FREILICH: Herr Brück, Sie sprechen auf X von einem „historischen Erfolg“. Woran messen Sie die historische Bedeutung des Ergebnisses von Aue-Bad Schlema konkret?
Michael Brück: Gleich mehrere Faktoren sind ein Novum und machen diese Wahl einzigartig. Nie zuvor konnte eine Kraft, die – in herkömmlichen Zuschreibungen bleibend – „rechts der AfD“ steht, mit solch einem Vorsprung im ersten Wahlgang den Platzhirsch hinter sich lassen, um dann im zweiten Wahlgang aus eben jenem Wählerspektrum zu mobilisieren. Dass am Ende, trotz wochenlanger Dauerhetze, ausgemalter Weltuntergangsszenarien und vor allem der Quasi-Ankündigung, den gewählten Kandidaten Stefan Hartung wegen fehlender Verfassungstreue nicht im Oberbürgermeisteramt zuzulassen, gerade einmal 250 Wähler den Ausschlag gaben, die statt bei den Freien Sachsen ihr Kreuz beim CDU-Mann setzten, muss trotz der verlorenen Wahl als Erfolg eingeordnet werden.
So knapp ist in Sachsen zudem bisher keine Stichwahl zwischen einem rechten Kandidaten – in fast allen Fällen bisher der AfD entstammend – und dem Kandidaten der Einheitspartei ausgegangen. Die Dimension der bundesweiten Berichterstattung zeigt, dass auch die Mainstreamjournalisten von dieser Entwicklung überrascht waren.
Trotz der Niederlage sprechen Sie von einem Erfolg. Besteht nicht die Gefahr, Wahlniederlagen schönzureden, wenn bereits das knappe Scheitern als historischer Erfolg interpretiert wird? Wo ziehen Sie die Grenze?
Das knappe Scheitern ist natürlich ärgerlich. Allerdings hätte vor der Wahl niemand damit gerechnet, eine solche Dimension zu erreichen. Das zeigen auch die medialen Reaktionen, die – trotz des formellen CDU-Sieges – vor einem weiteren Rechtsruck warnen und davon sprechen, dass man noch einmal mit einem „blauen Auge“ davongekommen sei. Eine Wahl in dieser Konstellation mit einer starken Kraft rechts der AfD, die breite Teile der Bürger mobilisieren konnte, hat es bis dato dennoch nicht gegeben. Das ist das Historische dieser Wahl.
Mit den Freien Sachsen überholte erstmals eine andere rechte Kraft einen AfD-Kandidaten deutlich im ersten Wahlgang. Was sagt dieses Ergebnis über die Entwicklung des patriotischen Lagers in Sachsen aus?
Zunächst sind Oberbürgermeisterwahlen natürlich Personenwahlen, weshalb die parteipolitische Herkunft des Kandidaten nur für einen Teil der Wähler das entscheidende Kriterium ist. Auf dem Umfrage-Höhepunkt der AfD, die derzeit in Sachsen bei etwa 42 Prozent liegt, mit 29 Prozent mehr als zehn Prozentpunkte vor dem AfD-Bewerber zu liegen, ist jedoch ein Ausrufezeichen. Jedoch kein gänzlich überraschendes: Schon zur Kommunalwahl 2024 konnten die Freien Sachsen in mehreren Städten – darunter Aue-Bad Schlema, Leisnig und Herrnhut – neben der AfD zweistellige Ergebnisse einfahren. Mit kommunalpolitisch erfahrenen und lokal verankerten Kandidaten ist das möglich.
Dies ist jedoch kein Selbstläufer, sondern erfordert einen massiven Wahlkampf, denn für die kleinere politische Kraft, das „Nischenprodukt“, lassen sich Stimmen natürlich schwerer gewinnen als für den allseits bekannten Marktführer. Insbesondere bei politisch nur oberflächlich interessierten Bürgern, denen die inhaltlichen und strategischen Unterschiede zwischen der AfD und den Freien Sachsen nicht bekannt sind und die im Zweifel auf das bewährte „Produkt“ zurückgreifen.
Könnte die Überlegenheit gegenüber dem AfD-Kandidaten auch Ausdruck lokaler Besonderheiten sein und weniger einem allgemeinen Trend folgen?
