Vergangene Woche trafen sich 20 Staaten und Organisationen – darunter die Europäische Union, Deutschland und Griechenland – in Washington, D.C., um dem von den USA geführten Bündnis „Pax Silica“ beizutreten und damit eine formelle Koalition zu bilden. Das Bündnis wurde im Dezember 2025 vom US-Unterstaatssekretär Jacob Helberg (ehemals leitender Berater des Palantir-CEO Alex Karp) ins Leben gerufen. Ziel ist es, die teilnehmenden Staaten bei Halbleitern, kritischen Rohstoffen, Energie, KI-Infrastruktur und anderen strategischen Technologien enger zu koordinieren und so die Abhängigkeit von China zu verringern.
In einem Artikel mit dem Titel „Die Falle der digitalen Souveränität“ erläutert Helberg die Grundprinzipien von Pax Silica als „eine Koalition der Fähigkeiten – ein Weg für Staaten, die einander vertrauen, die jeweils beste Technologie dort zu finden, wo sie innerhalb dieses Bündnisses vorhanden ist, und diese Stärken miteinander zu verweben. Die Grundannahme ist einfach und alt: Vertrauenswürdige Partner, die ihre jeweiligen Vorteile miteinander austauschen, erreichen gemeinsam, was kein abgeschotteter Staat allein leisten kann. Die Rechenleistung des einen Partners trifft auf die Rohstoffe des anderen, auf die Talente eines dritten und das Kapital eines vierten – und das Ergebnis ist nicht bloß eine Summe, sondern eine Vervielfachung.“
Zwischen Hoffnung und Abhängigkeit
Für europäische Transatlantiker war Pax Silica eine beinahe beruhigende Bekräftigung der internationalistischen Führungsrolle der Vereinigten Staaten unter Präsident Trump. So schrieb der deutsche Sicherheitspolitik-Kommentator und Befürworter einer engeren EU-US-Integration Ulrich Speck auf X: „Es wäre sehr viel klüger, die Illusion der Souveränität aufzugeben und den transatlantischen Raum als gemeinsamen Wirtschafts- und Technologieraum der ,freien Welt‘ zu begreifen. Getrennt können wir mit China nicht konkurrieren – und China ist die eigentliche Herausforderung und Bedrohung für unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und unsere Freiheit.“
Andere sehen in Helbergs Vision hingegen ein düsteres Zukunftsbild für Europas technologische, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit. In einem Artikel mit dem Titel „Pax Silica: Das transatlantische Bündnis, das Europa zu ewiger Vasallenschaft verurteilt“ schreibt der französische Ökonom Julien Pillot: „Wenn wir die nächsten Jahre – wenn nicht sogar die nächsten Jahrzehnte – damit verbringen, Architekturen aufzubauen, die mit von den Amerikanern definierten Standards kompatibel sind, werden wir durch den Kumulationseffekt lediglich die bereits dominante Stellung amerikanischer Unternehmen weiter stärken. Bis zu dem Punkt, an dem die Kosten eines Ausstiegs so hoch sein werden, dass sie uns faktisch auf einen von den Amerikanern kontrollierten und dominierten technologischen Entwicklungspfad festlegen.“
Als Reaktion auf Pax Silica benannte der deutsche KI-Analyst Kim Isenberg das zentrale Hindernis, das die Europäische Union vom lautstarken Verfechter technologischer Eigenständigkeit zu einem demütigen Nachfolger werden ließ: „Europa hat jahrelang über technologische Unabhängigkeit gesprochen. Doch als KI Realität wurde, als es um Chips, Cloud-Infrastruktur, Energie, Rohstoffe, Chipfabriken und Exportkontrollen ging, entschied sich Europa für die Integration in das amerikanische System.“
Warum Europas Zeit drängt
In dem inzwischen viral gegangenen Artikel „Was auf dem Spiel steht, wenn wir die KI-Revolution verschlafen“ bringt die Initiative Europe 2031 die Sorge der Verfechter digitaler Souveränität in Europa auf den Punkt: „Ein Orakel steht plötzlich vor deiner Tür und sagt, du musst dich in drei Jahren über 200 Meter Freistil für Olympia qualifizieren, sonst geht die Welt unter. Und du trainierst so gut wie gar nicht. Gehst vielleicht einmal die Woche ins Fitnessstudio. Es gibt keine realistische Version, in der du dich qualifizierst. Aber das Orakel hat recht. Die Welt geht wirklich unter, wenn du es nicht schaffst. Was solltest du also tun?“
Tatsächlich hat Europa noch einen langen Weg des „Trainings“ vor sich, wenn es gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und China KI-Modelle an der technologischen Spitze entwickeln will. Die erste Herausforderung ist die Infrastruktur: Auf die Europäische Union entfallen weniger als fünf Prozent der weltweiten Rechenkapazität für KI auf Spitzenniveau, verglichen mit 75 Prozent in den Vereinigten Staaten und 14 Prozent in China. Die meisten der weltweit größten KI-Trainingscluster und Cloud-Plattformen befinden sich deshalb in amerikanischer Hand. Das verschafft US-Unternehmen einen erheblichen Vorteil bei der Gewinnung von Talenten, Kapital und Kunden. Gleichzeitig haben Europas höhere Energiekosten, der fragmentierte Strommarkt und langsamere Genehmigungsverfahren den Bau jener Rechenzentren erheblich erschwert, die notwendig sind, um im Wettbewerb an der technologischen Spitze mithalten zu können.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!