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Politik

Arbeiterpartei war gestern: Wer heute die Linke wählt

Jung, weiblich, akademisch und großstädtisch: Mit ihrer neuen Wählerschaft gewinnt die Linkspartei vor allem auf Kosten von Grünen und SPD. Daniel Fiß zeigt, wie sich dadurch das linke Lager neu sortiert und welche politischen Folgen dieser Wandel hat.

Daniel Fiss
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 42.

Die Wählerschaft der Linkspartei hat sich deutlich gewandelt: Statt klassischer Arbeitermilieus prägen zunehmend junge, akademische und großstädtische Wähler ihr Profil.
Die Wählerschaft der Linkspartei hat sich deutlich gewandelt: Statt klassischer Arbeitermilieus prägen zunehmend junge, akademische und großstädtische Wähler ihr Profil. (Bild: IMAGO / EHL Media)

Als sich im Januar 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) gründete, stand die Linkspartei in den Umfragen bei drei bis fünf Prozent. Viele Beobachter haben dabei die Grabreden auf die Partei bereits geschrieben, während man Wagenknechts Projekt als eine strategisch und ideenpolitisch interessante Symbiose aus kulturellem Konservatismus und gleichzeitiger Rückbindung an die linke ökonomische Klassenidee betrachtete. Im zweidimensionalen Politikraum verortete man das BSW im repräsentativ verwaisten Quadranten „soziokulturell konservativ“ und „ökonomisch links“. Die Linkspartei war derweil abgekämpft und ermüdet von ihren internen Abrechnungen sowie Strategie- und Grundsatzdiskursen, die vor allem durch Sahra Wagenknecht in die Partei hineingetragen wurden.

Neuer Kurs der Linkspartei

In ihrem letzten Buch (Die Selbstgerechten) vor der BSW-Parteigründung rechnet sie mit der Mentalität der sogenannten Lifestyle-Linken ab. Die politische Linke habe laut Wagenknecht jegliche kulturelle Sensorik für die Bedürfnisse und Präferenzen der großen Normalbevölkerung verloren. Sie ist immer stärker mit identitätspolitischen Fragen rund um Diskriminierung, Intersektionalität, Feminismus und Critical Whiteness beschäftigt und konkurriert dabei in einem Mobilisierungsraum mit den Grünen, bei dem sie laut Wagenknecht strukturell das Nachsehen hat. Indem die Partei abstrakte moralische Diskurse über die konkreten materiellen Alltagssorgen stellte, transformierte sie ihr Elektorat von einer breiten Protestgemeinschaft zu einer links-libertären, akademischen Nischenklientel. Aus dieser von Wagenknecht beschriebenen Not heraus hat die Linke spätestens nach der BSW-Abspaltung eine Tugend gemacht und ist noch intensiver in den Mobilisierungswettlauf mit den Grünen und der SPD gegangen, um die Platzhirschstellung des linken Parteienspektrums für sich zu reklamieren.

Bei der Europawahl 2024 nominierte die Linke bewusst die polarisierende NGO-Aktivistin Carola Rackete, mit Heidi Reichinnek als feministisches Symbolbild, Ferat Koçak als migrationsoffenes Aushängeschild oder einem Jan van Aken als antifaschistischem Pöbler. Eine Ines Schwerdtner als Parteivorsitzende in der Amtsperiode mit Jan van Aken mag dabei doch schon eher eine strategische Ausnahmeerscheinung sein und enger mit dem konventionellen, klassenpolitischen Ansatz verbunden sein; aber auch sie hat das stärker bewegungsorientierte, kosmopolitische, progressive und urbane Profil mitgetragen.

2024 schien diese Strategie zunächst kaum erfolgversprechend. Eine Auswertung auf Basis der GLES-Daten zeigte, dass die Partei gerade unter Dienstleistungsarbeitern und unteren Dienstklassen erhebliche Verluste erlitten hatte. Seit 2017 wurde sie in Arbeiterklassenlagen nicht mehr überdurchschnittlich gewählt, während ihr verbliebenes Elektorat dagegen zunehmend akademisch geprägt war. 2024 bezeichneten nur noch sechs Prozent aller Wähler Die Linke als kompetenteste Partei für soziale Gerechtigkeit. 2019 waren es noch 15 Prozent gewesen. Gleichzeitig hatten sich insbesondere migrationspolitisch konservativere frühere Linke-Wähler in Richtung BSW oder auch AfD abgewandt.

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