Die langjährige Verankerung von Stefan Hartung ist natürlich ein maßgeblicher Grund seines Erfolges. Ein anderer Grund ist der professionell geführte Wahlkampf, der bisherige Kommunalwahlkämpfe in Sachsen in den Schatten gestellt hat. Doch die riesige Resonanz der vergangenen Wochen geht über die Stadt selbst hinaus, zumal der Erzgebirgskreis – und generell Westsachsen – schon in der Vergangenheit zu den Hochburgen der Freien Sachsen zählte. Sicherlich lässt sich nicht in jeder Stadt ein vergleichbarer Erfolg erzielen, insbesondere wenn keine Verankerung besteht.
Jedoch gibt es mit Anne Liebing in Lunzenau und Heiko Richter in Lößnitz bereits in zwei weiteren Städten stellvertretende Bürgermeister der Freien Sachsen, die jeweils bei der letzten Kommunalwahl die meisten Stimmen aller Kandidaten erzielten. Auch andere bekannte Kommunalpolitiker wie Martin Kohlmann in Chemnitz, Max Schreiber in Heidenau oder Peter Schreiber in Strehla, der erst jüngst in der Kleinstadt hunderte Unterschriften für ein Anti-Solarpark-Bürgerbegehren sammeln konnte, haben das Potenzial, mittelfristig mehr als nur Achtungserfolge zu erzielen.
Wenn Oberbürgermeisterwahlen vorwiegend Personenwahlen sind, stellt sich die Frage: Ist das Ergebnis dann ein Beleg für die Stärke der Freien Sachsen als Partei oder eher für die Bekanntheit Stefan Hartungs?
Beides geht ineinander über. Ohne einen bekannten und lokal verankerten Kandidaten lassen sich keine Personenwahlen gewinnen. Umgekehrt kann ohne eine starke Organisationsstruktur im Rücken kein professioneller Wahlkampf geführt werden. Auch die Gegenseite schläft schließlich nicht: In Aue-Bad Schlema hat allein der Kandidat der Freien Wähler, der in der ersten Runde auf dem dritten Platz landete, etwa 15.000 EUR für Sichtwerbung ausgegeben und eine regelrechte Materialschlacht geführt. Die Zeiten, in denen Plakate allein ausreichten, um Wähler zu mobilisieren, sind aber lange vorbei – es braucht ein stimmiges Gesamtpaket. Mit Stefan Hartung, der in der gesamten Erzgebirgsregion durch seine Aktivitäten hohe Anerkennung genießt, ließ sich dieses Gesamtpaket realisieren.
Die Freien Sachsen konnten ihr Ergebnis zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang von 29 auf 47,3 Prozent steigern. Welche Faktoren waren Ihrer Meinung nach für diese Mobilisierung ausschlaggebend?
Eine Steigerung des Erstrundenergebnisses um mehr als das Anderthalbfache dürfte bundesweit einmalig sein, zumindest in dieser Größenordnung. Neben der allgemeinen Bekanntheit von Stefan Hartung ist einer der Hauptgründe sicherlich der Rückzug des AfD-Kandidaten Lars Bochmann, der auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Ein großer Teil der vorherigen AfD-Wähler konnte für die Stichwahl mobilisiert werden. Zu kritisieren ist jedoch, dass von den höheren Parteiebenen Druck auf die örtliche AfD ausgeübt wurde, um keine direkte Wahlempfehlung für Stefan Hartung abzugeben. Gerade bei dem erwartbar knappen Ausgang der Wahl hätten sich so weitere Wähler mobilisieren lassen.
Obwohl das Ergebnis der Stichwahl wie eine Addition der Erstrundenstimmen von Freien Sachsen und AfD wirkt, zeigt ein Blick auf die einzelnen Wahllokale, dass in geringem Maße auch Stimmen von den Freien Wählern gewonnen werden konnten. Deren Kandidat war ebenfalls nicht mehr angetreten. Zudem dürfte ein Teil der AfD-Wähler in der zweiten Runde auf die Stimmabgabe verzichtet haben. Insgesamt sank die Zahl der Urnenwähler.
