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Wirtschaft

DIW-Studie zur AfD: Das „AfD-Paradox“ beruht auf fragwürdigen Annahmen

Bis zu 10.000 verlorene Arbeitsplätze und drastische Einkommenseinbußen: Mit diesen Zahlen sorgt das DIW kurz vor der Landtagswahl für Schlagzeilen. Jurij Kofner zeigt, warum er die spektakulären Prognosen für das Ergebnis fragwürdiger Modellannahmen hält.

Jurij Kofner
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DIW-Präsident Marcel Fratzscher präsentierte kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Studie zu den wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Regierung.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher präsentierte kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Studie zu den wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Regierung. (Bild: IMAGO / Frank Peter)

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt präsentiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher eine vermeintlich wissenschaftliche Sensation: Ausgerechnet die Regionen mit den höchsten AfD-Ergebnissen würden unter einer AfD-Politik besonders leiden. Das verfügbare Einkommen sinke um 6,2 Prozent, die Reallöhne um rund 200 Euro monatlich, etwa 10.000 Menschen verlören ihre Arbeit.

Was nach präziser Prognose klingt, ist eine politisch aufgeladene Szenariorechnung. Das DIW untersucht nicht ergebnisoffen, welche Folgen das Bundestagswahlprogramm 2025 und das Regierungsprogramm Sachsen-Anhalt 2026 tatsächlich hätten. Es setzt zunächst – gestützt auf eine frühere „Dexit“-Studie des IW Köln – voraus, AfD-Politik verursache binnen fünf Jahren rund sechs Prozentpunkte weniger Wachstum, mehr als fünf Prozentpunkte zusätzliche Inflation und zwei Prozentpunkte mehr Arbeitslosigkeit. Anschließend wird lediglich berechnet, welche Landkreise unter diesen vorgegebenen Schocks besonders stark leiden würden. Wer Rezession, Geldentwertung und Arbeitslosigkeit in ein Modell einspeist, erhält wenig überraschend Rezession, Geldentwertung und Arbeitslosigkeit.

Aus EU-Reform wird Selbstisolation

Fratzscher behandelt die AfD-Forderungen faktisch wie einen ungeordneten Bruch mit Europa, Binnenmarkt und Handel. Das steht so weder im Bundes- noch im Landesprogramm. Das Bundestagswahlprogramm fordert zwar den Austritt aus dem Euro-System und eine grundlegende Neuordnung der EU, zugleich aber den Erhalt eines gemeinsamen europäischen Marktes.

Die IW-Forscher Hubertus Bardt, Lennart Bolwin, Berthold Busch und Jürgen Matthes ignorieren diesen Unterschied. Ihre Dexit-Studie überträgt den britischen Brexit auf Deutschland und unterstellt damit den Verlust jener Integrationsvorteile, die das AfD-Modell ausdrücklich erhalten will. Daraus entstehen 5,6 Prozent weniger Wirtschaftsleistung, 690 Milliarden Euro kumulierte Verluste und angeblich 2,5 Millionen gefährdete Arbeitsplätze.

Auch die Realität passt schlecht zum Untergangsnarrativ der Elfenbeinturm-Ökonomen: Das reale britische BIP wuchs von 2019 bis 2025 kumuliert um rund sechs Prozent, Deutschland dagegen lediglich um etwa 0,2 Prozent. Brexit-Großbritannien wächst, während EU-Deutschland stagniert. Schon das widerlegt die primitive Behauptung, selbst ein EU-Austritt – den die AfD so gar nicht fordert – müsse zwangsläufig wirtschaftlichen Niedergang bedeuten.

Wirtschaftsprogramm wird zu Kürzungsprogramm

Das DIW behauptet zudem, die AfD wolle öffentliche Investitionen und Daseinsvorsorge abbauen. Tatsächlich enthalten das Landeswahlprogramm und das 100-Tage-Sofortprogramm zahlreiche Maßnahmen, die Wachstum, Ausbildung und private Investitionen fördern könnten: Führerscheinzuschüsse für Auszubildende, Meister- und Ausbildungsprämien, eine kostenfreie Meisterausbildung, Unterstützung für Automatisierung und Digitalisierung, eine Zwei-für-eins-Regel für neue Vorschriften sowie kostenlose Kitaplätze und ein kostenfreies Mittagessen in Kitas und Schulen.

