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Politik

Die Sackgasse der Generation Deutschland

Die Schweriner Bilder vom „Tag der deutschen Jugend“ zeigen mehr als eine verlorene Straßenszene. Sie legen offen, wie unsicher die Generation Deutschland zwischen Parteijugend, Straßenaktivismus und rechter Gegenkultur laviert — und wie dringend sie eine eigene politische Identität braucht.

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Mike Gutsing sieht die Generation Deutschland in einer strategischen und politischen Sackgasse.
Mike Gutsing sieht die Generation Deutschland in einer strategischen und politischen Sackgasse. (Bild: X/Generation Deutschland)

Am sogenannten „Tag der deutschen Jugend“ versammelten sich nach Eigenangaben rund 600 Mitglieder und Unterstützer der Generation Deutschland in der Landeshauptstadt Schwerin zu einer Demonstration und Kundgebung. Am Rande dieser Veranstaltung entstand ein semi-virales Video, in dem zu sehen ist, wie Aktivisten der AfD-Jugend mit deutlich aggressiveren, vermummten Gegendemonstranten aneinander geraten und nach kurzer Reviermarkierung unter Tritten, Pfeffersprayeinsatz und Beschimpfungen den Rückzug antraten. Besonders auf X entbrannte eine Diskussion über das Verhalten der Aktivisten, die zwischen „Stand Your Ground“-Rhetorik und der Befürwortung des Rückzugs zum Schutz vor Presse, Staatsanwaltschaft und Parteiausschlussverfahren als Extrempole verlief. 

Auch mein erster Impuls war Unverständnis über die Konfrontationsscheu der GD-Mitglieder, aber auch Ärger über die schlechte Außenwirkung, die solche Bilder auf potentielle Mitglieder haben, von denen sich nur die wenigsten von der vermeintlichen Verliererseite einer solchen Konfrontation angesprochen fühlen dürften. Dabei wurde mir wieder einmal ein Problem bewusst, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der patriotischen Jugendorganisation zieht: Seit nun über zehn Jahren versucht man, über Aktionsformen, Öffentlichkeitsarbeit und Personal, Straßenaktivismus, bürgerlichen Funktionärsnachwuchs und politische Subkulturen von Landjugend bis Burschenschaften unter einen Hut zu bringen. Dabei bedient man sich versatzstückartig an deren Rhetorik, Ästhetik und Methoden, die letztlich ein doch eher chimärenartiges Gesamtprofil erzeugen. Dieses Experiment als autonome Organisation neben der AfD scheiterte mit der erzwungenen Auflösung und Neugründung der Jungen Alternativen als Generation Deutschland, am Personal änderte sich vor allem in den Führungskreisen bisweilen nur wenig.

Aktivismus ohne eigenes Milieu

Das liegt zum Teil an den, gemessen an den Ergebnissen der AfD in Umfrage- und Wahlergebnissen, weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibenden Erfolgen der Mitgliedergewinnung. Findet sich in einem mitteldeutschen Landkreis mit einer AfD-Zustimmung von teils über 40 Prozent nicht mal eine Handvoll oder sogar kein einziges Mitglied der Generation Deutschland, muss man von einer groben Vernachlässigung der Nachwuchsarbeit durch die Mutterpartei sprechen. Noch drastischer wird der Befund für die urbanen Räume, in denen die Mitgliederzahlen der GD höchstens in absoluten Zahlen besser aussehen, sich die Personen vor Ort wohl trotzdem am Geruch erkennen dürften. 