Hauptursächlich für den starken Mobilisierungserfolg, wenn auch das Ziel knapp verfehlt wurde, war die Schaffung einer spürbaren Wechselstimmung, die auf jedem Werbemittel und in jeder Internetbotschaft unterstrichen wurde. Wir gegen die, Stefan Hartung oder CDU, Niedergang oder Neuanfang. Dieses Wende-Gefühl ließ sich weiten Teilen der Bürgerschaft vermitteln. Wer hätte vor zwei Monaten gedacht, dass ein Kandidat der Freien Sachsen bei einer Stichwahl nur knapp an der absoluten Mehrheit scheitert? Dieser einzigartige Wahlkampf hat das bis dato Undenkbare fast Wirklichkeit werden lassen.
Sie kritisieren die Zurückhaltung der AfD-Landesführung. Trägt jedoch nicht auch die Konkurrenzsituation zwischen der AfD und den Freien Sachsen dazu bei, dass eine solche Unterstützung ausbleibt?
Bei Kommunalwahlen treten mitunter auch der örtliche Feuerwehrverein oder Sportklub an. Trotzdem käme in der AfD wohl niemand auf die Idee, diese als Konkurrenz einzustufen. Ich könnte jetzt auf die unbeantwortet gebliebenen Gesprächsangebote vor den letzten Kommunal- und Landtagswahlen verweisen. Dabei sollte erörtert werden, wie beide Seiten von einer punktuellen Kooperation profitieren könnten. Doch das ist Schnee von gestern. Es muss nach vorn geblickt werden. Die AfD muss verstehen, dass sie ein paar Prozent weniger, die möglicherweise bei den Freien Sachsen landen, durchaus verkraften kann, wenn sie dafür von einer noch breiteren Proteststimmung profitiert – insbesondere auch bei der Straßenmobilisierung – und auf der anderen Seite frühere CDU-Wähler hinzugewinnt.
Mittelfristig hat sie dann vielleicht sogar auf Landesebene, zumindest aber jetzt schon kommunal, einen Bündnispartner, der Alternativen zu einer möglichen AfD-CDU-Koalition schafft. Eine solche Koalition erfreut sich verständlicherweise keiner allzu großen Beliebtheit an der eigenen Parteibasis. In anderen europäischen Ländern gibt es zahlreiche Rechtsparteien verschiedenster Ausrichtung und auch die deutsche Linke verfügt über ein langjährig erprobtes breites Spektrum.
Sie beschreiben einen außergewöhnlich intensiven Wahlkampf mit Haustürgesprächen, Bürgerfesten und einer starken Präsenz vor Ort. Welche Lehren können andere patriotische Kräfte daraus ziehen?
Aue-Bad Schlema ist die Hochburg der Freien Sachsen. Dies ist unter anderem auf die bereits siebzehnjährige kommunalpolitische Verankerung von Stefan Hartung, den Betrieb von zwei mehrmals wöchentlich geöffneten Bürgertreffpunkten in der 19.000-Einwohner-Stadt sowie auf regelmäßige Demonstrationen mit einer hohen drei- oder sogar vierstelligen Teilnehmerzahl zurückzuführen. Diese fanden etwa während der Corona-Jahre oder anlassbezogen zur Migrationsproblematik statt. Es stand deshalb außer Frage, einen professionellen und langfristig geplanten Wahlkampf zu organisieren, der bereits ein halbes Jahr vor dem Wahltag begann.
Neben klassischen Werbeformen wie Flugblatt- und Zeitungsverteilungen – das Stadtgebiet wurde allein zehnmal flächendeckend bestückt – wurden Angebote verschiedenster Art geschaffen: Es gab Volksfeste mit erzgebirgischer Musik, gemütliche Grillabende in verschiedenen Stadtteilen und Aktionen mit Bezug zum regionalen Fußballverein FC Erzgebirge Aue, wie ein Public Viewing des Sachsenpokalfinales oder eine Verschenkaktion von Stadion-Freikarten. So wurden jeweils andere Personenkreise angesprochen. Infostände, eine große Demonstration am Maifeiertag und eine flächendeckende Plakatierung – zudem bereits frühzeitig durch angemietete Plakatwände und Banner, die zahlreiche Bürger an ihren Grundstücken anbrachten – sorgten für eine Omnipräsenz.
Abgerundet wurde dies durch personalisierte Briefanschreiben sowie regelmäßige Videos in den sozialen Netzwerken, in denen Stefan Hartung kommunale Themen aufgriff und Lösungsvorschläge für seine Wahl zum Oberbürgermeister präsentierte. Kurzum: ein Komplettpaket an Wahlkampfideen, von denen einige auch erstmalig ausprobiert wurden, um ihren Nutzen für zukünftige Wahlen zu evaluieren.