Hinzu kommen die Senkung der Grunderwerbsteuer und die politische Initiative zur Abschaffung der Erbschaftsteuer, um insbesondere Familienunternehmen, Handwerk und Landwirtschaft bei Betriebsübergaben zu entlasten. Vorgesehen sind außerdem schnellere digitale Verwaltungsverfahren, vereinfachte Förderanträge, der Abbau bürokratischer Doppelstrukturen, zusätzliche Medizinstudienplätze, Landarztstipendien, Eigenheimförderung sowie Investitionen in Krankenhäuser, Polizei und Infrastruktur. Ob jede einzelne Maßnahme finanzierbar und wirksam ist, muss geprüft werden. Sie vollständig auszublenden und das Programm pauschal als Investitionsabbau darzustellen, ist jedoch keine ausgewogene Wissenschaft.

Migration ist nicht gleich Migration

Ebenso verzerrt das DIW die Zuwanderungspolitik. Aus der Begrenzung illegaler und geringqualifizierter Migration wird ein vermeintlich vollständiger Fachkräftestopp. Tatsächlich soll qualifizierte Erwerbsmigration nach dem AfD-Landtagswahlprogramm weiterhin möglich bleiben. Gleichzeitig will die AfD ausgewanderte deutsche Fachkräfte durch Unterstützung bei Wohnung, Kinderbetreuung und Rückkehr wiedergewinnen. Das ist relevant: Allein 2025 verließen mehr als 288.000 deutsche Staatsbürger das Land, darunter besonders viele junge und gut qualifizierte Leistungsträger.

Zudem unterscheiden sich die fiskalischen Folgen der Migration stark nach Herkunft, Qualifikation und Einwanderungsgrund. Untersuchungen aus den Niederlanden, Dänemark und Schweden zeigen positive Beiträge vor allem bei qualifizierten Einwanderern aus westlichen und ostasiatischen Ländern, während geringqualifizierte Asylmigration aus Afrika und dem Nahen Osten häufig erhebliche langfristige Nettokosten verursacht. Eine niederländische Untersuchung beziffert die Lebenszeitkosten bestimmter Herkunftsgruppen auf mehrere Hunderttausend Euro pro Person.

Die IW-Autoren Matthias Diermeier, Knut Bergmann, Benita Zink und Natalie Päßler werfen dagegen die Wertschöpfung bereits beschäftigter ausländischer Fachkräfte mit den Folgen künftiger Asyl- und Massenzuwanderung zusammen. Qualifikation, Erwerbsquote, Transferbezug, Wohnungsmarkt, Schulen und kommunale Kosten verschwinden damit komplett aus der Rechnung.

Besonders absurd ist der unmittelbare Bezug zur Landtagswahl. Eine Regierung in Magdeburg könnte weder den Euro abschaffen noch Deutschland aus der EU führen. Europa- und Außenpolitik sowie Währungs-, Zoll- und Außenhandelspolitik sind Bundeskompetenzen. Fratzscher rechnet Sachsen-Anhalt somit die Folgen von Entscheidungen zu, die eine Landesregierung überhaupt nicht treffen könnte. Das Papier ist keine landespolitische Folgenabschätzung, sondern eine Wahlkampfeinmischung mit ökonometrischer Verpackung.

Eine aktuelle IKW-Studie zur Europäischen Wohlstands- und Interessengemeinschaft (EWIG) untersucht dagegen das tatsächlich geforderte AfD-Reformmodell, bei dem Binnenmarkt und wirtschaftliche Zusammenarbeit erhalten bleiben, während Transfers, Zentralisierung, Überregulierung und klimapolitische Fehlsteuerung zurückgedrängt werden. Das Ergebnis: ein möglicher Wohlfahrtsgewinn von 5,83 Prozent des deutschen BIP, mehr als 276 Milliarden Euro beziehungsweise rund 6.600 Euro je Haushalt und Jahr.

Das eigentliche Problem der Studie

Marcel Fratzscher sowie Hubertus Bardt, Lennart Bolwin, Berthold Busch, Jürgen Matthes, Matthias Diermeier, Knut Bergmann, Benita Zink und Natalie Päßler prüfen nicht die tatsächlich vorliegenden Programme. Sie machen aus EU-Reform einen harten Dexit, aus Migrationssteuerung einen Fachkräftestopp und aus Kürzungen von ideologischer Steuergeldverschwendung einen Abbau aller Investitionen – während Entlastungen bei Energie, Steuern und Bürokratie komplett ausgeblendet werden. Eine gewisse politische Voreingenommen ist auch bei Forschern und Forschungsinstituten nur allzu menschlich. Wer aber das Untersuchungsobjekt derart faktenwidrig und absichtlich verzerrt, betreibt keine ergebnisoffene Wissenschaft mehr, sondern politische Agitation im Gewand der Ökonomie.

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