Deutschland diskutiert über Staatsschulden wie ein Stammtisch über den Kontostand: eine Zahl, ein Urteil, fertig. 60 Prozent des BIP gelten seit Maastricht als magische Grenze. Wer darunter bleibt, ist solide. Wer darüber liegt, lebt angeblich über seine Verhältnisse. Deutschland lag 2023 bei 62,3 Prozent. Also Problemfall?
Ganz so einfach ist es nicht. Genau das habe ich in einer neuen Analyse für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW) untersucht, die wegen der EU-weit verfügbaren Vergleichsdaten auf das Jahr 2023 abstellt. Die Maastricht-Quote ist wichtig, aber sie ist nur eine Kennzahl. Sie setzt den staatlichen Bruttoschuldenstand ins Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung. Das ist nützlich, aber unvollständig, weil hier eine Bestandsgröße (Schuldenstand) mit einer Flussgröße (jährliches BIP) verglichen wird. Kein Unternehmer würde seine Bilanz nur anhand einer einzigen Kennziffer beurteilen. Er schaut auf Vermögen, Verbindlichkeiten, Cashflow, Zinslast und Ertragskraft. Warum sollte der Staat primitiver rechnen?
Schulden und Vermögen im Vergleich
Deutschland hatte 2023 einen konsolidierten Bruttoschuldenstand von 2,63 Billionen Euro. Das klingt gewaltig. Gemessen am BIP von 4,22 Billionen Euro ergibt sich die bekannte Quote von 62,3 Prozent. Damit liegt Deutschland knapp über der Maastricht-Grenze, aber weit unter Italien mit 133,9 Prozent, Griechenland mit 164,3 Prozent oder Frankreich mit 109,8 Prozent.
Der Blick auf das Vermögen verändert das Bild. Das ist neu. Gemessen am Netto-Volksvermögen von 25,53 Billionen Euro betrugen die deutschen Staatsschulden nur 10,3 Prozent. Netto-Volksvermögen meint die gesamtwirtschaftliche Vermögensbasis nach Abzug finanzieller Verbindlichkeiten: Immobilien, Grundstücke, Maschinen, Infrastruktur, Finanzvermögen und andere Vermögenswerte der gesamten Volkswirtschaft. Aber Achtung: Dieses Vermögen gehört nicht einfach dem Staat. Es gehört vor allem Bürgern und Unternehmen. Der Staat kann es nicht beliebig verwerten. Die Kennzahl zeigt also nicht freie Kasse, sondern wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Die andere Seite der Bilanz
Noch enger ist der Blick auf das Staatsvermögen. Das Brutto-Staatsvermögen – also die Aktivseite des Staates aus nichtfinanziellen Vermögenswerten wie Straßen, Gebäuden, Grundstücken und Infrastruktur plus Finanzaktiva wie Beteiligungen und Forderungen – lag 2023 bei 4.580 Milliarden Euro. Das Netto-Staatsvermögen, also dieses Vermögen nach Abzug staatlicher finanzieller Verbindlichkeiten, lag bei 1.722 Milliarden Euro. Auch hier gilt: Nicht jedes Staatsvermögen ist gleichermaßen veräußerbar. Eine Schule, eine Straße oder ein Stadtwerk sollte man nicht verkaufen. Dies würde die staatliche Aufgabenerfüllung schmerzlich beeinträchtigen. Über die Privatisierung einzelner Beteiligungen oder staatlicher Wohnungsbaugesellschaften kann man dagegen durchaus diskutieren. Staatsvermögen ist also kein Sparschwein, gehört aber selbstverständlich zur Bilanz.
Besonders aufschlussreich ist die Nettostaatsschuld. Dabei werden von den Bruttoschulden die staatlichen Finanzaktiva abgezogen, also etwa Beteiligungen an Unternehmen, Kreditforderungen, Wertpapierbestände, Einlagen und andere finanzielle Vermögenswerte des Staates. Für Deutschland bleiben dann nicht 62,3 Prozent des BIP, sondern 862,8 Milliarden Euro beziehungsweise 20,4 Prozent des BIP. Das ist ein deutlich anderes Bild. Es heißt nicht: Schulden sind egal. Es heißt: Bruttoschulden allein erzählen nicht die ganze Geschichte.
Japans Schuldenparadox
Wie groß der Unterschied zwischen Brutto- und Nettobetrachtung sein kann, zeigt Japan. Das Land weist mit rund 270 Prozent des BIP eine der höchsten Bruttostaatsschuldenquoten der Welt auf und gilt deshalb vielen als abschreckendes Beispiel. Tatsächlich hält der japanische Staat jedoch enorme Finanzaktiva, darunter Beteiligungen, Kreditforderungen, Devisenreserven, Einlagen und Vermögensbestände öffentlicher Fonds. Dadurch liegt die Nettostaatsschuld nur bei rund 77 Prozent des BIP. Auch Japan hat damit keineswegs ein Schuldenproblem gelöst, aber das Beispiel zeigt, wie irreführend eine ausschließliche Betrachtung der Bruttoschulden sein kann. Wer die Aktivseite der Bilanz ignoriert, versteht die tatsächliche finanzielle Lage eines Staates nur unvollständig.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, ob der Staat formal mehr Schulden machen darf. Der entscheidende Punkt ist, ob er mit jedem zusätzlich aufgenommenen Euro die Produktivität der Volkswirtschaft relativ stärker erhöht. Schulden für Bürokratie, Konsumprogramme, Subventionsruinen oder politische Symbolprojekte sind gefährlich. Sie schaffen keine künftige Steuerbasis. Sie fressen Handlungsspielräume.