Nach dem starken Ergebnis in der ersten Wahlrunde wurde der Wahlkampf noch einmal intensiviert. Binnen kürzester Zeit wurde eine zweite Kampagne organisiert, in deren Rahmen Unterstützer aus anderen Regionen Sachsens eingebunden wurden. Sie klingelten an etwa 1.250 Haustüren und führten persönliche Gespräche mit potenziellen Wählern. In den beiden Wahllokalen, in denen der höchste Zugewinn bei der Stichwahl verzeichnet werden konnte, wurde dieses Konzept flächendeckend umgesetzt. Leider reichten die personellen Ressourcen beim Pilotversuch noch nicht aus, um das Erfolgskonzept der Linkspartei, mit dem unter anderem die Direktwahlsiege zur Landtagswahl 2024 in Leipzig sowie spektakuläre Erfolge in Berliner Wahlkreisen (unter anderem Neukölln) zur Bundestagswahl 2025 ermöglicht wurden, stadtweit umzusetzen.
Verschiedene Medien zeigten sich vom Wahlkampf der Freien Sachsen überrascht und mussten zugeben, wie professionell dieser geführt worden war. Das zeigt: Wenn ein verankerter Kandidat antritt, lässt sich mit hoher Aktivität und einer durchgeplanten Kampagne, die natürlich noch Spielraum lassen muss, um auf Eventualitäten und neue Entwicklungen schnell einzugehen, Erfolg erzielen. Allerdings nur, wenn auch ausreichend ehrenamtliche Helfer zur Verfügung stehen, die für eine Idee brennen.
Das von Ihnen beschriebene Modell scheint sehr personal- und ressourcenintensiv zu sein. Ist es auf andere Regionen übertragbar, die weder über eine langjährige Verankerung noch über vergleichbare Aktivistenstrukturen verfügen?
Ja, denn es gibt in ganz Sachsen Schwerpunkte, in denen Aktivistenstrukturen bereitstehen, um die große Zahl an ehrenamtlichen Tätigkeiten, die ein solcher Wahlkampf mit sich bringt, zu meistern. Es ist aber natürlich nicht auf jede Stadt übertragbar. Fehlt vor Ort ein Kandidat mit entsprechender Verankerung – die übrigens nicht zwangsläufig nur durch kommunalpolitische Tätigkeiten entstanden sein muss –, kann ein intensiver Wahlkampf das Ergebnis sicherlich verbessern. Es wird aber nicht ansatzweise in einer Größenordnung wie in Aue-Bad Schlema liegen.
Sie bezeichnen die Unterstützung des CDU-Kandidaten durch nahezu alle etablierten Parteien als „Einheitsfront“. Hat diese Strategie aus Sicht der Altparteien noch Zukunft, wenn die Ergebnisse immer knapper werden?
Trotz dystopischer Prognosen, was Aue-Bad Schlema im Falle einer Wahl von Stefan Hartung zum Oberbürgermeister drohen würde, und trotz der in den Medien immer wieder neu aufbereiteten Ankündigung, einen Oberbürgermeister der Freien Sachsen wegen fehlender Verfassungstreue nicht zuzulassen, hat die CDU-geführte Einheitsfront nur knapp gewonnen. Und sie konnte zur Stichwahl lediglich marginal mehr Menschen mobilisieren. Die Propaganda verfängt kaum noch. Zumal die demografische Entwicklung gegen die CDU spricht, deren überalterte Hauptwählergruppe Jahr für Jahr weiter wegstirbt.
Auffällig ist, dass die Altparteien und die mit ihnen verbündeten Lokalmedien nach dem starken Abschneiden in der ersten Runde ihre Vorgehensweise änderten – mutmaßlich miteinander koordiniert. Während Stefan Hartung zuvor weitgehend ignoriert worden war, wurde er nun täglich mit den absurdesten Unterstellungen und Schwarzmalereien konfrontiert. Das hat ihm sicherlich einige Stimmen gekostet, aber diese Taktik lässt sich nicht inflationär anwenden, denn die Menschen stumpfen, wie auch beim mittlerweile allgegenwärtigen „Nazi“-Vorwurf, mit der Zeit ab.
