Tennis, Täuschung, Totalversagen: Was die Debatte um Wegner wirklich verschleiert
Kai Wegner soll als Bürgermeister zurücktreten, weil er zu Beginn des Berliner Blackouts heimlich Tennis gespielt hat. Warum die Forderung falsch ist und was wirklich seinen Rücktritt rechtfertigt, erklärt Jonas Greindberg.
Kai Wegner hat es gewagt, am vergangenen Samstag mit seiner besseren Hälfte Tennis zu spielen, als rund hunderttausend Berliner ohne Strom waren. Weil der Berliner CDU-Bürgermeister dieses Detail zunächst gegenüber der Presse verschwieg, soll er jetzt zurücktreten: Nius-Redakteurin Wiebke Bold verglich Wegners Tennisdesaster mit politischem Selbstmord. Hannes Schrader vom Spiegel forderte gar, dass ein Bürgermeister, der seine Bürger belügt, zurücktreten müsse. Schraders Forderung hat nur einen Haken: Konsequent umgesetzt würde sie das Ende des bundesrepublikanischen Berufspolitikers bedeuten.

Warum Entscheider Pausen brauchen
Den Berliner OB beeindruckt das alles wenig: „Es gibt ja keinen Grund zur Entschuldigung, wenn man eine Krise anderthalb Tage vorher beendet,“ wischte Wegner die Kritik an seinem amourösen Tennismatch beiseite. Er habe Sport treiben und abschalten wollen. In der aufgeheizten Debatte wirkt dieser Satz unsensibel, arrogant. Dabei spricht Wegner etwas aus, das in der Politik häufig übersehen wird: Auch politische Entscheider sind Menschen. Und Menschen brauchen Pausen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Gerade Tennis ist für seine zahlreichen Vorteile bekannt: Laut einer Studie der John-Hopkins-Universität haben Tennisspieler im Vergleich mit anderen Sportlern das geringste Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einer Studie von Nuvance Health zufolge trainiert Tennis in hohem Maße strategisches Denken, Problemlösekompetenzen und Reaktionsschnelligkeit. Gerade in Krisenzeiten sind Entscheider auf diese Fähigkeiten angewiesen – und auf innere Ruhe.
Dass diese Binsenweisheiten ausgerechnet für Politiker in Krisenzeiten nicht gelten sollen, ist ein Ausdruck unserer hysterischen Debattenkultur. Mit wirklicher Verantwortung hat das nur wenig zu tun. Jeder Steuerzahler weiß, wie wichtig Auszeiten sind, um im Beruf Höchstleistungen zu erbringen. Dauerstress führt dagegen zu Fehlern am laufenden Band.
Versagen mit Ansage
Die eigentlichen Gründe für einen Rücktritt Wegners liegen nicht auf dem Tennisplatz, sondern in seiner katastrophalen Politik: Der Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins, zu dem sich eine obskure Antifa-Gruppe bekannt hat, war nur deshalb erfolgreich, weil mehrere kritische Stromleitungen an einem Punkt gebündelt waren. Hier hätte der Wegner-Senat eingreifen müssen. Er tat nichts dergleichen, wie zahlreiche Senate zuvor.
Ein weiterer Rücktrittsgrund ist die Förderung extrem linker Strukturen unter Wegner: Das Petzportal „Berliner Register“ erhielt vom Wegner-Senat von 2023 bis 2024 über eine halbe Million Euro Steuergeld. Konservative Meinungsäußerungen denunziert das Berliner Register auf seiner Netzseite regelmäßig als angeblich rechte Hetze. Für Wegner offenbar kein Problem: Bis Ende Dezember 2024 wurde das Berliner Register von einer Antifa-Aktivistin geleitet. Indem Wegner Projekte wie das Berliner Register fördern lässt, kann in der Öffentlichkeit der trügerische Eindruck entstehen, dass die größte Bedrohung nicht von links, sondern von rechts ausgehe.
Linke Blindheit und innere Sicherheit
Zudem hat Wegner die Infiltration der Berliner Sicherheitsbehörden durch linke Aktivisten nicht entschieden bekämpft. Drei Jahre vor Wegners Amtsantritt bramarbasierte etwa der grüne Innenpolitiker Bendikt Lux, man habe unter leitenden Polizisten, Staatsanwälten und Geheimdienstlern „ziemlich gute Leute“ untergebracht. Felor Badenberg steht als Wegners Parteikollegin und amtierende Justizsenatorin für die Fortsetzung dieses Kurses: Vor ihrer Ernennung zur Senatorin erstellte Badenberg im Bundesamt für Verfassungsschutz Gutachten, die eine geheimdienstliche Beobachtung der AfD ermöglichten. Als Justizsenatorin finanziert Badenberg derzeit das bereits erwähnte Berliner Register. Das Referat Linksextremismus im Berliner Verfassungsschutz? Unter der SPD-Innensenatorin Iris Spangenberg wurde es im Sommer 2025 kurzerhand abgeschafft. Der Wegner-Senat ist also auf dem linken Auge blind: So konnten Antifa-Gruppen im Windschatten des jahrelangen Kampfes gegen rechte Gespenster in Ruhe Anschläge planen und in die Tat umsetzen.
Jeder dieser drei Punkte rechtfertigt den sofortigen Rücktritt Wegners. In der hysterischen Debatte gehen sie jedoch größtenteils unter. Was wir brauchen, ist mehr Maß und Großherzigkeit gegenüber Politikern. Der eine findet seine Ruhe beim Rosenkranzgebet, der andere vielleicht beim Waldgang – und Wegner offenbar auf dem Tennisplatz. Wer daraus einen Skandal konstruiert hat zwar verstanden, wie Propaganda funktioniert, bietet seinen Lesern aber keine tiefere Erkenntnis. Sollte Wegner eines Tages aber doch zurücktreten müssen, dann hoffentlich wegen politischer Fehlentscheidungen – nicht wegen eines Satzes Tennis.






