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Akademisches Leben
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Gegen den Zeitgeist: Die Burschenschaft als Schule des Stils

Das burschenschaftliche Leben bewahrt eine Kleiderkultur, die andernorts zunehmend an Bedeutung verliert, und verbindet dabei Tradition, Stilbewusstsein und Gemeinschaft. Dabei geht es um weit mehr als nur Anzug und Krawatte.

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Anzug, Krawatte und Couleur gehören zum traditionellen Erscheinungsbild vieler Burschenschaften und stehen für ein Selbstverständnis, das über die äußere Erscheinung hinausgeht.
Anzug, Krawatte und Couleur gehören zum traditionellen Erscheinungsbild vieler Burschenschaften und stehen für ein Selbstverständnis, das über die äußere Erscheinung hinausgeht. (Bild: IMAGO / Elmar Gubisch)

Ob in der Fußgängerpassage oder im Hörsaal: Dass Stil nur noch einen geringen Stellenwert in der heutigen Gesellschaft innehat, ist schnell klar. Die beliebig austauschbare Billigmode ist allgegenwärtig. Es wird kurzfristigen Trends hinterhergelaufen – eine innere Haltung dem Stil gegenüber ist aber gänzlich abgestorben. Vom totalen Individualismus hin zum Egalitarismus. Durch Aufbrechen alter Kleiderordnungen trägt jeder nur, wonach ihm ist. Doch stellt sich keine Vielfalt ein; alles verkommt zu einem Einheitsbrei aus Jeans, Turnschuhen und Funktionsjacke. Alles wird gleich, unabhängig vom Anlass. Kleidet man sich hingegen bewusster, in hochwertigen Stoffen, die akkurat auf den eigenen Körper zugeschnitten wurden, fällt man auf. Es ist geradezu eine Umkehr der damaligen Zeit. Früher fiel man auf, wenn man sich schlecht kleidete, Lumpen trug.

Ganz anders kann es sich nach dem Betreten eines Korporationshauses anfühlen. Plötzlich spürt man einen Anspruch an die eigene Kleidung. Ein Oberteil mit Kragen ist nicht selten Voraussetzung auf dem Haus. Das Tragen des Bands über einem schlampigen Kapuzenpullover entehrt den Bund und wirkt gänzlich fehl am Platz. Trägt man gar die Mütze, verlangt es schon rein optisch nach einem Sakko mit Revers und harmoniert auch mit der Krawatte. 

Für junge Männer ist dieser Ort deshalb inzwischen einer der wenigen Räume, in denen eine klassische Garderobe noch Relevanz genießt. Ganz nebenbei wird ihnen hier ein Bewusstsein für gutes Auftreten vermittelt, dessen elementarer Bestandteil die Kleidung ist. Dies ist auch als Ausdruck von Respekt zu lesen, etwa im Rahmen eines Kommerses gegenüber den Bundesbrüdern, dem Bund selbst und der Tradition. Nicht die Selbstdarstellung ist das Ziel, sondern gelebter Korpsgeist und der Wille zur Form. Eine Abgrenzung zur zwar sehr bequemen aber formlosen Kleidung, die egozentrisch nur den eigenen Komfort in den Fokus nimmt und darüber nichts auszudrücken vermag.

Vom Niedergang zur Wiederentdeckung der Form

Während im Alltag nur mehr Hochzeiten und Beerdigungen Anlass genug sind, um einen Anzug oder gar eine Krawatte zu tragen, bietet das burschenschaftliche Leben solche Gelegenheiten reichlich. Ob Kneipen, Kommerse oder Stiftungsfeste, bald jede Woche ergibt sich die Gelegenheit sich mit den besten Stücken seiner Garderobe auseinanderzusetzen. Regelmäßig kleidet man sich klassisch und dem jeweiligen Anlass angemessen. Da wirkt auch ein Einstecktuch oder eine Krawattennadel nicht fehl am Platz. Es fühlt sich nicht nach Verkleidung an und besonders durch die Regelmäßigkeit wächst die Selbstsicherheit, mit der ein Sakko oder ein Loafer getragen wird.

Das Korporationshaus als Erziehungsstätte

Im burschenschaftlichen Kontext wird also das formelle Kleiden zur neuen Normalität. Als junger Mann, der um die Auswahl seiner Kleidung bemüht ist, sticht man nun nicht mehr heraus, wird nicht mehr verwundert darauf angesprochen, wie man sich kleidet. Im Gegenteil, für gewöhnlich findet man Verbündete, die Inspiration oder Wissen bieten. Welcher Herrenausstatter hat ein gutes Angebot und Personal, in welchem Vintagegeschäft findet man am ehesten Schätze und welchem Schneider kann man seine teuersten Stücke anvertrauen? Vielleicht wird auch etwas über Nachhaltigkeit vermittelt, wenn Stoffe wie Tweed oder Flanell zur Sprache kommen.

Viel wird darüber gesprochen und doch bleiben Kunstfasern von Fast-Fashion-Marken omnipräsent. Trägt man aber ein unverwüstliches Tweedsakko über Jahrzehnte hinweg, ist das echte Nachhaltigkeit. Diese Erfahrungen bedürfen sonst einiger Zeit. Manch Bundesbruder kann einem diese einsparen. Natürlich entwickelt sich über die Zeit aber auch bei einem selbst ein Auge für Farbkombinationen, Stoffe, Muster und Schnitte, je länger man sich in einem Umfeld bewegt, in dem diese eine Rolle spielen. So mag man noch im günstigen und schlechtsitzenden Konfirmationsanzug mit Turnschuhen auf dem Abiball gewesen sein, trägt aber nach zwei Semestern Anzüge, bei denen man sich um Reversbreite, Schulterpassform und Hosenbruch Gedanken macht. Das Verbindungshaus hat zu Recht den Ruf, Heranwachsende zu Männern zu formen. Nicht zuletzt übt man selbst auch Einfluss aus, kann dem Fuchs bei Unsicherheiten aushelfen und Tipps mit auf den Weg geben. Dadurch trägt man auch seinen Teil dazu bei, dass Werte bewahrt oder gar wiedergefunden werden.

Klassische Herrenkleidung gegen den Zeitgeist

Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, es ginge um eine Uniformierung frei von jeglichem Individualismus. Auch gehobene Mode, und gerade diese, bietet etliche Möglichkeiten, seine Persönlichkeit auszudrücken. Der naturverbundene Bundesbruder nutzt eher Kleidungsstücke aus dem British-Country-Stil, der segelnde Bundesbruder bedient sich des Preppy-Stils, während ein dritter Bundesbruder ganz heimatverbunden auf Tracht zurückgreift. Man fügt sich in den Bund ein und geht in ihm auf, ohne seine Persönlichkeit dabei zu verlieren. Auf dem Korporationshaus hat dies alles seinen Platz, denn sie eint der zeitlose, traditionsgebundene Charakter, der dem der Burschenschaft entspricht.

Auch spiegelt die äußere Erscheinung die innere Haltung, gar den disziplinierten Geist wider. Ein Spannungsverlust drückt sich dadurch aus, dass sich Nachlässigkeit einstellt. Vollzieht sich solch eine Wandlung in größerem Umfang, ist dies Ausdruck des kulturellen Zerfalls, der dann unter anderem durch die Garderobe sichtbar wird. Kleidung ist also nicht nur Privatvergnügen oder notwendiges Übel, sondern Teil der gesellschaftlichen Verpflichtung. Sie ist der sichtbare Ausdruck des Mannes und seines Anspruchs, möglicherweise gar seiner Weltsicht. Sie ist Identität und gehört untrennbar zum burschenschaftlichen Leben.

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