Bezeichnenderweise weiß bis heute kaum ein Bürger in Aue-Bad Schlema, wofür der CDU-Kandidat überhaupt steht: Er wurde gewählt, um Stefan Hartung zu verhindern. Markus Hoffmann ist ein politischer Neuling, der 2024 in die CDU eingetreten ist. Bis heute hat er an keiner einzigen Stadtratssitzung teilgenommen. Beim Kandidatenduell im April 2026, bei dem die fünf Oberbürgermeister-Bewerber der ersten Wahlrunde aufeinandertrafen, musste er bei Fachfragen sogar darauf verweisen, diese lieber Stefan Hartung zu stellen, da dieser mehr Erfahrung in der Kommunalpolitik habe. Angesichts einer solchen Personalie könnte die Kandidatennot und Verzweiflung auf der Gegenseite kaum deutlicher aufgezeigt werden. Und das merken immer mehr Menschen.
Wenn die Warnungen vor einem Oberbürgermeister der Freien Sachsen angeblich kaum noch verfingen, warum reichten sie dann für den Wahlsieg der CDU?
Es war denkbar knapp und auf der Gegenseite wurden alle Register gezogen. So hat ein Zahnarzt sein Patientenregister missbraucht und etwa 1.000 Patienten mit einem Propaganda-Brief kontaktiert, in dem vor Stefan Hartung gewarnt wurde. Das ist rechtswidrig, entsprechende Anzeigen wurden erstattet. Aber gerade ältere Menschen, denen der Kandidat eigentlich sympathisch war, lassen sich durch diese Form der Kontaktaufnahme von ihrem Arzt, der für viele eine Vertrauensperson ist, verunsichern.
Trotz aller Panikmache konnte die Wahlbeteiligung aber nicht nennenswert gesteigert werden, was zeigt: Der großen Masse ist es mindestens egal, ob die Freien Sachsen (oder auch die AfD) einen Oberbürgermeister stellen. Oder sie unterstützen es. Eine Kampagne, wie sie in Aue-Bad Schlema gefahren wurde, kann nicht wiederholt werden. Ähnlich ist es bei der AfD: In den Anfangsjahren hatte sie noch unter ständiger Diffamierung durch die Medien zu leiden, doch heute sind ihre Wähler zum größten Teil immun gegen diese Dauerberieselung.
Sie werben für eine stärkere Zusammenarbeit mit der AfD. Wo sehen Sie derzeit die größten inhaltlichen oder strategischen Differenzen, die einer solchen Kooperation im Weg stehen?
Inhaltlich gibt es bei vielen Themen, etwa bei der Migrations- und Friedenspolitik, aber auch beim grundsätzlichen Wunsch nach einem politischen Wechsel hin zu mehr Freiheit in allen Lebensbereichen, große Überschneidungen. Deshalb arbeiten die drei gemeinsamen Fraktionen, die es heute bereits auf kommunaler Ebene in Sachsen gibt, auch problemlos zusammen. Natürlich vertreten die Freien Sachsen mit dem Streben nach mehr Autonomie oder einer staatskritischen Haltung, die insbesondere das Handeln von Behördenvertretern wie Polizisten und Verwaltungsmitarbeitern umfasst, mitunter schärfere Positionen. Aber auch SPD, Linke, Grüne und Volt unterscheiden sich mitunter stark, finden aber dort, wo es darauf ankommt, zusammen.
Gerade an der Parteibasis von AfD und Freien Sachsen, die als Sammlungsbewegung ohne enges ideologisches Korsett aufgebaut sind und verschiedenste Ansichten verbinden – vom klassischen PEGIDA-Wutbürger über den Corona-Querdenker bis zum Russland-Friedensaktivisten, vom Libertären bis zum Deutschnationalen alter Schule – sind die inhaltlichen Unterschiede marginal. Das zeigt sich auch in vielen Regionen bei gemeinsamen Straßenprotesten, wo der Zuspruch für den freieren Bewegungscharakter der Freien Sachsen selbst unter AfD-Mitgliedern hoch ist.
