Nicht selten findet in der Berichterstattung über Studentenverbindungen eine Gleichsetzung der Begriffe „Studentenverbindung“ und „Burschenschaft“ statt. Egal, ob Antifa oder Mainstreampresse – eine oberflächliche Recherche über das Verbindungswesen wirkt oft wie eine unmöglich zu meisternde Herausforderung. Dass beispielsweise große Unterschiede zwischen Corps, katholischen Verbindungen und Burschenschaften bestehen, fällt in der öffentlichen Wahrnehmung oft unter den Tisch. Und das aus purer Unwissenheit.
Die Dachverbände als politische Trennlinien
Wie all jene, die nicht zwischen verschiedenen Arten der Verbindungen differenzieren können, wohl auf die Information reagieren würden, dass es sogar unter den Burschenschaften fundamentale Unterschiede gibt? Diese Unterschiede lassen sich größtenteils anhand der Dachverbände, in denen die jeweiligen Burschenschaften organisiert sind, bestimmen.
Im Gegensatz zu anderen Studentenverbindungen verstehen sich Burschenschaften als dezidiert politisch. Dass dadurch ein gewisses Konfliktpotenzial gegeben ist, liegt auf der Hand. Wenn die politische Ausrichtung des einzelnen Mitglieds eben nicht nur Nebensache ist, sondern zum zentralen Teil seiner Identität als Korporierter wird, sind Diskussionen über die inhaltliche Ausrichtung seines Bundes natürlich an der Tagesordnung. Wenn ein Bund nach außen politisch sein will, muss der Begriff „politisch“ mit Inhalt gefüllt werden – und das setzt eine gewisse weltanschauliche Geschlossenheit zwischen den Mitgliedern voraus. Und selbst wenn innerhalb des Bundes Geschlossenheit besteht, sind da ja auch noch die Bünder, mit denen man sich einen Dachverband teilt.
Dass das Konzept eines einzigen, großen burschenschaftlichen Dachverbandes somit nicht auf ewig funktionieren kann, ist nur logisch. Insbesondere dann, wenn man sich nicht mal darauf einigen kann, wer überhaupt Mitglied werden darf.
Die Deutsche Burschenschaft
Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist der älteste und größte burschenschaftliche Dachverband. Er geht auf den im Jahr 1881 gegründeten Allgemeinen Deputierten Convent zurück, der sich 1902 in Deutsche Burschenschaft umbenannte. Nachdem sich die Deutsche Burschenschaft im Jahr 1935 aufgelöst hatte, kam es wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1950 zur Wiedergründung in Marburg.
Kurz nach der Wiedergründung zählte die DB rund 26.000 Mitglieder. Nachdem ein Antrag auf die Wiederaufnahme der österreichischen Burschenschaften – diese hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg vorerst in einem eigenen Dachverband organisieren müssen – in die DB keine ausreichende Mehrheit fand, gründete sich die sogenannte Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG). Diese hatte das Ziel, den österreichischen Bündern die Wiederaufnahme zu ermöglichen und galt allgemein als „rechter Flügel“ des Verbandes. Über die folgenden Jahrzehnte konnte die BG ihren Einfluss auf die Ausrichtung des Dachverbandes deutlich ausbauen.
Mit dem „historischen Kompromiss“ im Jahr 1971 wurde, zugunsten der liberalen Bünder die Pflichtmensur abgeschafft und dafür, zugunsten des rechten Lagers, den österreichischen Burschenschaften die Aufnahme ermöglicht. Dies führte zu einer Schwächung des liberalen Lagers, da die österreichischen Bünder ebenfalls in der BG organisiert waren und als konservativ galten.
Heutzutage gehören in etwa die Hälfte aller Mitgliedsbünder der DB zusätzlich der BG an. Auch ist der Dachverband inzwischen wieder pflichtschlagend und hat sich durch rund 100 Austritte seit dem Jahr 1980 politisch konsolidiert. Ob heute ein Bund in der BG ist oder nicht, hat somit keine allzu große Aussagekraft mehr über dessen Ausrichtung. Bis heute wird am volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff festgehalten, demzufolge die Mitglieder der DB deutscher Abstammung sein müssen. Jedwede Art des konkreten Richtungsstreits wurde beigelegt. Die Deutsche Burschenschaft verfügt heute über rund 65 Mitgliedsbünder.
