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Kultur

Die erneute Beisetzung Ottos des Großen und die Verachtung der eigenen Geschichte

Die Wiederbeisetzung Ottos des Großen hätte ein großes historisches Gedenkereignis werden können. Fabian Walch kritisiert jedoch die Durchführung als unwürdige Inszenierung und Symptom für den gestörten Umgang mit der eigenen Geschichte.

Fabian Walch
Von
Kaiser Otto der Große zählt zu den bedeutendsten Herrschern der deutschen Geschichte. Doch seine Wiederbeisetzung in Magdeburg sorgt für Kritik am Umgang mit seinem historischen Erbe.
Kaiser Otto der Große zählt zu den bedeutendsten Herrschern der deutschen Geschichte. Doch seine Wiederbeisetzung in Magdeburg sorgt für Kritik am Umgang mit seinem historischen Erbe. (Bild: IMAGO / imagebroker)

Haben Sie von der geschichtswissenschaftlichen Sensation gehört, dass Kaiser Otto der Große tatsächlich in einem Sarkophag in Magdeburg liegt? Nein? Dann haben Sie wohl auch die neuerliche Beisetzung dieses bedeutenden mittelalterlichen Herrschers verpasst. Wenn dem so sein sollte, sind Sie nicht allein. Der Umgang mit dem Gedenken an große Persönlichkeiten unserer Geschichte zeigt sich mustergültig an dem ersten sächsischen Kaiser. Kurz: es ist eine Farce und völlig unwürdig!

Aber der Reihe nach. Was ist passiert? 2024 entdeckte man Risse im Kalkstein-Sarkophag Ottos im Magdeburger Dom, wo der Liudolfinger nebst seiner geliebten angelsächsischen Frau Edgitha, die bereits 946 verschied, begraben liegt. Grund dafür waren vermutlich unsachgemäße Reparaturversuche aus dem Jahr 1844. Entsprechend mitgenommen war der darin aufbewahrte Holzsarg, der, wie sich herausstellte, allerdings aus dem frühen 13. Jahrhundert stammt, was auf eine Umbettung der Toten nach Fertigstellung des neu errichteten Magdeburger Doms zurückzuführen ist. Man vermutet, dass Otto die zwei Jahrhunderte zuvor in Tuch gewickelt direkt im Steinsarkophag beigesetzt worden war. Jedenfalls war 2024 klar, dass Kaiser Otto einen neuen Sarg benötigt. Und wenn man schon die Totenruhe des Kaisers stört, kann man dies gleich auch für wissenschaftliche Untersuchungen nutzen, dachte man sich wohl.

Gewissheit über die Gebeine des Kaisers

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind durchaus sensationell. Wir wissen nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass dort im Magdeburger Dom tatsächlich der große Kaiser liegt. Er war wohl auch physisch groß, da seine Gebeine auf eine Körpergröße von etwa 1,78 Meter schließen lassen, was in etwa zehn Zentimeter mehr als der damalige Durchschnitt gewesen sei. Zudem, so die Ergebnisse der Untersuchung, sei der 60-Jährige muskulös gewesen, hatte aber leichte Arthrose und Läsuren am Hinterkopf sowie drei fehlende Zähne. Die Läsuren sind vermutlich Spuren der Kämpfe Ottos. Vielleicht sogar von der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld 955, die ihm das Epitheton „der Große“ eingebracht hatte.

Diese Schlacht bei Augsburg, in der Otto mit einem Heer aus Baiern, Franken, Schwaben, Sachsen und einem böhmischen Tross die gefürchteten Ungarn vernichtend schlug und damit deren Einfälle ins Reich beendete, ist wohl die bekannteste Schlacht des 10. Jahrhunderts. Der Überlieferung nach trug Otto selbst die Heilige Lanze, die seit seinem Vater Heinrich zu den Reichsinsignien des römisch-deutschen Reiches zählte, in die siegreiche Schlacht. Unter seinem Enkel Otto III. bekehrten sich die Magyaren mit dem ungarischen König Stephan dem Großen dann zum Christentum und wuchsen in das europäische Abendland hinein.