Aus strategischer Sicht gibt es für die AfD zwei Vorbehalte gegenüber den Freien Sachsen: Einerseits wird ausgerechnet von Teilen der per Brandmauer ausgegrenzten Partei eine eigene Brandmauer errichtet, um sich von den „noch Radikaleren“ abzugrenzen – wohl in der Hoffnung, keine weiteren Anhaltspunkte für eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu liefern. Eine Strategie, die bekanntermaßen nicht funktioniert und dazu beiträgt, sich selbst Handlungsräume zu nehmen. Andererseits herrscht Angst vor einem Wählerverlust an die Freien Sachsen. Einen Tag nach deren Gründung im Jahr 2021 schrieb ein AfD-Landtagsabgeordneter in eine regionale Chatgruppe die sinngemäße Nachricht: „Die Freien Sachsen sind ab heute unser größter Feind, die wollen unsere Stimmen stehlen.“ Diese Haltung ist leider immer noch weitverbreitet. Denn abgesehen davon, dass die Freien Sachsen bei zwei der vier relevanten Wahlformen – der Bundestags- und der Europawahl – überhaupt nicht antreten, gibt es in Sachsen genug Potenzial für verschiedene rechte Kräfte.
Das zeigt sich bereits im Kleinen, etwa im Landkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge: Von 86 Kreistagsabgeordneten gehören 27 der AfD, vier der Konservativen Mitte – einem regionalen Wahlbündnis, das inhaltlich zwischen CDU und AfD steht, aber keine Brandmauern in eine Richtung kennt – sowie drei den Freien Sachsen an. Bei der letzten Kommunalwahl wurde die Mehrheit in diesem Kreistag zwar noch verfehlt, doch 2029 ist sie realistisch.
Welche Rolle spielte die AfD bei diesem Wahlergebnis? Zeigt sich hier eine mögliche Arbeitsteilung zwischen parlamentarischen und außerparlamentarischen Kräften des rechten Spektrums?
Die AfD-Führung hat in Sachsen nach wie vor Probleme damit, ein gesundes Verhältnis zu den Freien Sachsen zu entwickeln. Es muss nicht gleich eine Liebesheirat sein, aber der Feind steht sicherlich ganz woanders.
Als Regionalpartei, die nicht zu Bundestags- und Europawahlen antritt, übernehmen die Freien Sachsen teilweise die Rolle einer Vorfeldorganisation, deren Arbeit bei den entsprechenden Urnengängen Erfolge der AfD begünstigt. Andererseits besteht auf kommunaler und Landesebene bei Wahlen natürlich eine Konkurrenzsituation, wie sie auf der Gegenseite zwischen SPD, Linken und Grünen herrscht. Ohne dass eine der Parteien auf die Idee käme, einen Alleinvertretungsanspruch des linken Lagers geltend zu machen.
Die Freien Sachsen sind deutlich stärker auf Straßenmobilisierung und Bewegungsarbeit ausgerichtet als die AfD, die in Sachsen vor allem als klassische Wahlpartei auftritt. Das ermöglicht – ganz abseits von den inhaltlichen Unterschieden, bei denen die Freien Sachsen sicherlich grundsätzlichere Positionen vertreten und diese auch schärfer artikulieren – ein arbeitsteiliges Agieren mit den jeweiligen eigenen Schwerpunkten. Getreu der Devise „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ braucht es jedoch zumindest eine punktuelle Abstimmung, um die Wirksamkeit beider Organisationen in eine gemeinsame Richtung zu entfalten. Daran scheitert es in der Praxis jedoch oft.
Auch der Umgang der AfD-Landesführung mit der Oberbürgermeisterwahl in Aue-Bad Schlema ist ein Musterbeispiel für diese fragw��rdige Strategie. Hätte Stefan Hartung die Wahl tatsächlich gewonnen, wäre die AfD der noch größere Sieger gewesen. Eine erwartbare Nichtzulassung des Wahlsiegers mitten im Super-Wahlkampf-Sommer hätte eine bundesweite Sprengkraft entfaltet, die deutlich größer gewesen wäre als der Ausschluss von Joachim Paul im Vorfeld des Ludwigshafener Wahlgangs.
Sie sagen, dass auch Wähler der Freien Wähler für Stefan Hartung gewonnen werden konnten. Welche gesellschaftlichen Milieus öffnen sich derzeit für patriotische Politik, die bislang als schwer erreichbar galten?
Das Milieu der Freien Wähler ist in Sachsen sehr unterschiedlich. In einigen Städten bestehen lokale Wählerinitiativen, die dem konservativen Spektrum angehören. In anderen Städten sind die Freien Wähler jedoch lediglich der verlängerte Arm der CDU. Mit einem etwas unverbrauchteren Namen. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Aue-Bad Schlema konnte der FW-Kandidat vorwiegend in seinem Heimatstadtteil punkten, in dem er unter anderem regelmäßige Feste organisiert und kommunal verankert ist.
