Der Oktober brachte die Burschenschaften gleich doppelt in die überregionalen Medien, eigentlich eine positive Sache, wenn nicht beide Vorfälle gleichzeitig ein Politikum darstellen würden. Der Reihe nach: Den Anfang machte der AfD-Politiker und mittlerweile ehemalige GD-Bundesvorstandsmitglied Helmut Strauf, FREILICH berichtete zur Wahl. Dieser teilt auf X zum Tag der Vereinigung von BRD und DDR am 3. Oktober eine Karte mit der heutigen Ausbreitung deutscher Sprachgebiete in Europa. Den sogenannten „Tag der Wiedervereinigung“ bezeichnete er als „Etappen-Sieg“ auf dem Weg, „das gesamte deutsche Volk in einem Staat vereint“ zu sehen. Der Beitrag sorgte besonders bei der französischen Rechten für einen Sturm der Entrüstung, aber auch andere europäische Nachbarn sahen in der Karte territoriale Ansprüche versteckt.
Doch auch an der Heimatfront brodelte es. Stefan Möller, stellvertretender Bundessprecher der AfD und Landessprecher der AfD Thüringen, kommentierte:
„Wer aus Geltungsbedürfnis versucht, Klicks um jeden Preis zu organisieren, braucht einen Schuss vor den Bug. Das gilt erst recht, wenn dies mit Forderungen geschieht, die nicht nur im Widerspruch zum eigenen politischen Programm der AfD stehen, sondern auch potentielle Wähler der AfD & Verbündete gleichermaßen vor den Kopf stößt.“
Für die digitalen Betrachter standen die Kampflinien schnell fest; besonders, als Strauf den Beitrag löschte und wenige Tage später seinen Rücktritt „aus persönlichen Gründen“ von allen GD-Vorstandsämtern erklärte. Hatte sich da also ein Kartell aus Funktionären gegen einen aufrechten Patrioten verschworen?
Zwischen Volkstumspflege und Großraumfantasien
Ganz so einfach kann man es sich, wie so oft, nicht machen. Strauf selbst nennt mittlerweile die Deutung seines Beitrags als Forderung eines „deutschen Großraums“ als eine „böswillige Interpretation“, und „wir als Europäer“ müssten gegenüber den Krisen der Massenmigration zusammenhalten.
Auch teilte er zwei Blogeinträge zu seinem Fall, von denen er in mindestens einem selbst noch einmal Stellung bezog. Ist damit also alles geklärt? Ist Strauf einfach nur unabsichtlich falsch verstanden worden? Dass dem jungen AfD-Politiker an dieser Darstellung gelegen ist, überrascht nicht, es ist sogar sehr nachvollziehbar. Doch gerade, weil Strauf nicht „nur“ Politiker, sondern auch Burschenschafter ist, macht ihm hier sein Hintergrund einen Strich durch die Rechnung. Als mit der Deutschen Burschenschaft (DB) assoziierte Vereinigung pflegt der „Burschenschaftliche Verein für nationale Minderheiten- und Volksgruppenrechte in Europa“ gute Beziehungen zu den deutschen Minderheiten – besonders in Osteuropa. Der Verein konnte durch Spenden etwa den Deutschunterricht im schlesischen Goslawitz retten, nachdem die polnische Regierung die Förderung massiv gekürzt hatte, FREILICH berichtete. Die Arbeit des „Volkstumsvereins“ wird auch immer wieder in der Verbandszeitschrift Burschenschaftliche Blätter und in einem jährlichen Bericht im Rahmen des Burschentags in Eisenach aufgegriffen. Strauf dürfte also bestens vertraut mit Methode, Rhetorik und Inhalten der Minderheitenarbeit sein.
Mensursimpelei auf dem Parteitag
Typischerweise, mal wieder von einem AfD-Mitglied an t-online durchgestochen, wurde ein Fall bekannt, bei dem zwei AfD-Politiker, namentlich Jeremy Franosch und Matthias Büschges, im scharfen Waffengang der Mensur aufeinandertreffen sollten und dies wenig später auch taten. Im Bericht von t-online finden sich Hintergründe und, wie immer, unzureichende Kontexte. Interessanter sind dabei jedoch die Stimmen anderer korporierter AfDler. Torben Brage, selbst Mitglied der AfD-Bundestagsfraktion, Burschenschafter und wie Franosch selbst einmal Sprecher des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB), kritisierte die Partie: „Das ist alles schon sehr, sehr cringe…“, und weiter: „Man muss halt auch mal ankommen im Leben und bestimmte Sachen jungen Aktiven überlassen. Konvertiten und Spätblüter sind anstrengend.“
Viele andere widersprechen Braga direkt oder indirekt unter gleichartigen Beiträgen. Wie beim Fall Strauf scheinen die Grenzen von Ablehnung und Befürwortung dieser Aktion nicht entlang gängiger Vulgärtypologien vom liberalen „Kuscher“ und dem „basierten“ Rechten zu verlaufen.
Zwischen Lebensbund und Parteibuch
Die Burschenschaft, so findet man es selbst noch in den (wenigen, guten) Schulbüchern, sind nicht nur Träger studentischer Traditionen, ihre Höhen und Tiefen lassen sich immer zwischen den Idealbildern von Liberalismus und Nationalismus; zwischen Freiheit und Verantwortung für den Einzelnen und gegenüber Nation und Staat. Und auch wenn es keine implizite und erst recht keine festgeschriebene burschenschaftliche Weltanschauung gibt, so stehen die politisch aktiven Vertreter dieses Verbindungstyps den Fragen unserer Zeit doch grundsätzlicher gegenüber als der gemeine Parteifunktionär, der eher in Legislaturen als in Generationen zu denken pflegt. Genau diese Grundsätzlichkeit steht in den Vorfällen rund um Strauf und die beiden waffenehrlichen AfDler aus NRW im Weg. Es gibt für alles die richtige Zeit und den richtigen Ort und die richtigen Worte.
Wer Deutschland für mehr als einen Raum aus Demographie und Wirtschaftsleistung betrachtet, der hat auch die Angehörigen der deutschen Nation nicht vergessen, die heute nicht das zweifelhafte Glück haben, in einer der zwei deutschen Republiken zu leben. Wer an die Souveränität des Einzelnen glaubt, der kann sich auch im ehrlichen Waffengang mit einem Parteifreund messen und sich im Anschluss wieder gemeinsam mit ihm in die Schlangengrube der Parteipolitik werfen. Hier liegt jedoch auch die große Gefahr: Wenn Burschenschafter in und außerhalb der Parteien und Parlamente ihre politischen Grundüberzeugungen nicht auch konkret an ihre burschenschaftliche Wurzel rückbinden, dann riskieren sie, nicht nur missverstanden zu werden. Dann riskieren sie die Degeneration der burschenschaftlichen Bewegung auf ein beinahe anstößiges Niveau, wie bei einer Sekte oder der Freimaurerei. Dies gilt es zu verhindern, wenn man das Merkmal „Burschenschafter“ in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht zu einem biografischen Makel, sondern als Gütesiegel etabliert sehen will. Das ist mehr als „tone policing“ oder Kommunikationsstrategie. Es ist die Auslebung einer Realität, die weiter von den heutigen Zuständen kaum entfernt sein könnte. Dieser Realität auch verantwortungsbewusst verpflichtet zu sein, ist Aufgabe jedes Burschenschafters.



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