Wer sich als junger Student bei einer Burschenschaft vorstellt, wird vom Fechten wohl bereits gehört haben. Zu prägnant ist die Mensur in die Narrative über Studentenverbindungen eingegangen und stellt für Burschenschaften den Kern des Selbstverständnisses dar. Kaum jemand wird den Weg auf das Haus einer Burschenschaft finden, ohne zumindest eine Grundidee davon zu haben, was das Fechten ist.
Wie bei Vielem ist auch das Verständnis der Mehrheit über das Mensurwesen vor allem Hörensagen und Halbwissen. Auf ein Haus eingeladen zu werden und als Gast Teil der geselligen Veranstaltungen zu sein, ist der öffentliche Teil des Korporationswesens. Sobald es um den waffenstudentischen Aspekt geht, sind die einzelnen Bünde sehr reserviert, und einen Blick in diese Welt zu werfen, bleibt dem allergrößten Teil der Menschen verwehrt.
Das Paukwesen – vom Universitätssport zur Nische
Das Wort „pauken“ ist im allgemeinen Sprachgebrauch mit dem „Erlernen“ untrennbar verbunden. Seine Etymologie hingegen dürfte den wenigsten vertraut sein, die ihre Lehrer als Pauker bezeichnen oder den Nachwuchs zum Pauken anhalten. Ob Sie sich wohl vorstellen können, dass Pauken der Drill ist, den jeder Waffenstudent über sich ergehen lässt, um reif für die Mensur zu sein?
Freilich ist es nachvollziehbar, dass die Paukstunde dem Erlernen des akademischen Fechtens gilt und das beharrliche und schweißtreibende Engagement der Waffenstudenten Pate für das Pauken als eifrig Lernen steht. Wenigen hingegen ist es bewusst, dass die Universitäten bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg eigens bestellte Universitätspauklehrer hatten, welche nebst ihrer Funktion des Sportwartes auch das Einpauken der Studenten aus öffentlichem Auftrag heraus versahen. Was heute als Beruf eine winzige Nische ist – der Fechtmeister –, gehörte vor 100 Jahren zum Sportwesen jeder Universität, die etwas auf sich hielt. Unverkennbar also, dass das Pauken eine Beschäftigung war, auf deren Ausüben man stolz war.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Umgestaltung der Universitäten verlor eine schweißtreibende Tätigkeit, welche höchste Disziplin erfordert, ohne Wettbewerbscharakter zu haben, allmählich an Bedeutung und wird nur noch in waffenstudentischen Kreisen ausgeübt.
Schweiß spart Blut
Jeder schlagende Korporierte wird von seinem Fechtwart gehört haben, dass Fleiß auf dem Paukboden sich auf der Mensur auszahlen wird. Unbenommen zutreffend, dass Training dazu führt, dass man in der Ausübung einer Fähigkeit besser wird. Doch was spricht dafür, dass sich junge Akademiker durchschnittlich vier bis fünf Tage die Woche auf dem Paukboden quälen, ohne dass die Paukstunden in ihrer, rein auf die Mensurvorbereitung ausgelegten, Reinform Sport im eigentlichen Sinne sind?
Abgesehen von Liegestützen, Sit-Ups und so weiter, welche zum Aufwärmen auf dem Paukboden stets Begleiter sind, werden im Wesentlichen Muskelgruppen trainiert, welche im alltäglichen Bereich kaum eine Rolle spielen. Man verbringt 60 bis 90 Minuten dabei, Hiebe und Hiebfolgen zu lernen, die seit Generationen keine Veränderung erfahren haben. Man steht bei jeder Temperatur mit einem wattegefütterten Plastron und einem schweren Helm still vor dem Phantom oder dem Kontrapaukanten, um zu lernen, beim Fechten nur einen Arm zu bewegen und sonst möglichst regungslos zu sein. Wenige Menschen werden die Schmerzen nachvollziehen können, die einem das Pauken in den Handgelenken verursacht, es werden Stellen beansprucht, die im normalen Gebrauch des Arms kaum von Relevanz sind.
Schweiß und so manche verdrückte Schmerzträne sparen Blut? Eine Rückversicherung also? Wenn es so einfach wäre, denn nur das Pauken allein bereitet den Waffenstudenten nicht auf die Mensur vor, und selbst der besttrainierte Paukant kann getroffen werden. Dieser Gewissheit stellt sich jeder Einzelne auf dem Paukboden, und mit jedem Semester wächst die Erkenntnis, dass die markigen Sprüche der Fechtwarte nicht auf das Mensurergebnis ausgelegt sind, sondern auf Fleiß und Disziplin auf dem Paukboden. Der Fechtwart ist im besten Sinne Spieß der Korporationshäuser.
Durchhalteparolen und schwere Arme
Als nur Burschenschafter werden konnte, wer seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, war das Durchhalten auf dem Paukboden eine willkommene Erleichterung vom Drill auf dem Kasernenhof. Freilich gibt es Mannschaftssportarten und prägende Erlebnisse, die zusammenschweißen, um einen Erfolg als Gruppe, auch bei Erschöpfung, zu erreichen, denn wo die Krone des Siegers greifbar ist, bekommt Anstrengung einen Lohn.
