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Kultur

Das Letzte (38): Hans Blühers Blick auf Mann, Frau und Eros

Hans Blühers Überlegungen zu Mann, Frau und Eros entziehen sich bis heute einer eindeutigen politischen Einordnung und unterscheiden sich deutlich von gängigen Vorstellungen seiner Zeit.

Martin Lichtmesz
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Hans Blühers Überlegungen zu Ehe, Mann und Frau unterscheiden sich deutlich von gängigen Vorstellungen seiner Zeit.
Hans Blühers Überlegungen zu Ehe, Mann und Frau unterscheiden sich deutlich von gängigen Vorstellungen seiner Zeit. (Bild: IMAGO / photothek)

Die faszinierendste Figur der Konservativen Revolution war für mich immer weder Ernst Jünger noch Oswald Spengler, sondern Hans Blüher (1888–1955), heute zumindest unter einschlägig Interessierten bekannt als Geschichtsschreiber der Wandervogel-Bewegung und visionärer Theoretiker des Männerbundes. Wäre er ein Linker gewesen, so würde er heute von der LGBTQ-Mischpoche als einer ihrer großen Vordenker gefeiert werden. Sein Werk liest sich immer noch überraschend frisch, originell, seiner Zeit weit voraus. Für einen Menschen, der sich selbst als „bodenständig“ und konservativ erachtete, war Blühers Blick auf die Sexualität erstaunlich unbefangen, unbürgerlich und unkonventionell. In seinem einst vielgelesenen, zweibändigen Werk Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft (1917–19) ging es in erster Linie um den „mannmännlichen“ vulgo homosexuellen oder proto-homosexuellen „Eros“, den er überall dort am Werke sah, wo sich Männer zu schöpferischen „Bünden“ formieren und die Keimzellen des Staates und der Gesellschaft bilden.

Blühers „Eros“-Begriff war sehr weit gefasst und beschränkte sich nicht auf das Sexuelle. Dabei ging er von einer grundsätzlichen Bisexualität des Menschen aus: Kaum ein Mensch sei ein „Vollmann“ oder ein „Vollweib“, sondern trage stets sowohl männliche als auch weibliche Substanzen in sich. Neben seiner grundsätzlich positiven Bewertung der Homosexualität springt in seinen Schriften eine Haltung ins Auge, die in der heutigen Literatur zu Blüher als „antifeministisch“ verschrien wird, sich in Wahrheit jedoch auf verblüffende Weise einem „differentialistischen“ Feminismus nähert. Blüher war keineswegs der Ansicht, dass es der generelle Zweck der Frau sei, zur „Tradwife“ zu werden, dessen vordringliche Aufgabe es ist, Kinder zu gebären und großzuziehen. Er teilte durchaus die feministische Kritik, dass die „männliche Herrschaftskaste“ der Frau eine „Gesetzgebung“ auferlegt habe, die sie „bedrückt und verkürzt“ und einem trivialen „Züchtungsanspruch“ unterwirft. Er unterschied dabei zwei Arten von Frauen, die in der männlichen Partnerwahl eine entscheidende Rolle spielen: Die „Gattin“ und die „freie Frau“, mythologisch gesprochen „Penelope“ und „Kalypso“. Die „freie Frau“, die er auch „Hetäre“ nennt, zeichnet sich aus durch einen Zuschuss an männlicher Geistigkeit, der dazu führt, dass ihr ihre Weiblichkeit und ihr Eros „zum Problem“ werden. Dadurch kann sie sich nicht selbstverständlich in ein Leben als Gattin und Mutter fügen, dadurch eröffnet sich ihr jedoch die Möglichkeit, tiefere Einblicke in die Natur des Eros und der Weiblichkeit zu gewinnen, zur „Prophetin“ und platonischen „Diotima“ zu werden.

Blühers Sympathien waren ganz auf der Seite dieses Typus, den die männliche Gesellschaft fürchtet und zu domestizieren sucht. Er war auch der Ansicht, dass die bürgerliche, monogame Ehe „immer unglücklich verläuft“ und die herrschende Gesellschaftsordnung nicht imstande sei, „Pracht und Würde“ sowohl des weiblichen als auch des männlichen Eros wahrhaftig auszuschöpfen. Er träumte von einem quasi polyamoren „Sakrament der Mehrehe“, das er in seinem eigenen Leben mit nicht allzu großem Erfolg zu verwirklichen suchte. Auch wenn die „Form“ des weiblichen Eros, besonders im sexuellen Bereich, nach Hingabe, ja „Hörigkeit“ ausgerichtet sei und die männliche nach Herrschaft und Besitzergreifung, so seien die Männer im Irrtum, zu glauben, Frauen seien ihre Besitztümer, denen sie irgendetwas zu befehlen hätten. „Was eine Frau zu tun hat und was zu lassen“, so der vermeintliche „Antifeminist“ Blüher, „das entscheidet allein ihr Gesetz und nicht das des Mannes“.

Unter der Oberfläche der politischen Forderungen und Gleichheitsbestrebungen der Frauenbewegung, die er weitgehend ablehnte, sah Blüher einen legitimen Drang am Werke, der darauf abziele, ein autonomes „Reich der Frau“ zu schaffen, in dem die Frau sie selbst sein kann ohne Abstempelung durch den Mann. Sein Bild von Mann und Frau war das von Polaritäten, die einander bedürfen: „Wie aber, wenn die Menschheit gar nicht ‚fortschritte‘(zum mindesten nicht am Leitbande der liberalen Bourgeoisie), sondern, in Rhythmen von Jahrtausenden schwingend, nichts weiter sänge als das Lied von Mann und Weib, von Eros und Logos.“ Er wünschte sich eine besser geordnete Gesellschaft, die dieses Lied schöner, kräftiger und voller anzustimmen bereit sei. Vieles hat sich seit Blühers Zeit in unserer Gesellschaft verändert, Positives wie Negatives. Blühers erotisch-utopische Vision hat sich nicht erfüllt, und es scheint so, als ob es mann-weibliche Probleme (vor allem, was die Ehe betrifft) gibt, die man nicht lösen, sondern allenfalls mildern kann.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 38 „Frauensache“ abgedruckt.

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