Aber wofür sollten sich Jugendliche der Generation Deutschland auch anschließen? Urbanen Aktivismus und rechte Gegenkultur können IB und Burschenschaften qua ihrer DNA organischer ausleben, für die Einbindung in eine oberflächlich politisierte Gemeinschaft reicht in ländlichen Regionen schon der örtliche Geflügelzuchtverein. Handfestere Erlebnisse holen sich jugendliche Fußballfans auf dem Acker, hier darf man wenigstens noch zurückschlagen. Vielleicht mit Ausnahme der Ackerkämpfe kann die GD ihren Mitgliedern Teile dieser Erfahrungswelten anbieten – meist jedoch eher aus einer Notwendigkeit heraus, wenn vor Ort keine entsprechenden Strukturen existieren. Die Wilderei an Milieuerfahrungen bleibt oberflächlich, eine klinisch saubere Spielwiese für Politiktouristen, ohne öffentlichkeitswirksame Bilder und Personen, die den Bemühungen um den Saubermann-Auftritt für den nächsten Prozentpunkt im Wege stehen. 

Parolen ersetzen kein Profil

Diese Kritik darf nicht als Herabwürdigung für die jungen Frauen und Männer verstanden werden, die sich trotz widrigster Umstände und teils unter großen persönlichen Opfern für eine Sache einsetzen, die größer ist als sie selbst. Wer die internen Debatten um die damalige JA verfolgen konnte, weiß von den Schwierigkeiten bis zur erzwungenen Neugründung, die teils bis heute bestehen. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AfD-Jugend bis heute keine kohärente politische Identität ausgebildet hat. „Ostdeutschland“-Kult (gemeint ist die ehemalige DDR) neben Bismarck-Transparenten, stramme Scheitel neben buschigen Wikingerbärten: Wer will schon die Eintracht der „Remigration“-Chöre durch die störende Frage nach weltanschaulicher Tiefe oder einem glaubwürdigen politischen Profil stören? Ein tieferer, innerer Bezug zu Deutschland als Nation, als eine über die Abstammung und ein gemeinsames Schicksal aneinander geschmiedete Gemeinschaft, fehlt der Mehrheit der jungen Parteibuchbesitzer. 

Wer sich als Sprachrohr einer Jugend aufstellt, deren Identität gestohlen, verleumdet und kriminalisiert wird, muss einen Gegenentwurf bringen. Wer „Präsenz auf der Straße“ zeigen möchte, muss bereit für die direkte Konfrontation sein. Wer Polizei und Staat (richtigerweise) die Fähigkeit bzw. den Willen abspricht, für sichere Verhältnisse zu sorgen, muss in der Lage sein, selbst für seine Sicherheit zu sorgen. Dabei geht es nicht um verbale Scharfmacherei oder überzogene Bürgerkriegsrhetorik. Der Auftritt in Schwerin lässt aber den ganzen Tag der harten Parolen und geschlossenen Reihen restlos lächerlich wirken. 

Innere Klausur statt Machtdemonstration

Doch nicht nur dem politischen Gegner hat man damit einen famosen Freischuss vorgelegt. Auch Parteien und Organisationen, die sich selbst rechts der AfD verorten, können spielend auf diesen Widerspruch zwischen rhetorischer Fiktion und Wirklichkeit aufmerksam machen. Die deutschlandweit aktiven „Active Clubs“ dürften sich ebenfalls über das kostenlose Material zur Mitgliederwerbung freuen. Auf diesem Gebiet ist ein Sieg über die deutlich erfahrenere Konkurrenz ausgeschlossen, ihre Erzählung des grundsätzlichen Widerstands verfängt, ihre Ästhetik der Wehrhaftigkeit wirkt objektiv gesehen authentischer. Warum man überhaupt das Videomaterial „exklusiv“ an Medien geteilt hat, kann nur mit politisch völlig unbedarfter Effekthascherei oder grober parteiinterner Disziplinlosigkeit erklärt werden – beides ist zum Haareraufen.

Anstatt sich in voreiligen Machtdemonstrationen zum Obst zu machen, sollte die GD mal tief in die innere Klausur gehen und wenigstens einmal grundlegende, verbindliche Ecksteine ihrer Jugendvision ausarbeiten, die mehr sind als tagespolitische Oberflächlichkeiten. Dafür gibt es in den Reihen der Generation Deutschland bereits hervorragendes Personal, im Gegensatz zu den Szenen in Schwerin sollte man in diesem Fall also tatsächlich in der Lage sein, sich selbst zu helfen. 

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