Nach seinem Rückzug in der zweiten Wahlrunde wurde ein Teil dieser Wählerschaft „frei“ und konnte von den Freien Sachsen gewonnen werden – allerdings eher jene, die zuvor aus persönlichen Gründen für den FW-Kandidaten gestimmt hatten, aber grundsätzlich Sympathien für rechte Parteien hegen. Der Großteil der ehemaligen FW-Wähler wechselte ins Lager der CDU.
In vielen Kommunen gilt die Annahme, dass kleinere rechte Parteien kaum reale Machtperspektiven haben. Ist das Ergebnis von Aue-Bad Schlema ein Wendepunkt für die Wahrnehmung solcher Bewegungen?
Schon bei früheren Wahlen konnten die Freien Sachsen Ausrufezeichen setzen. Auf kommunaler Ebene gibt es zudem keine Prozenthürde, sodass jede Stimme die gleiche Wirkung entfaltet – das Argument, diese zu verschenken, greift deshalb nicht. Ein Ergebnis von 47,3 Prozent in der größten Stadt des Erzgebirgskreises unterstreicht aber grundsätzlich, dass die Verankerung weiter voranschreitet und Floskeln wie „Kleinstpartei“ zunehmend lächerlich wirken. Insbesondere, wenn man das Ergebnis der Landtagswahl vor zwei Jahren betrachtet, bei der immerhin mehr als doppelt so viele Stimmen wie bei der damaligen Regierungspartei FDP erzielt wurden und nur einige hundert weniger als bei den Freien Wählern, die es immerhin in den Landtag schafften.
Natürlich ist die AfD das Gravitationszentrum der deutschen Rechten, allein schon durch ihre bundesweite Verankerung und Größe. Daneben ist aber, gerade auf kommunaler Ebene, viel Platz. Wenn vor Ort gute (und vor allem fleißige) Leute sind, lässt sich dieser besetzen und aktiv an einer Machtperspektive mitarbeiten. Dafür braucht es eigene Stärke, denn ein potenzieller politischer Bündnispartner, der nichts vorzuweisen hat, ist uninteressant. Wenn jedoch gemeinsame Mehrheiten oder andere Vorteile winken, wird es zwangsläufig zur Kooperation kommen. Dies wird bereits jetzt in verschiedenen Gremien unter Beweis gestellt, etwa durch gemeinsame Fraktionen von AfD und Freien Sachsen im Leipziger Stadtrat oder im vogtländischen Kreistag.
Wenn die Freien Sachsen ihre Hausaufgaben machen, wird sich vieles von allein ergeben, zumal die AfD-Parteibasis wenig von Unvereinbarkeitsbeschlüssen und Distanzierungswahn hält.
Sie sprechen trotz der Niederlage davon, dass sich „rechte Mehrheiten“ abzeichnen. Welche Entwicklungen in Sachsen nähren diese Einschätzung?
Die Situation in Sachsen ist bundesweit einmalig: Seit der Kommunalwahl 2024 gibt es mit rund 100 kommunalen Mandaten der Freien Sachsen neben der AfD eine weitere Kraft, die örtlich – zusammen mit lokalen Wählerinitiativen – bereits Mehrheiten geschaffen hat. Sogar in Städten, in denen die AfD gar nicht zur Wahl angetreten ist. Angesichts der immer weiter steigenden Popularität der AfD sowie des anhaltenden Strukturausbaus der Freien Sachsen ist davon auszugehen, dass beide Parteien bei der nächsten Kommunalwahl deutlich zulegen werden.
Allein die wochenlangen Medienschlagzeilen um Stefan Hartung, die zu einer breiten Solidarisierung im Erzgebirge führten, dürften beispielsweise dazu beitragen, die zukünftigen Wahlergebnisse im Erzgebirgskreis um mehrere Prozentpunkte zu steigern. Wenn 2029 die nächsten Stadtrats- und Kreistagswahlen anstehen, ist es deshalb alles andere als unrealistisch, dass AfD, Freie Sachsen und lokale Wählerinitiativen bei der Wahl der entsprechenden Gremien deutlich über 50 Prozent liegen werden. Dadurch wären auch amtierende Bürgermeister und Landräte gezwungen, sich mit dieser neuen Situation zu arrangieren. Das heißt, sie müssen zentrale Positionen aus dem konservativ-patriotischen Lager für das eigene Verwaltungshandeln übernehmen.
