Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffskrieges ist Wolodymyr Selenskyj nach Serbien gereist. Empfangen wurde er mit Ehrengarde, Hymnen und rotem Teppich. Wer den Besuch als Kapitulation Belgrads vor Brüssel liest, hat die Rechnung des Gastgebers nicht verstanden. Sie beginnt bei der Frage, wem die Außenpolitik eines Beitrittskandidaten verpflichtet ist: der Wählerschaft, die sie legitimiert, oder dem Bündnis, dem sie beitreten will.
Selenskyj landete am Abend des 7. August auf dem Belgrader Flughafen Nikola Tesla, empfangen nicht vom Außenminister, sondern von der Ministerin für Bergbau und Energie, Dubravka Đedović Handanović. Am nächsten Morgen folgte die volle Choreographie vor der Palata Srbija, dem serbischen Regierungspalast: Ehrengarde der serbischen Armee (Garda Vojske Srbije), beide Hymnen, roter Teppich, Vieraugengespräch, Delegationsrunde. Unterzeichnet wurde am Ende ein Memorandum zwischen dem serbischen Landwirtschaftsministerium und der ukrainischen Staatsbehörde für Lebensmittelsicherheit, Gegenstand: Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit. Dazu kündigte Vučić ein Freihandelsabkommen an und ein humanitäres Paket für den Gesundheits- und den Energiesektor. Militärische Unterstützung wurde nicht angekündigt.
Kiew will Serbien von Russland lösen
Für einen ersten Staatsbesuch nach vier Kriegsjahren ist diese Bilanz bescheiden, und sie ist es nur auf dem Papier. Selenskyj kam nach einer neuerlichen russischen Angriffswelle auf die Region Kiew, bei der nach den vorliegenden Angaben mehrere Menschen getötet wurden, darunter ein Kind. Am dringendsten braucht sein Land Abfangraketen; die Vereinbarungen mit den Vereinigten Staaten über monatliche Lieferungen reichen nach seiner Darstellung nicht aus, von Europa erwartet er mehr, wird dort aber durch langwierige Genehmigungsverfahren aufgehalten. Die Reise war entsprechend hart erarbeitet: Der Termin wurde mehrfach verschoben, in Kiew gab es Widerstand gegen einen Besuch in einem als moskaufreundlich geltenden Land. Ein ukrainischer Regierungsvertreter beschrieb das Ziel gegenüber der Agentur AFP unverblümt: Man müsse die Serben von Russland trennen, der Besuch sei eine Ohrfeige für Moskau.
Warum aber umwirbt Kiew ein Land, das keine Sanktionen gegen Moskau verhängt hat? Belgrads Bekenntnis zur territorialen Integrität der Ukraine ist kein moralischer Zusatz, sondern eine Gegenleistung. Serbien erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an, die Ukraine ebenfalls nicht. Vučić verwies vor dem Besuch darauf, dass Kiew zwei Gipfel im Format Südosteuropa und Ukraine ausgerichtet und Vertreter aus Priština nicht eingeladen hat; Selenskyj bestätigte in Belgrad, dass sich an der ukrainischen Haltung nichts ändert. In Priština löste genau das die schärfsten Reaktionen aus.
Damit ist der Maßstab benannt, an dem serbische Außenpolitik gemessen sein will. Sie folgt nicht der Frage, auf welcher Seite der Geschichte ein Land zu stehen habe, sondern der Frage, was es für seine Zustimmung erhält. Das ist kein Zynismus, sondern die klassische Auffassung von Souveränität: Eine Regierung schuldet ihre Loyalität den Bürgern, die sie gewählt haben, und ein Bündnis, dem man noch nicht angehört, hat keinen Anspruch auf Gefolgschaft. Serbien hat die russische Aggression in den Vereinten Nationen mehrfach verurteilt und die territoriale Unversehrtheit der Ukraine gestützt. Was es verweigert, ist die Angleichung an eine Außenpolitik, über die in Belgrad niemand abstimmen durfte.
