Es ist noch stockfinster, als ich meinen Mietwagen vor der Anlegestelle des kleinen, zu Port Klang gehörenden, malaysischen Fischerdorfes parke, um auf Hashim zu warten. Port Klang liegt an der Straße von Malakka und besitzt den größten Seehafen des Landes, aber die winzige Ortschaft, in der ich ein Rendezvous mit einem Fischer habe, liegt ein wenig außerhalb. Der Muezzin, der die Gläubigen des Ortes zum Morgengebet gerufen hat, ist gerade erst verstummt, da tauchen die ersten Fischer auf. Es sind zwei hagere Gestalten. Der erste hat eine Stirnlampe auf dem Kopf, der zweite schleppt einen Benzinkanister. Beide wackeln über den schmalen, knarzenden Holzsteg zu ihren Booten. Dann taucht ein Motorroller auf, auf dem ich trotz Helm den stämmigen, leicht untersetzten Krabbenfischer Hashim erkenne, mit dem ich mich am Vortag für diese nachtschlafende Stunde verabredet habe. Er kommt auf die Minute pünktlich und begrüßt mich herzlich, ganz so, als seien wir bereits alte Freunde.
Das Meer als Lebensaufgabe
Schon Hashims Vater und Großvater waren hier Fischer. Er selbst ist es seit Kindesbeinen. Innerhalb kürzester Zeit ist sein Boot klar zum Ablegen. Auf dem Kahn steht er barfuß, sicher im Gleichgewicht, den Blick in die Ferne gerichtet. Mir stellt er einen Holzschemel hin, auf dem ich es mir bequem mache, auch wenn nach kurzer Zeit meine Hinterbacken schmerzen. Langsam fängt es an zu tagen. Jetzt sei Flut, erklärt Hashim. In etwa drei Stunden sei wieder Ebbe und bei Ebbe könne man nichts mehr fangen. Jedenfalls keine Pfeilschwanzkrebse. Ausrüstung benötigt der jung gebliebene 46-Jährige keine, denn er fängt diese lebenden Fossilien mit der bloßen Hand.
Hashim ist ein Malaie von echtem Schrot und Korn. Er hat eine warme Ausstrahlung und einen wachen Blick. Schon nach wenigen Minuten hat er den ersten Fang getan. „It’s a good start“, kommentiert er lakonisch und lächelt dabei. In dem Moment, in dem er die Unterseite eines Pfeilschwanzkrebses vor meine Linse hält, liegt Stolz in seinem Blick. Es ist die stille Zufriedenheit eines Menschen, der weiß, was er tut, und es seit Jahren tut. Die kräftigen Pranken des untersetzten, muskulösen Mannes mit dem schütteren schwarzen Haar, dessen bronzefarbenes Lausbubengesicht kaum Falten aufweist, obwohl er auf die 50 zugeht, erzählen von körperlicher Arbeit, von Wasser, Netzen und Bewegungsabläufen, die längst in Fleisch und Blut übergegangen sind. Sein Lächeln ist zurückhaltend, aber verschmitzt, als wolle er sagen: „Das Meer gibt – man muss nur wissen, wie man nimmt.“
An einem Tag erwischt Hashim durchschnittlich fünf Tiere, aber heute werden es ganze elf Krebse sein. Zumeist überrascht er sie im seichten Wasser bei der Paarung. Die Blubberbläschen, die sie erzeugen, indem sie den Sand aufwühlen, kann sein geübtes Auge von denen der kleineren Sandkrebse unterscheiden. „You need a lot of experience to distinguish between the different types of bubbles”, erklärt er mit stolzgeschwellter Brust. Sandkrebse fängt Hashim nicht. Sie seien viel zu klein. Auch die männlichen Tiere wirft er in der Regel zurück ins Wasser. Sie sind deutlich kleiner als die weiblichen Pfeilschwanzkrebse und tragen keine Eier. Und es sind diese Eier, auf die es seine thailändischen Kunden abgesehen haben. Er selbst esse auch manchmal das Fleisch der männlichen Tiere, aber die Käufer, die pro trächtigem Weibchen 15 Ringgit bezahlen, was in etwa 3,20 Euro entspricht, interessierten sich nur für die Eier, von denen die Weibchen zwischen 200 und 1.000 Stück unter ihrem urzeitlichen Panzer tragen. In Thailand macht man aus diesem Kaviar Salat, der dort als Delikatesse gilt.