Der Herrscher, der das Reich zur Ordnungsmacht machte

Otto I. war aber nicht nur ruhmreicher Feldherr, der das Reich auch gen den slawischen Osten und dänischen Norden ausdehnte, sondern auch jener, der das Reich nachhaltig konsolidierte, die Unteilbarkeit des Königtums durchsetzte und das Königreich Italien durch Eroberung und Heirat mit Adelheid von Burgund, seiner zweiten Frau, 951 dauerhaft an das Reich band. Zudem erreichte das Reich unter Otto eine kulturelle Blütezeit, die als Ottonische Renaissance bezeichnet wird. Otto machte sich aber auch als Stifter verdient. So gründete er nach intensiven Verhandlungen mit Rom das Erzbistum Magdeburg, das sich in der Folge durch die Christianisierung der Slawen hervortat, samt Magdeburger Dom, der Grablege für ihn und seine erste Frau Edgitha, Tochter Eduards des Älteren von Wessex.

Wie die Ehe mit Edgitha beweist, dachte Otto schon früh international, obwohl er sich auch familienintern behaupten musste. Otto entstammte nämlich der zweiten Ehe seines Vaters König Heinrich I. mit der sächsischen Adeligen Mathilde. Aus erster Ehe mit Hatheburg hatte Heinrich schon einen Sohn, weshalb Otto lediglich Zweitgeborener war. Nachdem er die Hausordnung seines Vaters gegen den Widerstand seiner Brüder, die an der Herrschaft beteiligt werden wollten, durchsetzte, musste er später noch einen Aufstand seines eigenen ältesten Sohns Liudolf aus erster Ehe bestreiten. Dennoch entwickelte sich das römisch-deutsche Reich unter Otto, dem es 962 schließlich auch gelang, zum Kaiser gekrönt zu werden, zur Ordnungsmacht Europas. Nicht ganz zu Unrecht bezeichnete ihn der sächsische Historiograph Widukind von Corvey als „Haupt der ganzen Welt“ (Widukind: Sachsengeschichte I, 34).

Kaiser Otto I. kann also zu Recht als einer der bedeutendsten Herrscher des deutschen und europäischen Hochmittelalters bezeichnet werden. Warum also wird diese Person nicht mehr gewürdigt? Dass sich der woke Mainstream mit glänzenden Herrschergestalten schwertut, ist hinlänglich bekannt. Lieber setzt man den Fokus auf dunkle Epochen, allen voran dem Zweiten Weltkrieg samt Holocaust. In den postmodernen Dekonstruktivismus passen große Könige und Kaiser und Zeiten wahrer Größe und Herrlichkeit des Reiches nicht hinein. Aber immerhin ist Otto der Große zu bedeutend, um ihm gar keine Ehren und Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen.

Man musste also nun irgendetwas veranstalten, um den großen Kaiser erneut zu bestatten. Was uns hier jedoch geboten wurde, ist aber nicht mehr als ein unwürdiges Schauspiel, welche die Verachtung der eigenen Geschichte unweigerlich vor Augen führte und auch die völlige geschichtliche Unkenntnis der Teilnehmer offenbarte.

Ein Kaiser, der bloß kein Deutscher sein darf

An dem „feierlichen“ Gottesdienst nahmen am 1. September unter anderen der Noch-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Sven Schulze (CDU), der wie ein gelangweilter Schuljunge in der Kirchenbank lümmelte, und der deutsche Kulturminister Wolfram Weimer (parteilos) teil. Weder der Bundespräsident noch der Kanzler befanden das Ereignis als wichtig genug, um persönlich teilzunehmen, von einem größeren Festakt mit der Bevölkerung und internationalen Gästen, die sich aufgrund Ottos Leben angeboten hätten – etwa aus Ungarn, England, Italien, Tschechien, Dänemark, Frankreich und Polen, zu diesem Jahrhundertereignis gar nicht erst zu sprechen. Stattdessen gab es Reden der Politiker und Bischöfe, die eher in die Kategorie Fremdscham gehören.