Serbische Munition für die Ukraine
Die zweite Gegenleistung kommt aus der Rüstungsindustrie. Als Europa 2022 feststellte, dass seine Depots leer und seine Produktionslinien auf NATO-Standard umgestellt waren, verfügte Serbien über genau das, was an der Front fehlte: Artilleriemunition sowjetischer Bauart. Gekauft haben Staaten wie Tschechien, Polen, Spanien und die Vereinigten Staaten, angekommen ist die Ware in der Ukraine. Vučić räumte bereits 2023 gegenüber der Financial Times ein, serbische Munition könne über Zwischenhändler dort landen; es handle sich um legale Verträge. Dasselbe Blatt schätzte den indirekten Export seit Kriegsbeginn auf rund 800 Millionen Euro. Moskaus Außenamtssprecherin Marija Sacharowa erklärte, Berichte über serbische Waffen im ukrainischen Arsenal lösten tiefste Besorgnis aus, ohne dass dies die Beziehungen belastet hätte. Als der russische Auslandsgeheimdienst SVR im Mai 2025 nachlegte, kündigte Vučić an, Verträge mit Missbrauchsverdacht stoppen zu lassen, und nannte den Staatskonzern Jugoimport SDPR. Ein ukrainischer Experte gab an, die Lieferungen seien Ende 2025 eingestellt worden; widersprochen hat dieser Darstellung in Belgrad niemand, bestätigt hat sie auch niemand.
Über eine Fortsetzung wird bereits spekuliert. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete von Überlegungen zu einer gemeinsamen Drohnenfabrik: ukrainisches Wissen, serbische Arbeitskräfte, Kapital aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auf der Pressekonferenz kam davon nichts vor. Der Belgrader Politologe Aleksandar Ivković hat dafür eine schlichte Erklärung: Die entscheidenden Punkte habe Vučić im Westen schon vor Jahren gesammelt, als die Munitionsgeschäfte anliefen; sie jetzt öffentlich zu machen, brächte ihm nichts und im eigenen Lager erheblichen Ärger. Formale Neutralität, materielle Unentbehrlichkeit und öffentliches Schweigen über beides greifen zu genau ineinander, um Zufall zu sein.
Denn in Serbien gefällt dieser Besuch längst nicht jedem. Während vor der Palata Srbija die Hymnen gespielt wurden, versammelten sich in der Innenstadt einige Dutzend Menschen am Denkmal für Zar Nikolaus II. und entrollten eine russische Fahne. Aufgerufen dazu hatten Mladen Obradović, Vorsitzender der verbotenen Organisation Obraz, und die Parlamentspartei Wir, die Kraft des Volkes (Mi snaga naroda); Obradović nannte den Empfang gegenüber Radio Slobodna Evropa eine Schande für den serbischen Staat. Der Protest blieb klein und friedlich, stand aber für eine Stimmung, die weit über diese Gruppen hinausreicht. Auch Fans von Roter Stern Belgrad (Crvena zvezda) zeigten ein Transparent gegen den Besuch.
Vučićs Balanceakt stößt im eigenen Land an Grenzen
Im politischen Raum übernahm Aleksandar Vulin die Deutung für Moskau. Vulin führt die Bewegung der Sozialisten (Pokret socijalista), einen kleinen Koalitionspartner, war Verteidigungsminister, Innenminister, Direktor der Sicherheits-Informations-Agentur (BIA) und stellvertretender Ministerpräsident und steht seit 2023 auf der Sanktionsliste des amerikanischen Finanzministeriums; seine Linie vertritt er seit einem Jahrzehnt unverändert, gleich ob sie gerade opportun ist, und bezieht genau daraus eine Glaubwürdigkeit, die den Wendigen im serbischen Politikbetrieb abgeht. In der Arbeitsteilung des Systems formuliert er offen die prorussische Position, die der Präsident selbst nicht mehr einnehmen kann, ohne seine Verhandlungsspielräume im Westen zu verlieren. Gegenüber der Agentur RIA Novosti erklärte er, der Besuch entspreche nicht dem Willen der Bürger Serbiens, sondern sei Druck aus Brüssel und Rache der Europäischen Union dafür, dass Vučić Mitte Juli beim Gipfel in Kiew als einziger Teilnehmer die gemeinsame Erklärung nicht unterschrieben hatte.
Diese Widerstände sind kein Randphänomen, und sie führen zurück zur Ausgangsfrage. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Stammwählerschaft des Präsidenten mehrheitlich russlandfreundlich und beitrittsskeptisch ist. Eine Regierung, die diese Wählerschaft ernst nimmt, kann sich einer Sanktionspolitik nicht anschließen, die im eigenen Land keine Mehrheit hat. Daraus erklärt sich die Zweiteilung des Kurses: keine Sanktionen, keine Verurteilung Moskaus im bilateralen Verkehr, dafür Munition, die über Dritte an die Front gelangte. Es sind weniger als hundert Tage bis zu den serbischen Wahlen. Der FAZ-Korrespondent Michael Martens hält die Lesart vom Wahlkampfmanöver allerdings für wenig überzeugend: Bilder einer Umarmung mit Selenskyj kämen bei einer prorussischen Wählerschaft schlecht an. Vučić habe vielmehr den Zorn Moskaus in Kauf genommen, was künftige Gasverhandlungen nicht leichter mache, und darin liege ein Mut, der Anerkennung verdiene. Dass diese Konstruktion seit vier Jahren hält, ohne dass eine der beiden Seiten den Tisch verlassen hätte, spricht für das Handwerk dessen, der sie führt.
