Das Treffen des Deutschen Akademikerverbands um Dr. Christoph Birghan im Reichstagsgebäude stand Ende April unter der Frage, ob ein „68 von rechts“ möglich wäre. Marc Brunner berichtete hierüber. Niemanden wird es verwundern, dass sich die Teilnehmer in großer Zahl nach dem Ende des offiziellen Teils in die Berliner Kieze aufmachten und durch Urgesteine der Kneipenlandschaft der Hauptstadt auch in Etablissements kamen, die von Touristen und Kiezfremden zumeist wenig frequentiert werden.
Von Yuppies und kalten Zigaretten
Noch vor wenigen Jahren hätte meine Erzählung damit geendet, dass eine Gruppe von Männern in Kombination und Anzügen sowie jungen Damen in Kostümen in einer Kneipe kurz beäugt worden wären und nach einer Charakterisierung als Yuppies sich die Anonymität der Großstadt wieder durchgesetzt hätte. Kaum einen Blick hätte es noch vor 15 Jahren für eine Krawatte in Berlin gegeben, als auch noch die so genannte politische Mitte einem unausgesprochenen Dresscode folgte, anstatt enghalsige Borniertheit mit offenem Kragen zur platten Jovialität umzudeuten. Aus Brioni-Anzügen wurden Turnschuhe und Leichtbügel-Hemden aus Elasthan.
Auch das vermeintliche Berliner Urgestein, mit einer im eigenen Bierglas ertränkten West-Zigarette, müden Augen und einer 50 Jahre lang gegerbten Haut nahm an unserer Gruppe kaum Anteil außer einem saloppen Kommentar gegenüber der Bardame: „ick gloob dat is eeen Karnevalsvereen“.
Selbst die jungen Besucher nahmen uns kaum in Augenschein. Zwischen Jogginghosen und Vokuhilas waren die begleitenden Mädchen interessanter als eine Gruppe Spießer. Dem urbanen Hipster ist die Rückkehr von Sakkos und Krawatten in der Modewelt keineswegs entgangen und nicht gänzlich politisierte Milieus hätten nicht zwangsläufig auf einen entsprechenden Hintergrund unserer Gesellschaft geschlossen. Es hätte somit ein im Großen und Ganzen ruhiger Abend mit Bier an Theken und Stehtischen werden können. Hätte es nicht den obligatorischen Fehler in der Matrix gegeben.
Wer muss schon lesen, wenn Bodycount gleich Haltung ist?
Zwei junge Frauen an der Theke empfanden unsere Anwesenheit auf „ihrem“ Kiez als störend und suchten ganz bewusst die Auseinandersetzung. Jedem Leser wird dieser Typus Frau schon begegnet sein. Ist dieser doch in der westlichen Hemisphäre beliebig gegeneinander austauschbar und eine Normierung des weberianischen Idealtyps nur eben in der realen Welt. Die leisere von beiden, eher klein und zierlich gebaut und wenig belesen. Ein Oberteil, das wenig der Fantasie überlässt und mehr einem Schrei nach Aufmerksamkeit gleicht als bewusster Emanzipation: sie war die sprichwörtliche Lisa des Gesprächs. Zurückhaltend, aber dennoch meinungsstark. Die Blicke auf ihre Freundin gelenkt, um sich immer wieder Affirmation zu holen, dass sie das Richtige gesagt hat.
Ihre Freundin, die bildgewordene Nora: etwas fülliger an Statur, Jogginghose, Sweatshirt und Turnschuhe. Sie will uncommitted wirken, trägt aber nur Markenklamotten am Leibe, die mehr gekostet haben als ein Beschäftigter mit Mindestlohn netto im Monat verdient. Mit dem neuesten iPhone in der Hand erzählt sie stolz, dass sie Zahnärztin ist und aus Münster kommt. Berlin sei ihre Selbstentdeckung gewesen und dieser Kiez sei ihre ganz persönliche Geschichte. Der uniforme Nasenring komplettiert den vollständig gentrifizierten Jungakademiker deutscher Großstädte.
Moralische Überlegenheit trifft auf eigene Widersprüche
Lisa und Nora sitzen also an der Theke und jeder aus unserer Gruppe wird von ihnen mit hämischen Kommentaren oder offener Provokation bedacht. Jede, nennen wir es Konversation, wird mit einer Verballhornung der Äußerlichkeiten eingeläutet. Man geht dafür auf die Straße, dass Menschen nicht nach Phänotypen beurteilt werden, aber pflegt das eigene Schubladendenken beharrlich. Wer benötigt schon Toleranz, wenn er auf der richtigen Seite steht und seine Haltung in drei Streifen zur Schau stellt. Linke Moral in Reinkultur – aber sie ist ja nur gut, wenn sie doppelt ist. Sich an den eigenen Maximen messen zu lassen, ist eine überflüssige Tugend für diejenigen, die immer Recht haben.
Im Laufe einer Stunde schnappe ich in mehreren Gesprächen auf, wie sich Teilnehmer unserer Gruppe über die Damen unterhalten. Es verwundert nicht, dass die innert zweier Jahre zur Urberlinerin mutierte münsterländische Zahnärztin bewusst mit ihrer Promiskuität kokettiert. Sie erzählt stolz, dass sie als Ärztin lieber Migranten hilft, aber weiße alte Männer als Privatpatienten nur des Geldes wegen behandelt. Weißen Privilegierten zu helfen sei schließlich ein Unding, sagt die seit ihrer Geburt privatversicherte Linke.
Kleine Schritte statt einer Studentenrevolution
Den Jüngeren steht teilweise der blanke Unglaube über das Gehörte ins Gesicht geschrieben. Ich für meinen Teil vermag darin nur Provokation zu erkennen und bin eher verwundert, wie sehr junge Akademiker über das Stöckchen springen, das ihnen hingehalten wird. Irgendwann reizt es mich aber, mich selbst einmal in das Gespräch mit den jungen Damen zu begeben, das so viele andere Teilnehmer so jäh beendet haben.
Mir gegenüber sehen sie sich nach zwei abgewehrten Provokationen sofort in einem permanenten Rechtfertigungszwang zu erklären, warum sie links sind, links sein die einzige adäquate Haltung sei und alle Rechten nur Nazis voll blankem Hass seien. In gewohnter Manier hatte keine der beiden auch nur ein politisches Buch gelesen oder auch nur vom Überbau der marxistischen Theorie gehört. Mangelndes Faktenwissen wurde mit der Gefühlswelt linker Superiorität sowie den Bauernfängerargumenten von Heidi Reichinnek von TikTok abgefangen. Nach kaum 15 Minuten von Ausflüchten und fehlgeschlagenen Rechtfertigungen teilen mir beide Damen mit, dass sie sich für das Gespräch bedanken, aber nun gehen müssten.
Auf dem Weg zurück zu meinem Bier komme ich nicht um ein Grinsen umhin. Mir gegenüber waren die vermeintlichen Vorkämpferinnen der Arbeiterklasse handzahme Salonièren, welche sich lieber auf empathische Zirkelschlüsse zurückzogen, als zu provozieren.
Was bleibt von diesem Geflüster: Die kommunikativen Gräben zwischen den Jungen und Mädchen der Generation Z scheinen kaum überwindbar. Das per se ist nichts Neues, ebensowenig wie das politische Driften anhand der Geschlechter nach rechts und links. Anstatt jedes ihnen hingeworfene Bällchen zu apportieren hätte ich mir gewünscht, dass es statt eines großen 68 von rechts den jungen Teilnehmern gelungen wäre, zumindest in minimalbelesenen Linken den Kern des Zweifels zu säen.



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