Ein großer Wurf! Mit der Vorwegnahme des Fazits tun wir es Martin Lichtmesz bezüglich seiner hier versammelten Filmkritiken gleich, der dies auch gleich zu Beginn ankündigt – denn Filmanalysen hätten ihm zufolge sonst nur wenig Sinn. Diese seine Herangehensweise ist ein Schlüssel zum Verständnis des Lichtspielführers insgesamt: Dessen Autor ist schließlich nicht bloß ein leidenschaftlicher Filmfreund oder Kinogänger, sondern hat das Medium Film an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert, wo er dann auch bei der Jungen Freiheit mit einschlägigen Kritiken seine ersten publizistischen Schritte unternommen hat; er hat sich außerdem inzwischen das höchst ehrenvolle Prädikat eines Privatgelehrten erarbeitet.
Beides führt dazu, dass für Lichtmesz bei Filmen schon der Weg das Ziel und die Auflösung zweitrangig ist, dass sein Anspruch an dieses Medium über dessen ebenso legitime Funktionen Unterhaltungswert, Spannungsbogen und Wirkung als Traum- und Entrückungsmaschine weit hinausreicht; und beides schlägt sich auf die Auswahl der vorgestellten Streifen herab. An formal und inhaltlich „schwerer Kost“ mangelt es nicht, an Filmen von oft monumentaler Länge und aus grauer bzw. schwarz-weißer (Stummfilm-)Vorzeit, wozu seine wiederholt geäußerte Abneigung gegenüber neueren digitalen oder gar KI-generierten (Mach-)Werken ebenfalls beiträgt. Trocken und langweilig ist der Lichtspielführer allerdings schon dank seines mitreißender Stils und seiner ansteckenden Begeisterung für das Medium an keiner Stelle, sondern macht Lust noch auf die schwersten Brocken, und zwar auf der großen Leinwand – ein weiteres beachtliches Verdienst des Autors, an dem viele andere Fachleute mit ihrem sterilen, verkopften Duktus gescheitert sind.
Mehr als nur Filmkritik
Eine Lust ist das Buch auch haptisch und optisch: durch den großzügigen Satz mit der breiten Randspalte, den starken Einband und die Fadenheftung, das Lesebändchen und den zurückhaltenden, aber belebenden Einsatz der Farbe Rot, sowie die farbig – wenn auch etwas zu klein – wiedergegebenen Filmplakate. Der eigentliche Clou der Ausstattung sind aber die fast allen Kapiteln vorangestellten, meisterhaft arrangierten Zeichnungen mit jeweils einem guten halben Dutzend Protagonisten aus den nachfolgend vorgestellten Filmen, die diesen direkt entnommen sind. Der Bleistift der geheimnisvollen Schönheit Tsuneko Yōgitsune zeichnet verantwortlich für diesen Augenschmaus, der bis ins kleinste Detail geradezu fotorealistisch ausgeführt ist. Die einzige Ausnahme bildet ausgerechnet das Porträt des Autors auf der Einbandvorderseite, der hier so wirkt, als sei er, passenderweise, einem Hollywood-Schönheitschirurgen unters Messer bzw. die Botox-Spritze geraten.
Ein bibliophiles Kunstwerk
Vorangestellt ist dem Buch eine Gebrauchsanweisung, die zunächst statuiert: „Dies ist keine Zusammenstellung der ,rechtesten‘ Filme, sondern eine von Filmen ,gesehen von rechts‘, durch meine persönliche subjektive Brille.“ Und weiter: „Dies ist kein Kanon der ,besten‘ Filme. (…) Zu jedem Thema habe ich eine Handvoll Filme ausgewählt, die es meiner Ansicht nach exemplarisch erhellen.“ Solchermaßen eingenordet, geht es sogleich wahrlich ans Eingemachte: mit Kapitel 1, „Nation und Nationalismus“, und hier wiederum mit The Birth of a Nation, dem laut Lichtmesz womöglich „rechtesten Film aller Zeiten“. Es folgen, galant paritätisch, Hauptwerke vornehmlich der großen und wie im gesamten Buch ausschließlich der „weißen“ Nationen, von Frankreich bis Russland, von Großbritannien bis Italien und natürlich Deutschland, das hier mit Kolberg vertreten ist: „Der letzte große Propagandafilm des Dritten Reiches, uraufgeführt am 30. Januar 1945 in der belagerten Atlantikfestung La Rochelle (die Kopie geliefert per Fallschirm) und im Tauentzienpalast in Berlin, am selben Tag, an dem die Wilhelm Gustloff versenkt wurde“ – diese Zeilen seien beispielhaft zitiert für den hohen Wert der einzelnen Filmkritiken gerade auch im Bezug auf die historischen und anekdotischen Hintergründe.
Ebenso verhält es sich mit den politischen Implikationen der einzelnen Filme: Im Abschnitt zu The Passion of the Christ aus dem Kapitel „Religion und Glaube“ gelingt es Lichtmesz, anhand der Kontroversen um Mel Gibsons opus magnum auf nur einer halben Seite darzustellen, wie schmählich sich die katholische Amtskirche inzwischen ins „Distanzeritis“-Antisemitismus-Bockshorn jagen lässt; oder wenn der Autor anhand von Code inconnu des mit Preisen überhäuften Österreichers Michael Haneke en passent, aber mit größter Prägnanz die Blindheit der „privilegierten Achtundsechziger-Kulturmenschen“ für das aus den „Flüchtlingswellen (…) resultierende Leid der einheimischen Europäer“ herausarbeitet.
Kino als kulturelles und politisches Schlachtfeld
Bei all dem Licht, das wir hier messen, kann der eine oder andere schmale Schatten nicht ausbleiben: So bekennt Lichtmesz einerseits seinen Kulturpessimismus und die „stetige gesamtkulturelle Verschlechterung“; im Zusammenhang mit der kühlen medialen Rezeption von Hanekes Frühwerk spricht er andererseits vom damaligen „im schlechten Sinne konservativen Boulevard“. Diesen würde man sich angesichts des heutigen – und zwar im allerschlechtesten Sinne – woken Boulevards doch eigentlich von Herzen zurückwünschen ... Oder im Kapitel „Vigilanten, Antihelden und Psychopathen“, dessen „Hauptthema der ,reaktionäre Held‘ im extremistischen bis pathologischen Zustand ist“: extremistisch bis pathologisch durchaus – was an Alex, der Hauptfigur einer Gang in A Clockwork Orange, die „sich nach Herzenslust durch London raubt, prügelt und vergewaltigt“ auch nur im entferntesten „reaktionär“ oder gar „heldenhaft“ sein könnte, erschließt sich nur, wenn man die beiden Adjektive als Schimpfwörter betrachtet – was Lichtmesz gemeinhin jedoch keineswegs tut.
Nun aber wieder zurück ins Licht, denn dorthin gehören gerade auch die den insgesamt neun Themenbereichen vorangestellten Vorreden, die keineswegs bloße Einleitungen sind – sondern präzise, kenntnisreiche, brillant formulierte Verortungen, und mitunter geradezu kulturpolitische Manifeste, die schon für sich allein genommen dem rechten – insbesondere jungen – Leser das Rüstzeug geben, sich in entsprechenden Debatten zu behaupten. Auch deshalb, ceterum censeo: Ein großer Wurf!
Martin Lichtmesz, Lichtspielführer, Verlag Antaios, Schnellroda 2025, 432 Seiten, ISBN 9783949041150, € 25,00. >Hier< bestellen.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 39 „America First“ abgedruckt.







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