Weimer und Schulze betonten, dass Otto nicht politisch vereinnahmt werden dürfe, um im gleichen Atemzug genau das zu tun. Sie meinten natürlich, dass Otto nicht von Rechts vereinnahmt werden dürfe. „Ich finde es schlimm, dass in diesen Zeiten einige Otto missbrauchen wollen für eine Ideologie. Das gab es schon mal, das wollen wir nicht“, warnte Schulze und spielte dabei – selbstredend nicht ohne NS-Bezug – an den AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider an, der das Zeigen des Skeletts Ottos an der Universität Halle kritisierte und meinte, dass die „Reliquien der deutschen Nation“ nicht der „banalen Neugier ausgeliefert“ werden sollten. Weimer selbst bezeichnete Otto I. als einen „Mann der Mitte“ und betonte, dass „guter deutscher Patriotismus immer europäischer Patriotismus“ sei. Zudem sprach er Otto völlig ohne Demut direkt an und meinte: „Sie sind in erster Linie Europäer. Sie haben europäisch gedacht und gehandelt.“ Welche Anmaßung, zu glauben, zu wissen, was Otto vor über tausend Jahren gedacht haben soll!

Das passt aber wunderbar in den Zeitgeist, in dem jeder sich seines Deutschtums zu entledigen versucht, gerade mit Blick auf die geschlagene sachsen-anhaltischen Landtagswahl. So etwa die in Suhl geborene Schauspielerin Sandra Hüller, die „mutig“ offenbarte, sich nicht als Deutsche zu identifizieren, sondern sich selbst als „thüringische Europäerin oder europäische Thüringerin“ sehe. Oder der aus Recklinghausen stammende Komiker Hape Kerkeling, der vollmundig verkündete: „Es gibt keinen biologischen Deutschen.“ Um nur die jüngsten derlei Aussagen zu nennen. Otto darf in diesem Duktus auch kein Deutscher sein, sondern maximal noch Sachse, aber besser doch Europäer.

Eine vertane Chance für deutsche Erinnerungskultur

Alles in allem hat man hier wieder grandios eine Chance vertan, einen positiven Bezug zur reichhaltigen deutschen Geschichte herzustellen. Stattdessen werden wieder einmal krampfhaft positive Bezüge zur eigenen Geschichte vermieden, weil es eine glorreiche Vergangenheit einfach nicht gegeben haben darf. Vielleicht auch deshalb nicht, um das eigene Versagen der Gegenwart nicht noch offenkundiger zu machen. Oder vielleicht halten sie es auch wie der Grünen-Politiker Joschka Fischer, der einst meinte: „Deutsche Helden müsste die Welt, tollwütigen Hunden gleich, einfach totschlagen; dies zeigt unsere Geschichte ganz sicher.”

Des Kaisers unwürdig waren aber nicht nur die Wortspenden der Politiker, sondern auch der Gottesdienst, der unter Beisein des evangelischen Landesbischofs Friedrich Kramer und des katholischen Bischofs Gerhard Feige stattfand. Immerhin ließ man sich herab, Weihrauch zu verwenden. Von christlicher Herrlichkeit für den Kaiser der Christenheit dennoch keine Spur. Diese spiegelt sich auch im seltsam modern gestalteten Titansarg, der die Größe eines Kindersarges hat, wider. Vergleicht man dies mit der Beisetzung Ottos von Habsburg, der hingegen niemals auf dem Thron saß, am 16. Juli 2011 in der Kapuzinergruft samt Gottesdienst im Stephansdom, wird einem klar, was gewesen sein hätte können. Heute sind Geschichtspolitik und Gedenkkultur offenbar nur mehr destruktiv.

Einziger Trost ist, dass immerhin alle Arbeiten am Grab und den sterblichen Überresten des Kaisers in enger Abstimmung mit der Kirche unter Wahrung christlicher Glaubensvorstellungen und pietätvoll erfolgt seien. Das sagt zumindest der Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Sachsen-Anhalt, Albrecht Steinhäuser, der wenigstens noch betont, dass „die menschliche Würde im Tod nicht endet“. Möge der arme Otto, dem wohl gar nichts erspart zu bleiben scheint, in seinem Urteil über unsere Zeit gnädig mit uns sein.

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