Das triste Wetter suchte meine universitäre Wahlheimat nun schon seit Wochen heim. Nachdem mich die Navigation eines gewissen Technikgiganten im Stich gelassen und ich das Verbindungshaus einem Raubvogel gleichend umkreist hatte, bin ich nun – einen Liter Benzin und drei Wutausbrüche später – endlich auf dem Parkplatz der Burschenschaft angekommen. Ich frage mich einen Augenblick, warum ich den ganzen Aufwand denn auf mich genommen habe, verdränge den Gedanken aber wieder. Schnellen Schrittes stapfe ich auf das Haus zu, hoffend, meine Verspätung auf den letzten Metern doch noch etwas abzumildern.
Ein kurzes Klopfen – und schon stehe ich inmitten der Altbauvilla. Unter dem gestrengen Blick des Hindenburg-Porträts, meine Verspätung damit scheinbar sanktionierend, treffe ich, gerade noch pünktlich angekommen, auf die Burschen und grüße in die Runde. Den Mantel von der Anreise anlassend, begebe ich mich mit den Übrigen zum Restaurant – der ersten Etappe dieses Abends und dem Vorspiel der Semesterabschlusskneipe. Eine der traditionellen Abendveranstaltungen einer Verbindung, deren Grad an Formalität ich bereits bei der dem Tag vorangegangenen Nachfrage, ob ich denn einen Anzug besitzen würde, erahnt habe.
Restaurant
Der Restaurantbesuch selbst ist im Grunde nichts Besonderes. Und doch fühlt sich alles leicht fremd an, als würde ich eine Rolle spielen, die ich noch nicht ganz verstehe. Die Gespräche drehen sich hauptsächlich um Menschen, die ich nicht kenne; nur hin und wieder sorgen meine eingeworfenen Sätze für Lacher – mein Versuch, in den Kreis der Eingeweihten vorzudringen und Teil des Abends zu werden. Ein Alter Herr, ein Mitglied der Verbindung, der das Studentendasein bereits hinter sich gelassen hatte, traf einige Zeit nach uns ein. Einer von vielen, denen ich an diesem Abend noch begegnen sollte. Sein verfrühtes Dazustoßen zeigte mir jedoch gleich einen Brauch dieser Verbindungen: Auf ein freundliches Nachfragen hin wurde der Rechnungsbetrag von ihm übernommen. Kein Wunder also, dass das Philisterdasein in den Liedern, die ich später hören sollte, so unbeliebt ist – erst darf man sich das Gerede von einem Haufen Mittzwanzigern anhören, und schließlich muss man auch noch zahlen.
Mir erschien in diesem Moment die Tragweite einer Mitgliedschaft sehr greifbar: War das hier reine Großzügigkeit oder bereits Pflicht? Bei unserem erneuten Erscheinen auf dem Haus sind nun bedeutend mehr Gäste eingetrudelt, welche vom Berufsanfänger bis zum Rentner reichen, alle dasselbe Band um den Oberkörper und die farbige Mütze auf dem Kopf; lediglich ich stehe noch gänzlich in Zivil und dadurch leicht fehl am Platz am Tresen.
Kneipe
Zusammen gesellen wir uns anschließend in den Kneipsaal, den Raum, welcher den formelleren Ereignissen vorenthalten zu sein scheint, und nehmen an der langen Tafel Platz. Plötzlich wird das rege Gespräch durch laute Schläge, die im Raum widerhallen, unterbrochen. Mein erster Gedanke – welcher Wüstling hier sein Bierglas auf den Tisch geschlagen hat – wird mit dem Blick auf den niederknallenden Schläger, der studentische Ausdruck für einen Degen, wohl bei dieser Art der Verwendung sehr passend, verweht.
„Silentium!“, zerschneidet der Ruf von Max die Luft. Das Kommando, ein Lied zu singen, erschallt wenige Sekunden darauf. Hastig blättere ich durch das Kommersbuch und liefere dabei vermutlich einen Anblick, der zum allgemeinen Amüsement sein Übriges tat. Ich summe das Lied zunächst langsam mit, werde nach und nach vertrauter damit– und so habe ich nach dem zweiten Lied vermutlich mehr gesungen als in sämtlichen Jahren des Musikunterrichts meiner Schulzeit. Wohl auch, weil es hier mehr um Deutschland anstelle eines Käfers namens Karl geht. Ein seltsames Gefühl: Ich bin Teil davon und doch gleichzeitig ein Fremdkörper, ein Umstand, der durch das fehlende Band sogar von außen klar erkennbar ist.
