ihr Schaffen, als bedeutsam empfunden wurde.
Auch Handwerksmeister, Lehrer, Ärzte, Soldaten oder erfahrene Familienoberhäupter genossen im Alltag hohes Ansehen. Erfahrung und Alter galten vielfach als Zeichen von Kompetenz. Wer etwas erreicht hatte, musste dies meist über Jahrzehnte beweisen. Das öffentliche Bild solcher Persönlichkeiten war zudem stark von Zurückhaltung geprägt. Selbstdarstellung galt lange eher als verdächtig. Wer ständig über sich selbst sprach oder Aufmerksamkeit suchte, riskierte, als eitel oder unseriös wahrgenommen zu werden. Anerkennung sollte sich aus der Sache ergeben – nicht aus der Fähigkeit, sich möglichst geschickt zu vermarkten.
Vom Vorbild zur Projektionsfläche
Heute hat sich dieses Verständnis deutlich verändert: Öffentliche Aufmerksamkeit entsteht oft nicht mehr durch langfristige Leistung, sondern durch Sichtbarkeit. Die digitale Medienwelt belohnt Präsenz, Emotionalität und schnelle Reaktionen. Vorbilder werden nicht mehr ausschließlich danach bewertet, was sie geschaffen oder geleistet haben, sondern danach, wie erfolgreich sie Aufmerksamkeit erzeugen können – mitunter zählt allein die Klickrate oder die Zahl der „Follower“.
Soziale Medien sind für Kreise, die absichtlich vom Zugang zu den Mainstreammedien ferngehalten werden, dringend nötig. Die politische Rechte kennt das. Soziale Medien stehen für eine Demokratisierung der Medienvielfalt, keine Frage. Aber: Reichweite ersetzt vielerorts Autorität. Wer Millionen Follower besitzt, wird automatisch als relevant wahrgenommen – unabhängig davon, ob besondere Fachkenntnisse, Lebenserfahrung oder gesellschaftliche Leistungen dahinterstehen. Dadurch verändert sich auch das Verständnis von Erfolg. Nicht mehr die jahrzehntelange Entwicklung zählt, sondern die Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit wahrgenommen zu werden.
Einmaligkeit vs. Massenkompatibilität
Früher blickte man meist zu Menschen auf, die etwas konnten, wussten oder erreicht hatten, das außerhalb der eigenen Möglichkeiten lag. Heute entsteht häufig der gegenteilige Wunsch: Vorbilder sollen möglichst nahbar wirken, alltäglich erscheinen und sich ständig persönlich mitteilen. Das durchschnittliche Publikum erwartet weniger Distanz und mehr emotionale Verfügbarkeit.
Die medial geprägte Gegenwartsgesellschaft bewegt sich stärker von der Idee der Autorität hin zur Idee der Aufmerksamkeit. Während früher Bildung, Erfahrung und Disziplin zentrale Werte waren, stehen heute oft Selbstvermarktung, Präsenz und emotionale Wirkung im Vordergrund. Das bedeutet nicht, dass Leistung heute bedeutungslos geworden wäre. Wissenschaftler, engagierte Unternehmer oder große Künstler existieren weiterhin. Doch sie konkurrieren in der öffentlichen Wahrnehmung mit Menschen, deren Bekanntheit fast ausschließlich auf medialer Inszenierung beruht.
In Erinnerung an Dr. Karl Simrock
Ein Beispiel gefällig? Wer spricht heute noch von Dr. Karl Simrock? Die Schar seiner Anhänger dürfte überschaubar geworden sein. Dabei war einst sogar Goethe erklärter Bewunderer von Simrock. Am 18. Juli jährt sich Simrocks 150. Todestag. Wo aber sind die Sondersendungen, die Huldigungen in den Feuilletons der Mainstreampresse, die Politiker und Gelehrten, die sich auf ihn berufen? Geboren 1802 in Bonn, wurde Simrock vor allem durch seine Übersetzungen mittelalterlicher deutscher Literatur bekannt, insbesondere des Nibelungenliedes. Seine Bearbeitungen machten altdeutsche Stoffe erstmals einem breiten Publikum zugänglich und prägten das Bild germanischer Heldensagen über Generationen hinweg.
Er war aber nicht nur Dichter, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, sondern auch ein politisch engagierter Intellektueller des 19. Jahrhunderts. Wie Jacob und Wilhelm Grimm begeisterte er sich für Volkskultur, Sagen und die mittelalterliche Geschichte unseres Volkes. Dahinter stand jedoch nicht nur wissenschaftliches Interesse. Viele Gelehrte jener Zeit verbanden die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit mit dem Wunsch nach nationaler Einheit und politischer Erneuerung.
Auch Burschenschafter
Simrock war eng mit der burschenschaftlichen und freiheitlichen Bewegung verbunden. 1818 wurde er Mitglied der Alten Bonner Burschenschaft (Allgemeinheit). In Bonn hatte er auch das Glück, Ernst Moritz Arndt und August Wilhelm Schlegel zu hören, freundete sich mit Hoffmann von Fallersleben an, unterhielt später Brieffreundschaften, unter anderem mit den Gebrüdern Grimm. Wegen seiner freiheitlichen Haltung und seiner Nähe zu oppositionellen Kreisen geriet Simrock im preußischen Staatsdienst unter Druck und verlor schließlich seine Stellung. Auch während der Revolution von 1848 sympathisierte er mit den nationalfreiheitlichen Reformbewegungen. Zwar war er kein radikaler Revolutionär, doch stand er klar auf der Seite jener Kräfte, die Pressefreiheit, Mitbestimmung und nationale Einheit forderten.
Wissenschaft u. a. als Disziplin für echte Vorbilder
1850 wurde Simrock Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort lehrte er altdeutsche Literatur und Mythologie. Er verkörpert damit einen Typus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in dem Bildung, kulturelle Arbeit und politisches Engagement eng miteinander verbunden waren. Wissen galt damals nicht nur als persönliche Qualifikation, sondern oft auch als Dienst an Gesellschaft und Nation – und als vorbildhaft. All das scheint in der Gesellschaft von heute nichts mehr zu zählen. Und wie befand die Sozialdemokratin Aydan Özoğuz, die einstige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung 2017 in einem Gastbeitrag, der nicht zu ihrer Entlassung führte: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“. Aha, wenn das stimmt, dann hat sich der Verfasser dieses Beitrags vielleicht auch nur völlig falsche Gedanken gemacht, und wir benötigen gar keine echten Vorbilder!



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