Als am Sonntagabend die ersten Zahlen aus Paraná und Santa Catarina eintrafen, lag Flávio Bolsonaro deutlich über fünfzig Prozent, und in Brasília nahm das kaum jemand ernst, weil der Süden traditionell früh auszählt und traditionell rechts wählt. Mit den Stimmen aus dem Nordosten schrumpfte der Vorsprung im Lauf der Nacht, verschwand aber nicht mehr. Am Ende verzeichnete die zuständige Wahlbehörde TSE 56,1 Millionen Stimmen oder 47,03 Prozent für den Herausforderer und 53,9 Millionen oder 45,16 Prozent für Luiz Inácio Lula da Silva. Die Institute hatten den Amtsinhaber bis zuletzt meist fünf bis sieben Punkte vorn gesehen, Lula selbst hatte mit einem Sieg im ersten Wahlgang gerechnet und musste vor seinen Anhängern einen neuen Wahlkampf ausrufen, der nun bis zur Stichwahl am 25. Oktober drei Wochen Zeit hat. Der Favorit dieser Stichwahl ergibt sich aus den übrigen Ergebnissen. Knapp acht Prozent entfielen auf die anderen Bewerber, und die Stimmen für Ronaldo Caiado, den Gouverneur von Goiás, und für Renan Santos, den Gründer der Bewegung MBL, kommen aus einem Milieu, das Lula am 25. Oktober kaum erreichen wird.
Gemessen an 2022 hat sich das Kräfteverhältnis um rund sieben Punkte verschoben. Damals lag Lula im ersten Wahlgang mit 48,4 Prozent vor Jair Bolsonaro und gewann die Stichwahl mit 1,8 Punkten Vorsprung. Dieses Mal hat der Sohn gegenüber dem Vater fast vier Punkte zugelegt, während der Amtsinhaber gut drei verlor, und das unter Bedingungen, die für die brasilianische Rechte kaum ungünstiger hätten sein können. Ihr Gründer sitzt nach dem Urteil des Obersten Bundesgerichts STF eine Haftstrafe von 27 Jahren ab. Ihr Kandidat wurde erst Ende 2025 vom Vater bestimmt und trägt einen Namen, der im Nordosten Brasiliens als Schimpfwort gilt. Ihr wichtigster ausländischer Verbündeter hatte auf Drängen eines anderen Sohns Jair Bolsonaros, Eduardo, Brasilien im Sommer 2025 mit Strafzöllen von 50 Prozent belegt, die Lula im Wahlkampf als Angriff auf die nationale Würde vorführen konnte. Eine Ebene tiefer fiel die Niederlage der Arbeiterpartei PT gleichwohl noch deutlicher aus. In São Paulo, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat, wurde Gouverneur Tarcísio de Freitas mit 62,6 Prozent bereits im ersten Wahlgang im Amt bestätigt, und zwar gegen Fernando Haddad, der in der Partei als designierter Nachfolger Lulas galt. In Paraná gewann mit Sergio Moro jener Richter die Gouverneurswahl, der Lula 2017 wegen Korruption verurteilt hatte. Die PT hat also seit 2002 fünf von sechs Präsidentschaftswahlen gewonnen, steht an diesem Montag gleichwohl mit einem fast einundachtzigjährigen Kandidaten ohne Mehrheit da, dessen Erbe im Stammland der Partei nicht einmal ein Drittel der Wähler überzeugen konnte.
Verfolgung beseitigt die Opposition nicht
Für deutsche Leser steckt in diesem Ergebnis eine Lehre, die über Brasilien hinausreicht. Den Prozess gegen Jair Bolsonaro führte Alexandre de Moraes, derselbe Richter am STF, der im August 2024 die Plattform X für mehr als einen Monat im ganzen Land sperren ließ, nachdem sie sich geweigert hatte, seinen Anordnungen zur Löschung oppositioneller Konten nachzukommen. Die Regierung Trump belegte Moraes im Juli 2025 mit sogenannten Magnitsky-Sanktionen, die eigentlich für Menschenrechtsverletzer in autoritären Staaten gedacht sind. Der Versuch, die brasilianische Rechte durch die Ausschaltung ihrer Führungsfigur zu erledigen, hat am Sonntag ein Ergebnis gezeitigt, das seine Urheber kaum vorhergesehen haben. Der Vater sitzt im Hausarrest, und der Sohn steht mit einem Bein im Präsidentenpalast. Für die Debatte über ein Verbotsverfahren gegen die AfD, die im Bundestag geführt wird, ist das ein lehrreicher Befund: Die juristische Bekämpfung einer Opposition, deren Wähler bleiben, gruppiert diese Opposition um, beseitigen kann sie sie nicht.