Welche Schulden sich lohnen
Anders sieht es aus bei Investitionen, die Wachstum, Sicherheit und Produktivität stärken: Verkehrsinfrastruktur, digitale Netze, Energieversorgung, Verteidigung, Forschung, Bildung, industrielle Leistungsfähigkeit. Solche Ausgaben können tragfähig sein, wenn sie dazu beitragen, dass die langfristige Wachstumsrate über der effektiven Zinsrate bleibt. Das ist der Kern: Nicht Schuldenromantik, sondern Renditedisziplin.
Das Problem: Der reale Zinssatz für Unternehmen lag in Deutschland von 2020 bis 2026 in fünf von sieben Jahren über dem realen Wirtschaftswachstum. Das ist problematisch, denn es lenkt Unternehmensgewinne eher in Finanzaktiva als in produktivitätssteigernde Sachanlagen wie Fabriken und Maschinen, weil Finanzwerte dann höhere Renditen versprechen als neue reale Investitionen. Aus diesem Grund braucht es auch eine Renationalisierung der Geldpolitik mit einer wieder souveränen Bundesbank, die sich stärker an den wirtschaftlichen Erfordernissen Deutschlands orientiert.
Wenn Zinsen zur Last werden
Eine weitere wichtige Kennzahl ist die Zinslast. Sie zeigt, ob der Staat im Alltag finanziell atmen kann. Deutschland musste 2023 nur 1,8 Prozent seiner Staatsausgaben und 1,9 Prozent seiner Staatseinnahmen für Zinsen aufwenden. Das ist niedrig. Italien lag bei 6,8 beziehungsweise 7,8 Prozent, Ungarn sogar bei 9,4 beziehungsweise 11,0 Prozent. Dort frisst der Zinsdienst bereits spürbar politische Handlungsfähigkeit. In Deutschland war das 2023 noch nicht der Fall.
Allerdings dürfte sich dieses Bild in den kommenden Jahren deutlich verändern. Durch die geplanten zusätzlichen Schuldenprogramme der Bundesregierung unter Friedrich Merz und Lars Klingbeil – ob für Asyl, Klima, Rüstung, Infrastruktur oder Programme wie „Demokratie leben!“ – werden die Zinsausgaben deutlich steigen. Gesamtstaatlich könnten sie bis 2029/2030 von 1,9 Prozent der Staatseinnahmen im Jahr 2023 auf rund drei Prozent anwachsen; im Bundeshaushalt fällt die Belastung noch wesentlich stärker aus und könnte 2029 bereits fast zwölf Prozent der Bundesausgaben erreichen. Damit läge Deutschland gesamtstaatlich zwar noch unter dem Niveau heutiger Hochverschuldungsländer, der finanzpolitische Spielraum würde sich aber spürbar verengen.
Das bedeutet keinen unmittelbaren Staatsbankrott, wohl aber einen spürbaren Verlust an finanzpolitischem Spielraum. Jeder Euro, der für Zinsen ausgegeben wird, steht nicht mehr für Infrastruktur, Steuerentlastungen, innere Sicherheit oder Verteidigung zur Verfügung. Genau deshalb ist die Zinslast langfristig oft die wichtigere Kennzahl als die reine Schuldenquote.
Die Regeln solider Verschuldung
Gute Finanzpolitik muss deshalb zwei Fragen stellen: Erstens, erhöht die neue Verschuldung die Produktivität der Volkswirtschaft so stark, dass die daraus entstehende zusätzliche Wachstums- und Steuerbasis den künftigen Schuldendienst übersteigt (r > g) ? Zweitens, bleibt der Zinsdienst auch unter realistischen Stressszenarien dauerhaft beherrschbar? Nur wenn beide Fragen mit Ja beantwortet werden können, ist zusätzliche Verschuldung verantwortbar.
Auch mit einer Schuldenbremse wäre viel möglich. Das Problem ist nicht zwingend, dass Deutschland gar keine Schulden machen darf. Das Problem ist, dass vorhandene Spielräume zu oft schlecht verwendet werden. Ein Staat, der Milliarden in ideologische Projekte, Umverteilung und Bürokratiewachstum lenkt, wird auch mit höheren Schulden nicht produktiver. Ein Staat, der Prioritäten setzt, Ausgaben umschichtet und Investitionen nach volkswirtschaftlicher Rendite bewertet, kann selbst unter begrenzter Neuverschuldung viel erreichen.
Mehr Bilanz, weniger Dogmen
Die Maastricht-Quote bleibt ein Warnsignal. Aber sie ist kein Orakel. Deutschland war 2023 fiskalisch solider, als die reine 62,3-Prozent-Zahl nahelegt. Gleichzeitig ist Deutschland nicht reich genug, um sorglos Schuldenpolitik zu betreiben. Die richtige Lehre lautet: weniger Schuldenangst, aber mehr Schuldendisziplin. Nicht jede Verschuldung ist schlecht. Aber jede Verschuldung muss sich rechtfertigen. Eine seriöse Finanzpolitik braucht deshalb eine staatliche Bilanzrechnung: Schulden zu BIP, Schulden zu Volksvermögen, Brutto- und Netto-Staatsvermögen, Nettostaatsschuld, Zinslast, Gläubigerstruktur, Laufzeiten und Investitionsrendite. Erst dann sieht man, ob ein Staat solide wirtschaftet – oder nur neue Löcher in alte Haushalte gräbt. Die deutsche Debatte braucht weniger Moralpredigt und mehr Bilanz. Weniger Maastricht-Fetisch. Mehr ordnungspolitischen Ernst.







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