Auf dem Paukboden und auf Mensur gibt es keine Siegerehrung, keinen Preis. Man ficht nicht, um zu gewinnen, man erhält nichts für eine besonders gelungene Partie. Ungleich schwieriger ist es daher, die Motivation für das Pauken und das Sich-Überwinden aus den jungen Menschen herauszuholen. Wenigen wird man mit den Idealen des Deutschen Idealismus die Kraft aus den Armen holen, nach 90 Minuten Paukstunde noch für sechs Strophen eines Liedes den schweren Paukschläger mit gestrecktem Arm vor sich zu halten. Hier greifen: Führen durch Vorbild, und die ureigene Dynamik schlagender Korporationen. Kein Fechtwart wird sich davor drücken, diese aufreibenden Übungen zum Ende einer Paukstunde als Vorbild für alle anzuführen. Wer seine Bundesbrüder zur Überwindung motivieren möchte, muss sich selbst überwinden.
Überindividuell ist das Band, das auf dem Paukboden entsteht. Wer gemeinsam gepaukt hat, gehört zumeist einer Generation von Bundesbrüdern an. Unbenommen, dass die Mensur alle Bundesbrüder vom Jüngsten bis zum Ältesten eint und der Erfahrungshorizont aller Waffenstudenten im Wesentlichen identisch ist, doch das gemeinsame Schwitzen und Sich-Quälen auf dem Paukboden führt jede Generation für sich nochmals separat zusammen und stellt Grundlage einer Kaderbildung dar, welche für schlagende Bünde die beste Rückversicherung ist, in zu viele Fraktionen zu zerfallen. Das gemeinsame Erleben des Paukens führt in der Regel zu einem besseren, individuellen Verständnis der Bundesbrüder untereinander.
Thekenfechten oder Schweigen ist Gold
In den vielen Jahren als Burschenschafter fallen mir nur einige wenige Abende ein, in denen unter Waffenstudenten nicht irgendwann das Thema Fechten aufgekommen ist. Die sonst oft in den Fuxenstunden gepredigte höfliche Zurückhaltung, welche in Korporationen zumindest nominell gesellschaftliche Normen enger anwendet und als Comment Bestandteil der Korporationswesen im Ganzen ist, wird bei diesem Thema oft und gerne vergessen.
Jeder Bursch schlagender Korporationen hat gefochten, jeder kann unterschiedliche und doch vergleichbare Geschichten erzählen, und der seit Generationen gelebte Erfahrungsschatz lädt regelrecht ein, sich auch über Grenzen auszutauschen. Es wäre unnatürlich, zu erwarten, dass Korporierte nicht übers Fechten reden sollen, dennoch ist Thekenfechten etwas anderes.
Ungezählte Gegenstände habe ich in meinem Leben schon als verballhornte Schläger gesehen. Es wurde sich lautstark und mit fechterischen Gesten darüber ausgetauscht, welcher der Hiebe für die anstehende Partie das Gegenüber besonders schnell in Bredouille bringen würde. Nach fünf Bier und in guter Stimmung ist man sich seiner selbst eben sicherer. Wenn man denselben Herren zwei Wochen später mit Verband auf dem Kopf in der Stadt sieht, dann ist das Schmunzeln vorprogrammiert. Aufmerksam haben junge Füxe den Ausführungen zugehört und den erfahrenen Kempen um Tipps gebeten, wie sie auch mal so eine gute Horizontalquart fechten können. Schnell wurde aus dem Fachsimpeln zweier Inaktiver eine Fuxenstunde mit haptischer Darstellung der eigenen technischen Raffinesse. Kurzum: Pauke viel und rede darüber.
Der Moment der Wahrheit
Viele junge Männer haben auf dem Paukboden geschwitzt, sich blaue Flecken geholt oder die Sehnen im Handgelenk überstrapaziert. Seit Generationen hat jede Fechterausbildung mit dem Erlernen des Schwippens begonnen, und die Quart musste vor der ersten Partie besser fallen, als je wieder erwartet werden wird. Heutzutage prägend ist die Erkenntnis, dass man sich auf einen Weg begeben hat, in welchem das Erlernen einer Inselfähigkeit die Grundlage einer Lebensentscheidung wird, welche über das Erlernen des Fechtens weit hinausgeht. Die Paukstunde ist im 21. Jahrhundert das Destillat aus Jahnschen Turnvereinen, Kasernenhof und Frustrationstraining.
In einer Zeit, in der man jungen Menschen vieles erleichtern will und ihnen dadurch manches nimmt, bleibt der Paukboden ein unbequemer Ort. Er verspricht weder Selbstverwirklichung noch Applaus oder Sieg. Er verlangt Haltung, Wiederholung und Überwindung, und vielleicht ist genau das sein letzter, eigentlicher Sinn.



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