Der Raum, den ich betrat, war unspektakulär, verglichen mit all dem, was das Verbindungshaus sonst zu bieten hatte. Weder Holzvertäfelung zierte die Wände, noch war ein Kronleuchter an der Decke angebracht, und der Boden war nicht das vertraut knarrende Parkett, sondern kalte Fliesen. Der Kellerraum, beinahe monastisch eingerichtet, wurde lediglich von einigen LED-Röhren beleuchtet, die wohl als Schutz vor besonders wilden Burschen mit Metallstreben verkleidet waren. Die Hantelbank sowie der Kabelzug im Eck vermittelten dabei das Bild eines gewöhnlichen WG-Kellers, das nur durch die an der Wand aufgereihten Schläger durchbrochen wurde. Mit einer nicht zu leugnenden Ehrfurcht ging ich die Halterung ab, worüber die Armschützer und Handschuhe hingen. Daneben die Paukhelme, welche mich unweigerlich an Kendo-Rüstungen erinnerten. Max, der als Fechtwart und Angehöriger jenes Schlags Menschen, die sich stets durch ein Übermaß an Engagement auszeichneten, mir angeboten hatte, meine ersten Paukstunden im Einzelunterricht zu übernehmen, stand mit einem nicht zu leugnenden Stolz inmitten des Kellerraumes, meine neugierigen Blicke damit wohl goutierend.
Die ersten Hiebe
Es folgte eine kurze Einführung in das Ganze. Mir wurde der Unterschied zwischen einem Rechts- und Linkshänder-Schläger erklärt, und in beinahe soldatischer Manier brachte man mir den Auseinander- und Zusammenbau des Schlägers bei. Ein einfaches Nicken zeigte mir an, dass ich mich dabei wohl nicht allzu ungeschickt anstellte und nun würdig war, die ersten Hiebe auszuführen. Ich legte mir Handschuh und Armschützer, den sogenannten Stulp an, unweigerlich das Bild eines antiken Gladiators abgebend. Das Ärgernis, keinen Spiegel vor mir zu haben, um mich in ruhmreicher Pose in Szene zu setzen, verflog schnell, als Max begann, mir die ersten Schritte beizubringen: Zunächst war das Schwippen dran, die Kunst, durch Ausreizung der Dehnbarkeit der seitlichen Handgelenksmuskulatur präzise und gleichzeitig schwungvolle Schläge durchzuführen. Den Primschlag erlernte ich zügig: einfache Übungsschläge auf den Mittelscheitel des Phantoms. Es folgte die Erlernung des ersten richtigen Schlages, des Quartschlags, der eine gute Defensive bot, bei gleichzeitigem Angriff auf die linke obere Stelle des gegnerischen Kopfes. Dass ich diesen Schlag erlernte, erschien mir Grund zur Freude; dass auch mein Gegner ihn beherrschen würde, schmälerte diese jedoch.
Ich mühte mich ab, auf die Trefferfläche zielend, dabei Muskelgruppen verwendend, von denen ich bis dato nicht wusste, dass ich sie überhaupt besaß, die Schulter schmerzend, während mich Max zu immer neuen Durchführungen aufforderte. Nach einer Dreiviertelstunde erschienen meine Leistungen fürs Erste wohl als befriedigend. Diese Routine sollte sich von nun an wöchentlich wiederholen, wobei Max gnädigerweise immerhin auf den Schlägerzusammenbau verzichtete. Nach einigen weiteren Stunden, welche sowohl als Fechttraining, eine besonders kühne Form des Schultertrainings und als eine sehr seltsame Handgelenksphysiotherapie bezeichnet werden konnten, nahm die Quart nach und nach Form an. Dabei war das Phantom ein ziemlich dankbarer Gegner. Ohne befürchten zu müssen, selbst getroffen zu werden, gab mir dieses Gestell, das scheinbar nur von Schrauben, Klebeband und gutem Willen zusammengehalten wurde, eine vermutlich ungesunde Menge Selbstbewusstsein.
Das Kontrapauken
Also gingen wir zum ersten Kontrapauken über, dem Üben des Fechtens gegen einen Kontrahenten. Ich zog mir also einen der Helme auf, das Wohl meines Kopfes in seine Hände übergebend und hoffend, dass bei Max’ Hieben das ganze Konstrukt auch standhalten würde. Schnell zerbrach das zuvor so mühsam aufgebaute Selbstbewusstsein, als ich realisierte, wie die Schläge, welche Max ausführte, über mich hereinbrachen, während meine bescheidene Gegenwehr mit „unpräzise“ noch schön umschrieben gewesen wäre. Dass nun der Helm, der hier das meiste an Arbeit zum Schutz meines Gesichtes verrichtet hatte, bei der tatsächlichen Mensur durch eine kleine Metallbrille mit Nasenschirm ersetzt würde, trug dabei nicht dazu bei, mein Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Da Max allerdings großes Interesse daran hegte, dass ich bei der Fuxenpartie, der ersten Mensur eines Verbindungsstudenten, mit einem anderen ebenso unerfahrenen Neumitglied unter entschärften Regeln antrat, ging es mit den Übungsstunden weiter und langsam wich die anfängliche Überforderung einer gewissen Sicherheit.
Die hohe Quart langsam meisternd, die Schulter sich langsam an das Halten des Schlägers gewöhnend, erschien mir die Aussicht auf ein Gesicht, welches jeden Filmschurken vor Neid erblassen lassen würde, nun wesentlich unrealistischer, und das verlorene Selbstbewusstsein kehrte zurück. Die Schläge auf das Phantom wurden kräftiger, der alte Autoreifen durfte nun einige weitere, von mir beigebrachte Schmisse sein Eigen zählen, und Max nickte anerkennend. Meinen Fortschritt schrieb ich großzügig seinem geduldigen Unterricht zu und, das versteht sich, einigen natürlichen Anlagen.
„Die Terz verursacht Schmerz“
Die Terz folgte die Woche darauf, ein komplizierterer Schlag, der besonders aus dem Handgelenk geführt wurde, während der Ellenbogen ans Ohr wanderte und die Hand, einer Peitschenbewegung gleichend, nach unten schnellte. Nachdem meine Schultermuskulatur für das Pauken nun ausreichend zurechtgeschunden war, entschied sich Max wohl dafür, dass nun mein Handgelenk dran war, dabei lächelnd kommentierend: „Die Terz verursacht Schmerz.“ Neben dem Handgelenksschmerz erwies sich das Erlernen dieses Schlages auch als bedeutend schwieriger als die Hochquart, deren Grundform zumindest nach kurzer Zeit erkennbar war. Mehr dem Drechselhandwerk ähnelnd als Fechtunterricht erschienen die darauffolgenden Stunden. In mühsamer Feinarbeit arbeitete Max den Kern der korrekten Bewegung heraus.
Das Kontrapauken wurde besser, ich wurde konzentrierter. Max’ Schläge fühlten sich nicht mehr fremd an, meine eigenen wurden präziser, und der zerfledderte Paukhelm wurde mir zu einem treuen Begleiter. So endeten die ersten Paukstunden weniger mit Heldentum als mit der nüchternen Erkenntnis, dass Sicherheit auf dem Paukboden vor allem aus Wiederholung entsteht.



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