4. Barock
Hier ist nicht der Ort, sämtliche Literaturepochen vom Mittelalter aufwärts abzuhandeln, zumal nicht einmal alle Zäsuren plausibel erscheinen. Begnügen wir uns stellvertretend mit wenigen, für Deutschland besonders signifikanten Abschnitten, angefangen mit dem Barock. Diese das 17. Jahrhundert umfassende Epoche wird vom alles beherrschenden Grunderlebnis des Dreißigjährigen Krieges geprägt, der als Folge konfessioneller Zerrissenheit und skrupelloser Machtpolitik ein Land im Herzen Europas in einen Flickenteppich der Weltpolitik verwandelte. Zuvor war es von marodierenden Truppen zahlreicher Staaten durchzogen, ausgeplündert und zuweilen zwangsbekehrt worden. Massenelend und Pestumzüge taten ein Übriges, die Bevölkerung um bis zu 30 Prozent zu reduzieren. Andreas Gryphius‘ ergreifendes Sonett Tränen des Vaterlandes / anno 1636 spiegelt diese nationale Tragödie:
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,
das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun
hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
das Rathaus liegt im Graus. Die Starken sind zerhaun,
die Jungfern sind geschänd’t. Und wo wir hin nur schaun
ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.Dreimal sind schon sechs Jahr, als unsrer Ströme Flut,
von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot:
daß auch der Seelen-Schatz so vielen abgezwungen!
Bemerkenswert am Text ist neben seiner Anschaulichkeit die formale Strenge, der er sich fügt. Offenbar sollten die chaotischen Zeitumstände wenigstens poetisch gebannt werden. Insofern favorisierten Barockdichter das Sonett (vier Strophen, 14 Zeilen) samt Alexandriner (Versmaß mit sechs Jamben). Zudem liebten die meist gelehrten Verfasser (bibelkundige) Anspielungen. So verwies etwa das „Dreimal sind schon sechs Jahr“ in Gryphius‘ Tränen auf den Teufel, was im Kollegenkreis leicht entschlüsselt wurde.
Hauptkennzeichen der Literaturepoche sind Widersprüche und Exaltiertheiten. Ihr Stil wirkt bombastisch und subtil zugleich. Künstliches, Ausgefallenes, Manieristisches steht neben zeittypischem Grobianismus wie in den gepfefferten Scheltreden des Predigers Abraham a Sancta Clara. Die Belletristik ist höfisch geprägt und zeugt vielfach von repräsentationsorientiertem Glanz. Ansonsten spielen hohe Damen und Herren, die blutige Zeit vergessend, in Gedichten oder Parks auch mal Schäfer und Schäferin. Man erlernt seine Profession in Dichterschulen, und manches Poem entsteht wie am Reißbrett. Bei Hofmann von Hofmannswaldau etwa mag man rätseln, ob die lyrisch Angebetete verklärt oder (unfreiwillig) verspottet bzw. parodiert werden sollte:
„Amanda liebstes Kind / du Brustlatz kalter Herzen / Der Liebe Feuerzeug / Goldschachtel edler Zier / Der Seufzer Blasebalg / des Traurens Löschpapier …“.
Durchgehend besteht eine seelische Grundspannung zwischen Weltentsagung und -bejahung, brünstigem Jenseitsbezug und Tagesgenuss – ein auch künstlerischer Kontrast, der zum Charakteristikum der Epoche geworden ist. Das Todeserlebnis war allgegenwärtig wie das Bewusstsein, dass alles „eitel“ sei. „Kein Erz, kein Marmorstein“, kündete Gryphius, hätten Bestand. Glück oder Ruhm vergehe wie ein trügerischer Traum, „bald donnern die Beschwerden“ (vgl. FREILICH 37, Dez. 2025, S. 78). So pendelt das Zeitbewusstsein zwischen „Memento mori!“ (Bedenke, dass Du sterblich bist!) und dem „Carpe diem!“ (Nutze den Tag!), einer ebenfalls verbreiteten Tageslosung, die Martin Opitz 1624 anschaulich verkündete:
Ich empfinde fast ein Grauen,
daß ich, Plato, für und für
bin gesessen über dir.
Es ist Zeit hinauszuschauen
und sich bei den frischen Quellen
in dem Grünen zu ergehn,
wo die schönen Blumen stehn
und die Fischer Netze stellen!
Wozu dienet das Studieren
als zu lauter Ungemach!
Unterdessen läuft der Bach
unsers Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf ihr letztes Ende hin;
dann kömmt ohne Geist und Sinn
dieses alles in die Erden.
Demzufolge empfiehlt der Autor, Kulinarisches, Wein und Musik zu besorgen, um die Feste zu feiern, wie sie fallen. Mögen die Nachkommen vergeblich aufs Erbe spekulieren, ein Prosit den Zechkumpanen: „Will mit andern lustig sein, / muß ich gleich alleine sterben.“ Das klingt aktuell, und viele Heutige dürften solcher Devise folgen. Weniger tun sie dies leider in Bezug auf einen anderen Impuls damaliger Poeten gegen zeitgenössische Sprachpanscherei. Denn der Dreißigjährige Krieg hat Deutschland nicht nur militärisch, politisch und wirtschaftlich verheert, sondern auch sprachlich überfremdet. Dagegen bildeten sich im 17. und 18. Jahrhundert etliche Sprachgesellschaften. Und kulturbewusste Autoren wie Johann Michael Moscherosch nahmen den Fehdehandschuh mit barocker Formulierungsfreude auf. Sein 1640 erstmals publiziertes Flugblatt Wider die Sprachverderber enthält eine drastische Schelte, die des plastischen Eindrucks wegen nicht gemäß heutiger Schreibung und Interpunktion geglättet wurde:
Fast jeder Schneider will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein und redt Latein,
Wälsch und Frantzösisch halb Japonesisch,
Wan er ist doll und voll, der grobe Knoll. […]
Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,
Das ihr die Muttersprach so wenig acht.
Ihr liebe Herren das heist nicht mehren,
Die Sprach verkehren und zerstören.
Ihr thut alles mischen mit faulen fischen
Und macht ein misch gewäsch, ein wüste wäsch,
Ich muß es sagen, mit unmuth klagen,
Ein faulen Haaffen käß ein seltzams gfräs.
O gäbe es angesichts unserer „Hallo“-Kultur und diverser „weltläufiger“ Sprachmarotten auch gegenwärtig ein solches Sprachbewusstsein statt jener achselzuckenden Gleichgültigkeit, wenn angloamerikanische Renommierbegriffe den heimischen Wortschatz durchmischen und ihm dabei häufig jede Anschaulichkeit nehmen. Ist es doch (abgesehen von verdienstvollen Initiativen wie z. B. der Deutschen Sprachwelt) kaum vorstellbar, dass sich hierzulande breitere Kreise über derartige Missstände noch ähnlich empörten bzw. engagierten. Zumindest nicht, ohne von einflussreichen Werbern einer synthetischen „One World“ der Deutschtümelei bezichtigt zu werden. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung jedenfalls kümmert solche Sprachschludereien wenig. Ist sie doch mit ihrer Sorge um politische „Korrektheit“ gänzlich ausgelastet.