Die Neue Deutsche Burschenschaft
Im Jahr 1996 gründeten acht aus der DB ausgetretene Verbindungen auf dem Haus der Burschenschaft Alt-Germania Hannover die Neue Deutsche Burschenschaft. Der Grund war, dass man sich einen Dachverband wünschte, der allgemein liberaler ausrichtet ist. So wurden in diesem Kreise beispielsweise die Pflichtmensur, der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff und die Aufnahme österreichischer Bünder konsequent abgelehnt. Zudem wollte man, im Gegensatz zur DB, auch Wehrdienstverweigerer aufnehmen. Die höchste Anzahl an Mitgliedsbündern, die die NDB jemals verzeichnen konnte, war 23. Inzwischen sind es nur noch acht. Es scheint fast so, als wäre an dem altbekannten Spruch „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ durchaus etwas dran. Die Neue Deutsche Burschenschaft ist bis heute – zumindest auf dem Papier – fakultativ schlagend.
Die Allgemeine Deutsche Burschenschaft
Die Gründe für die Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (ADB) lassen sich etwas genauer konkretisieren, als die NDB-Gründung. Die ADB wendet einen kulturbezogenen Vaterlandsbegriff an und lehnt den volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ab. Mitglied kann demnach werden, wer sich zur deutschen Kultur bekennt.
2003 gründete sich innerhalb der DB die sogenannte Stuttgarter Initiative, die sich zum Ziel setzte, die politischen Differenzen im Dachverband zu überwinden. Über die Jahre entwickelte sich aus diesem Kreis allerdings eher ein liberales Gegengewicht zur BG. Als 2011 innerhalb der DB aufgrund der chinesischen Abstammung eines Mitglieds der Burschenschaft Hansea Mannheim der Konflikt über die Frage, wer eigentlich Deutscher sei und demnach Mitglied werden darf, seinen Höhepunkt erreichte, erweiterte sich die Stuttgarter Initiative zur bundesweiten „Initiative Burschenschaftliche Zukunft“ (IBZ). Die meisten IBZ-Mitglieder verließen die DB allerdings kurz darauf, was dazu führte, dass ein Ausschuss zur Gründung eines neuen burschenschaftlichen Dachverbandes ins Leben gerufen wurde.
Im Jahr 2016 gründete sich dann die Allgemeine Deutsche Burschenschaft auf dem Gasthaus Grüne Tanne in Jena – dem Gründungsort der Urburschenschaft im Jahr 1815. Die Größenordnung von 27 Gründungsburschenschaften konnte bis heute gehalten werden. Stand jetzt sind in der ADB 28 Bünder organisiert, die – wie bei der NDB – auf das bundesrepublikanische Staatsgebiet begrenzt sind. Die Allgemeine Deutsche Burschenschaft (ADB) kann politisch zwischen NDB und DB eingeordnet werden und ist fakultativ schlagend, wobei es auch einzelne Bünder gibt, die bis heute pflichtschlagend sind.
Dachverbandsfreie Burschenschaften und sogenannte „Burschenschaften“
Auch existieren mehrere Burschenschaften, die in keinem Dachverband organisiert sind. Manchen Bündern ist der eine Dachverband „zu lasch“ und der andere wiederum „zu extrem“. Andere möchten einfach nur die maximale Autonomie wahren und sich von keinem Dachverband in irgendeiner Form reinreden lassen. Einige dachverbandsfreie Burschenschaften sind inzwischen sogar Frei- oder Nichtschlagend, während anderen das pflichtschlagende Prinzip enorm wichtig bleibt.
Auch existieren „Burschenschaften“ im Schwarzburgbund – einem Verband, der sich aus nichtschlagenden und allgemein überaus liberalen Männerbündern, Damenverbindungen und gemischten Verbindungen zusammensetzt, die nicht mal allesamt farbentragend sind. Es zeigt sich: Man muss auch zwischen den Burschenschaften differenzieren. Alle über einen Kamm zu scheren, ist schlicht unsinnig und objektiv falsch.



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