Sie gehen von weiterem Wachstum patriotischer Kräfte aus. Welche Entwicklungen könnten dieses Szenario Ihrer Meinung nach noch verhindern?
Aktuell gibt sich die Bundesregierung alle Mühe, weitere Bürger gegen sich aufzubringen, und versucht nicht einmal, den Eindruck zu vermitteln, die Menschen finanziell zu entlasten oder sich ihrer Sorgen anzunehmen. Sollte hier ein Kurswechsel stattfinden – etwa durch einen nach rechts blinkenden CDU-Kanzler, dem es gelingt, mit einigen symbolischen Maßnahmen Teile der abhandengekommenen Wähler wieder einzufangen –, wird der anhaltende Rechtsruck sicherlich gebremst. Aufhalten lassen wird er sich jedoch nicht mehr, insbesondere nicht auf kommunaler Ebene. Tausende Mitglieder der AfD, der Freien Sachsen und weiterer Wählervereinigungen arbeiten Tag für Tag in ihren Kommunen. Im Gegensatz zu den Altparteien, die kommunikativ nicht im Jahr 2026 angekommen sind, werden sie als Kümmerer wahrgenommen. Und das wird sich in den nächsten Ergebnissen niederschlagen.
Ist die Annahme kommender Mehrheiten nicht auch davon abhängig, dass die AfD und die Freien Sachsen ihre Konkurrenz überwinden?
Konkurrenz belebt das Geschäft, spornt die jeweilige Organisation zu eigenen Aktivitäten an und ist erst einmal nicht schlecht, sie muss jedoch in einer gesunden Form stattfinden. Schon jetzt stimmen AfD und Freie Sachsen bei Sachentscheidungen in den lokalen Gremien – zumindest bei zentralen Themen – meist gemeinsam ab. Im Kreistag Bautzen – wohl der einzige in Sachsen, in dem es regelmäßig Mehrheiten aus AfD, Bündnis Oberlausitz/Freie Sachsen, einigen Vertretern der Freien Wähler und einigen konservativen CDU-Kreisräten inklusive Landrat gibt – ist das beispielsweise heute schon Normalität. Wenn es jedoch Mehrheiten geben wird, bei denen überhaupt keine Stimmen der CDU mehr gebraucht werden, entstehen natürlich größere Handlungsspielräume.
Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken: Wird man die Oberbürgermeisterwahl in Aue-Bad Schlema als lokalen Achtungserfolg betrachten oder als Beginn einer größeren politischen Verschiebung in Sachsen?
In drei Jahren werden bei den Kommunalwahlen zunächst die Früchte dieses Wahlerfolges geerntet und die Verankerung der Freien Sachsen, die derzeit rund 100 kommunale Mandate haben, wird deutlich erhöht. Verdoppelt, verdreifacht, vielleicht sogar noch mehr. Anschließend werden patriotische Mehrheiten bestehen, die Gestaltungsmöglichkeiten schaffen. Deren Ergebnisse dürften in fünf Jahren bereits sichtbar sein. Politische Verschiebungen benötigen ihre Zeit, aber der 7. Juni 2026 war ein Fanal für das, was jetzt folgen wird. Und der Beweis, dass eine Politik, die von Medien und Verfassungsschutz als „radikal“ diffamiert wird, in der Masse anschlussfähig ist. Voraussetzung ist, dass sie mit bürgernahen, sympathischen Kandidaten erfolgt, die politische Minenfelder umschiffen und sich auf die vor Ort relevanten Themen konzentrieren.
Zur Person:
Michael Brück (Jahrgang 1990) ist seit 2005 politisch aktiv. Der gebürtige Nordrhein-Westfale war unter anderem in der Dortmunder rechten Szene aktiv, lebt seit 2020 in Chemnitz und begleitete ab 2021 den Aufbau der Freien Sachsen. Er schreibt für Publikationen wie Aufgewacht und Compact und war am Wahlkampf von Stefan Hartung zur Oberbürgermeisterwahl in Aue-Bad Schlema beteiligt.







Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!