Die Zwischenpausen verbringe ich mit munterem Gespräch, in dem ich mich als äußerst gesprächig hervortue. Dabei mustere ich – mit dem Staunen eines jungen Rekruten, der in die Reihen altgedienter Veteranen blickt – jeden Einzelnen. Meine Blicke bleiben an den Schmissen hängen, den Duellnarben als Folge ritualisierter studentischer Fechtkämpfe. In Gedanken schweife ich ab und stehe plötzlich selbst auf dem Paukboden, mein Gesicht nur von einer Brille geschützt, die Augen und Nase bedeckt, und spüre im Inneren den kalten, blanken Stahl blitzschnell über mein Gesicht ziehen. Den stechenden Schmerz, das plötzliche Pochen der Wunde. Gleichzeitig die Überlegung, wo es mich wohl treffen würde – wo wäre der Schnitt am schmerzhaftesten? Der Stahl. Der Schnitt. Wie viel hatte ich mich im Vorhinein wirklich mit all dem auseinandergesetzt?
Von der Ankündigung eines neuen Liedes aus meinen Gedanken gerissen, nehme ich wieder am Zeremoniell teil, das seinen Höhepunkt mitunter im gemeinsamen Singen des Deutschlandliedes findet. Nach dem formellen Teil stehe ich auf dem Balkon und unterhalte mich mit Marius, der sich an seiner Zigarette erfreut, während ich mich mit frischer Luft begnüge – als Abwechslung zum Pfeifen- und Zigarettengeruch, der mittlerweile drinnen herrscht. Schon zuvor habe ich mich gefragt, wie man denn nun beitritt; ein Mitgliedsantrag erschien mir doch gänzlich unangebracht. Derweil wird mir diese Entscheidung im Grunde von Marius abgenommen, der beiläufig fragt, was ich denn von seiner Verbindung halte. Scheinbar wird mein „Es sei doch alles recht passabel, und die Burschen seien ganz anständig“ positiv aufgenommen, und so begleiten die nächsten Minuten meines Aufenthalts immer wieder ominöses Geflüster unter den Burschen.
Mir wird klar, dass mein Lob der Verbindung sich nun in eine handfeste Aufnahme verwandeln wird und ich so einen weiteren Programmpunkt dem Abend hinzugefügt habe. Ich realisiere, dass mein Wort wohl doch mehr Gewicht hatte, als ich zunächst annahm. Die Zeit streckt sich, und ich frage mich, ob nun Fackeln angezündet und lange Roben angelegt werden – oder ob ich sie mit meinem Kommentar einfach überrumpelt habe. Nach einiger Zeit des Wartens geht der informelle Teil des Abends weiter, und nachdem wir alle unseren Platz eingenommen haben, werde ich von Max nach vorn gebeten. Dabei bedaure ich ein wenig, dass, wie ich nun sehe, doch auf Roben und Fackeln verzichtet wurde.
Aufnahme
Nach meinem Bejahen der Grundsätze der Verbindung ertönt das sogenannte Bundeslied der Burschenschaft. Ich trete im Kreis um die Tafel, gebe jedem die Hand und nehme die Glückwünsche entgegen. Das Band, noch über dem Sakko tragend, setze ich mich wieder – und mir scheint, nun um eine Stufe weiter in diesen Zirkel vorgedrungen zu sein. Ein kaum greifbarer, aber deutlich spürbarer Unterschied, der durch ein wenige Zentimeter breites Band zementiert wird. Auch wenn sich am Inhalt nichts verändert, erscheint mir der Abend nun privater.
Mitglied zu sein – eine Tatsache, über die ich mir zuvor kaum Gedanken gemacht habe. Es war doch eher ein a-priori-Gedanke, der in diesem Moment besonders stark war. Es war jene innere Stimme, die mir richtungsweisend genug erschien, ihr zu folgen. War das, was nun eingetreten ist, ein plötzlicher Umwandlungsprozess – oder doch nur das Ende einer Entwicklung, die bereits Wochen zuvor mit der Aufnahme des Kontakts begonnen hatte? Auch wenn dieser Moment kurz war, so hatte doch eine merkliche Veränderung stattgefunden. Mir erschien dies als letzter Schritt eines langen Marsches, den ich mit meinen ersten Recherchen begonnen habe und der nun beendet ist; das Gefühl, angekommen zu sein, macht sich in mir breit. Und so verlasse ich die Kneipe in den ersten Stunden des nächsten Tages. Am Tag zuvor betrat ich dieses Haus als Fremder, am darauffolgenden Tag war ich plötzlich Teil des Ganzen.



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