Zugleich ist Belgrads Spielraum kleiner, als die Inszenierung vermuten lässt. Die Naftna industrija Srbije (NIS) steht weiterhin mehrheitlich unter russischer Kontrolle und auf der amerikanischen Sanktionsliste. Angekündigt wurden die Sanktionen im Januar 2025, wirksam wurden sie nach mehreren Aufschüben im Oktober desselben Jahres, und seither ist der Betrieb nur aufgrund wiederholt verlängerter Ausnahmegenehmigungen des amerikanischen Finanzministeriums möglich; die jüngste gilt bis zum 28. August. Parallel verhandelt der ungarische MOL-Konzern über die Übernahme der russischen Beteiligung von 56,15 Prozent, ein bindender Rahmenvertrag mit Gazprom Neft liegt seit Januar 2026 vor, die künftige Eigentümer- und Führungsstruktur hat Belgrad mit MOL im Juni vereinbart. Serbien bezieht sein Gas weiterhin aus Russland. Ein Beitritt zu den EU-Sanktionen würde diese Abhängigkeit nicht auflösen, sondern nur den Preis der Versorgung verändern.
Das relativiert das Bild vom stabil gehaltenen Gleichgewicht. Im Fall der NIS macht Belgrad unter amerikanischem Druck reale Zugeständnisse; der russische Rückzug hat inzwischen konkrete Formen angenommen. Was Vučić noch verhandelt, sind Zeitpunkt, Käufer und Bedingungen. Dass der Erwerber ausgerechnet aus Ungarn kommt, dessen Regierung in Brüssel eine ähnliche Position vertritt wie Belgrad, gehört zu diesen Bedingungen.
Vučić sieht Europa vor einem größeren Krieg
Politisch am folgenreichsten war ohnehin nicht der Besuch, sondern das, was Vučić danach sagte. In einem Podcast des Axel-Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner erklärte er, man stehe am Anfang eines größeren Krieges, Europa befinde sich am Rand eines sehr viel größeren Konflikts. Ein Ende des Ukrainekrieges sieht er weder in diesem Jahr noch vor dem kommenden Frühjahr. Auf den russischen hybriden Krieg gegen europäische Staaten angesprochen, antwortete er, das sei im Grunde dasselbe, was Europa mit Waffenlieferungen, Sanktionen und Finanzhilfen gegen Russland getan habe; im selben Gespräch räumte er ein, dass nicht die Ukraine diesen Krieg begonnen hat und Täter und Opfer nicht verwechselt werden dürfen.
Der kroatische Historiker Tvrtko Jakovina bemerkte nach dem Besuch, Vučićs Einschätzungen seien womöglich besser gewesen als die seiner Kritiker, die von ihm eine Entscheidung zwischen Schwarz und Weiß verlangten. Wer den Belgrader Kurs für unhaltbar hielt, muss zur Kenntnis nehmen, dass er inzwischen von beiden Seiten umworben wird. Hinzu kommt eine Verschiebung des Ziels: Martens hält fest, dass Vučić den Glauben an den Erweiterungsprozess längst aufgegeben habe, aus nachvollziehbaren Gründen, denn in Frankreich hängt die Aufnahme neuer Mitglieder inzwischen an kaum kalkulierbaren Hürden. Was Belgrad weiter anstrebt, ist der Zugang zum Binnenmarkt. Wer den Beitritt nicht mehr als realistisches Ziel behandelt, für den ist die verweigerte außenpolitische Angleichung keine Trotzhaltung, sondern die logische Folge. Ein Nachlass bei den politischen Bedingungen folgt daraus nicht; Rechtsstaatlichkeit gilt auch für ein Land, das militärisch nützlich ist.
Damit stellt Belgrad eine Frage zurück, die nicht Serbien allein betrifft: Wer bestimmt die Außenpolitik eines Beitrittskandidaten, die gewählte Regierung in Belgrad oder die Angleichungspflicht der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik? Solange die Union darauf keine klare Antwort gibt, wird der serbische Spagat kein Sonderfall bleiben. Er wird zum Modell für jeden Staat, der zwischen Interessen und Bündniszwang genug Spielraum sieht, um beides zu bedienen. Ob dieser Spielraum den nächsten Kriegswinter überdauert und ob ihn die eigene Wählerschaft weiter mitträgt, ist die eigentliche offene Frage.





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