Der Bayerische Rundfunk verkündete jüngst eine alarmierende Zahl: Jeder Tag mit Temperaturen über 30 Grad verursache der bayerischen Wirtschaft einen Schaden von rund 73 Millionen Euro. Grundlage ist die im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums erstellte Prognos-Studie „Klimabedingte Risiken für die Arbeitswelt“. Die Zahl klingt exakt. Sie ist es aber nicht.
Es handelt sich nicht um gemessene volkswirtschaftliche Verluste, sondern um eine Modellhochrechnung. Rund 97 Prozent der berechneten Kosten beruhen auf angenommenen „stillen“ Produktivitätsverlusten. Nur etwa drei Prozent entfallen auf beobachtbare Arbeitsausfälle und Arbeitsunfälle. Prognos unterstellt für heiße Tage pauschal mehrere Arbeitsstunden oberhalb bestimmter Temperaturgrenzen und je nach Berufsgruppe eine deutlich verminderte Produktivität. Aus diesen Annahmen entsteht anschließend eine Millionensumme, die medial wie eine feststehende Schadensbilanz behandelt wird. Dabei weist die Studie selbst auf methodische Begrenzungen hin.
Extrempfad statt realistischer Prognose
Noch fragwürdiger ist die langfristige Projektion. Prognos verwendet dafür den Emissionspfad RCP8.5, der heute dem Szenario SSP5-8.5 entspricht. Im Kapitel „Future Global Climate: Scenario-Based Projections and Near-Term Information“ hält selbst der Weltklimarat fest, dass die Plausibilität von RCP8.5 und SSP5-8.5 in der Forschung angezweifelt wird. In einer späteren Einordnung zu SSP5-8.5 bezeichnet der IPCC dieses Szenario als den extremsten der fünf untersuchten Emissionspfade. Prognos stützt seine Alarmrechnung somit ausgerechnet auf den unwahrscheinlichsten Entwicklungspfad. Auf dieser Grundlage Milliardenverluste zu errechnen und sie anschließend als wahrscheinliche wirtschaftliche Zukunft zu präsentieren, ist keine nüchterne Analyse, sondern Klimapanik mit wissenschaftlichem Etikett.
Kälte wird aus der Bilanz herausgerechnet
Die entscheidende Schwäche der medialen Darstellung ist ihre Einseitigkeit. Natürlich, Hitze kann Produktivität senken. Kälte verursacht jedoch ebenfalls erhebliche wirtschaftliche Schäden. Die Studie „A Cold Stop: Temperature, Unemployment and Joblessness Dynamics“ wertet drei Jahrzehnte amerikanischer Arbeitsmarktdaten aus. Ihr Ergebnis: Ungewöhnlich kalte Temperaturen erhöhen das Arbeitslosigkeitsrisiko, führen zu mehr Entlassungen und verlängern die Dauer der Arbeitslosigkeit. Für Hitze findet die Studie dagegen keinen vergleichbaren Beschäftigungseffekt. Auch die EZB-Studie „The Macroeconomic Effects of Extreme Weather Events“ zeigt, dass Kältewellen die Wirtschaftsleistung kurzfristig senken. Deutschland reagiert laut der Untersuchung sowohl auf Hitze- als auch auf Kälteextreme empfindlich. Hinzu kommen Frostschäden, Verkehrsbehinderungen, unterbrochene Baustellen, gestörte Lieferketten, höhere Heizkosten und zusätzliche Krankheitsausfälle. Wer ausschließlich heiße Sommertage monetarisiert, erstellt keine volkswirtschaftliche Gesamtbilanz.
Mildere Jahreszeiten können Vorteile bringen
Wärmere Temperaturen wirken nicht zu jeder Jahreszeit gleich. Die Studie „Temperature and Growth: A Panel Analysis of the United States“ von Riccardo Colacito, Bridget Hoffmann und Toan Phan zeigt gegensätzliche Effekte: Wärmere Sommer belasten das Wachstum, wärmere Herbstperioden können es dagegen erhöhen. Mildere Winter senken zudem den Heizenergiebedarf. Die Studie „Differential Effects of Climate Change on Average and Peak Demand for Heating and Cooling across the Contiguous USA“ weist nach, dass der durchschnittliche Heizbedarf bei höheren Temperaturen sinkt. Vergleichbare Zusammenhänge ergeben sich auch aus der globalen Untersuchung „Large Uncertainties in Trends of Energy Demand for Heating and Cooling under Climate Change“. Für Deutschland bedeutet das potenziell niedrigere Ausgaben für Gas, Heizöl und Fernwärme, weniger winterliche Lastspitzen und längere Arbeitsperioden im Bau, in der Landwirtschaft, im Handwerk und in der Logistik.
Staatlich bestellte Alarmzahlen
Prognos wird regelmäßig von Bundesministerien, Ländern, Behörden und staatsnahen Einrichtungen beauftragt. Zugleich positioniert sich das Unternehmen offensiv innerhalb der gegenwärtigen Diversity- und Inklusionsagenda. Das macht aber eine besonders kritische Prüfung der ausgewählten Szenarien, Annahmen und Handlungsempfehlungen erforderlich.
Der BR hätte diese Unsicherheiten offenlegen müssen. Stattdessen wurde eine modellabhängige Schätzung zur Schlagzeile erhoben. Das steht im klaren Widerspruch zu dem eigenen Anspruch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf sorgfältige Recherche, journalistische Ausgewogenheit und transparente Einordnung. Eine seriöse Analyse müsste Hitze und Kälte, Heiz- und Kühlkosten, Anpassungsmaßnahmen, Nachholeffekte und jahreszeitliche Vorteile gemeinsam bilanzieren. Die 73 Millionen Euro pro Hitzetag sind kein gemessener Schaden, sondern das Ergebnis politisch verwertbarer Modellannahmen. Der Vorgang zeigt exemplarisch, wie staatliche Auftraggeber, öffentlich finanzierte Forschungsinstitute und der öffentlich-rechtliche Rundfunk einander verstärken können, um klimapolitische Alarmnarrative zu verbreiten und damit weitere Eingriffe, Subventionen und Verbote zu legitimieren.





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