Ich frage Hashim, ob er sich keine Sorgen um den Fortbestand der Spezies mache, wenn immer die weiblichen Tiere gefangen würden, bevor sie ihre Eier gelegt hätten. Er wiegt den Kopf und entgegnet mir dann in ausgezeichnetem Englisch: „Ja, wenn immer die weiblichen Tiere gefangen werden, bevor sie ihre Eier legen, könnte die Art irgendwann aussterben.“ Aber dafür müsse man es über sehr lange Zeit so machen und immer alle erwischen. Außerdem seien die Pfeilschwanzkrebse, die er hier aus dem Wasser hole, keine einheimischen, das erkenne er an den Muscheln, die sie teilweise am Innenpanzer trügen. Diese Muscheln gebe es an der Küste Malaysias nicht. Und es seien in den letzten Jahren mehr Pfeilschwanzkrebse geworden, nicht weniger. Er vermute, dass die Tiere aus Indonesien stammten und nur zur Paarung herüber nach Malaysia kämen, seit hier so viel Sand aufgeschüttet worden sei, um dem Meer Land abzutrotzen und Fabrikanlagen zu errichten. In Hashims Kindheit gab es hier noch keine Fabriken und beinahe alle Männer des Dorfes waren Fischer, mittlerweile sind etwa die Hälfte von ihnen Fabrikarbeiter.
Später werde ich bei meiner Internetrecherche herausfinden, dass die amerikanische Art (Limulus polyphemus) und der Japanische Pfeilschwanzkrebs (Tachypleus tridentatus) seit einigen Jahren als gefährdet gelten. Über den Bestand der anderen rezenten Arten, die beide in Südostasien beheimatet sind und zu denen auch der von Hashim befischte Indopazifische Pfeilschwanzkrebs (Tachypleus gigas) gehört, ist zu wenig bekannt, als dass eine Einstufung vorgenommen werden könnte. Sie werden von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) als „data deficient“ geführt.
Begegnung mit einem lebenden Fossil
Die Pfeilschwanzkrebse, der Form ihres Panzers wegen auch Hufeisenkrebse genannt, bilden die einzige rezente Familie innerhalb der Ordnung der Schwertschwänze. Die Schwertschwänze sind eine basale Gruppe der Kieferklauenträger und möglicherweise die Schwestergruppe der landlebenden Spinnentiere. Die bizarr und urtümlich wirkenden Pfeilschwanzkrebse ernähren sich in erster Linie von Muscheln und anderen Weichtieren, aber auch von Aas. Alle bekannten Arten können sich einrollen und auf diese Weise vor Fressfeinden schützen. Durch wiederholtes Zusammenrollen und Auseinanderklappen können die Tiere sich im weichen Sand eingraben. Um sich zu paaren, kommen sie nahe ans Ufer. Die charakteristischen Fährten von Pfeilschwanzkrebsen sind häufig auch fossil identifizierbar, da sich die Endglieder der ersten vier Laufbeinpaare von denen des fünften Beinpaares unterscheiden und darüber hinaus meist die Schleifspur des Schwanzstachels gut zu erkennen ist. Pfeilschwanzkrebse sind bereits aus dem Ordovizium bekannt, das vor etwa 485,4 Millionen Jahren begann und vor rund 443,4 Millionen Jahren endete. Ihr Status als lebende Fossilien ist daher unstrittig.
Ihr Panzer, der die Pfeilschwanzkrebse über Millionen von Jahren vor Fressfeinden geschützt hat, bietet ihnen keinen Schutz vor dem gefährlichsten rezenten Raubtier: dem Menschen. Nachdem die Ebbe eingetreten ist, rasen Hashim und ich, die elf gefangenen Hufeisenkrebse sicher im Bauch des Kahns verstaut, mit dröhnendem Motor zurück zum Anlegeplatz des kleinen Fischerdorfes. Noch zwei Tage, dann geht der Fischer von Port Klang wieder mit einem Netz in der Straße von Malakka fischen, weil die Pfeilschwanzkrebse dann für etwa eine Woche nicht mehr in der Bucht anzutreffen sein werden. Eine Woche fängt er Fische, eine Woche Krebse, so geht es jahrein, jahraus. Bis jetzt.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 40 „Heimat, fremde Heimat“ abgedruckt.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!