Allerdings hat die brasilianische Rechte auf die Verfolgung mit Familienpolitik im wörtlichen Sinn geantwortet. Michelle Bolsonaro, die Ehefrau des Inhaftierten, zieht für den Bundesdistrikt um die Hauptstadt Brasília in den Senat ein, der Sohn Carlos Bolsonaro für Santa Catarina und ein weiterer Sohn, Jair Renan Bolsonaro, in die Abgeordnetenkammer, während Eduardo Bolsonaro das Geschehen aus seinem amerikanischen Exil verfolgt. Dass ausgerechnet Flávio kandidierte, obwohl Tarcísio de Freitas in São Paulo bewiesen hat, dass er Mehrheiten weit jenseits des eigenen Lagers gewinnt, war die Entscheidung eines Vaters, der die Bewegung als Erbmasse behandelt. Solange das Märtyrernarrativ trägt, fällt das nicht ins Gewicht. Nach einem Wahlsieg wird eine Rechte, deren Führung zwischen Vater, Söhnen und Ehefrau aufgeteilt ist, dieses Strukturproblem schneller spüren, als ihr lieb sein dürfte.
Milei als Vorbild mit Grenzen
Zu den ersten Gratulanten am Wahlabend gehörte Javier Milei. Die Freiheit schreite in Brasilien voran, schrieb der argentinische Präsident auf X und beglückwünschte seinen lieben Freund zur historischen Wahl gegen den Kommunisten Lula. Milei hatte im Juli auf dem Parteitag der PL gesprochen und Lula dort als Kriminellen und Häftling bezeichnet, eine Anspielung auf dessen anderthalb Jahre in Haft bis 2019, und Flávio Bolsonaro hat sich im Wahlkampf offen auf den Argentinier als Vorbild berufen. Politisch ist diese Nähe gut zu verstehen. Milei hat die argentinische Inflation von dreistelligen Raten heruntergedrückt, 2024 erstmals seit 2010 einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet und im Oktober 2025 die Zwischenwahlen klar gewonnen, womit er derzeit der prominenteste Regierungschef der lateinamerikanischen Rechten ist, auf den sich ein Kandidat berufen kann.
Als Programm für Brasilien taugt das argentinische Modell gleichwohl nur bedingt. Brasilien leidet an keiner Hyperinflation. Sein drängendstes Problem ist die Herrschaft der Gefängnisbanden Primeiro Comando da Capital (PCC) und Comando Vermelho (CV) über ganze Stadtviertel, und die Wähler, die Flávio Bolsonaro am Sonntag nach vorn gebracht haben, haben in erster Linie gegen diese Unsicherheit gestimmt. Sein Programm verspricht zwar Steuersenkungen, den Schwerpunkt aber legt es auf den Kampf gegen die Kartelle. Die Erfolge der Rechten in Lateinamerika erklärt deshalb Nayib Bukele in El Salvador besser als der Ökonom aus Buenos Aires, und dass El Salvador neben Argentinien zu jenem Schild Amerikas gehört, dem Brasilien unter Flávio Bolsonaro beitreten soll, passt ins Bild.
Bolsonaros Bündnis mit Washington
Die Vorgeschichte dieses Bündnisses beginnt im März in Texas. Flávio Bolsonaro war dort Gast der CPAC in Grapevine und erklärte, Brasilien sei die Lösung, damit die Vereinigten Staaten bei seltenen Erden und kritischen Mineralien nicht länger von China abhängig seien. Brasilien besitzt nach China die zweitgrößten bekannten Vorkommen, und die einzige in Betrieb befindliche Mine des Landes, Serra Verde, wurde im April von USA Rare Earth aus Oklahoma übernommen. Im Mai empfing Donald Trump den Kandidaten im Weißen Haus, anschließend sagte Bolsonaro zu, als Präsident dem Shield of the Americas beizutreten, einem Verbund zur gemeinsamen Bekämpfung jener Kartelle, die Washington inzwischen als Terrororganisationen führt, und ein Freihandelsabkommen mit den USA auszuhandeln.
Lula hat daraus im Wahlkampf den Vorwurf gemacht, diese Leute wollten Brasilien verkaufen, und der Vorwurf verfängt auch bei Wählern, die mit der PT nichts im Sinn haben. Flávio Bolsonaro selbst hatte im Frühjahr das Bild vom Schiff voller Eisenerz bemüht, das nach China fährt und als Kanu voller Laptops zurückkommt, um die Rolle seines Landes als bloßer Rohstofflieferant zu geißeln. In Texas bot er genau diese Rolle den Amerikanern an. Dass die Hilfe aus Washington dem Kandidaten im Wahlkampf mehr geschadet als genützt hat, wissen in Brasília inzwischen beide Lager. Trump hatte die Zölle von 2025 ausdrücklich mit der Hexenjagd auf Jair Bolsonaro begründet, obwohl die USA im Handel mit Brasilien 2024 einen Überschuss von 7,4 Milliarden Dollar erzielten, und seine Zollliste verschonte auffällig jene Agrar- und Energiebranchen, deren Eigentümer ohnehin zum Lager der Bolsonaros zählen. Im Land waren die Zölle so unpopulär, dass Bolsonaro in dieser Frage auf Abstand gehen musste, und Trump hat sich mit einer offenen Unterstützung bis zum Wahltag zurückgehalten. Den ersten Wahlgang hat Flávio Bolsonaro eher trotz als wegen seiner amerikanischen Freunde gewonnen.
Der Preis des amerikanischen Schildes
Die Idee hinter dem Schild Amerikas ist zwei Jahrhunderte alt. Im Dezember 1823 erklärte Präsident James Monroe die westliche Hemisphäre zu einem Raum, in den sich europäische Mächte nicht mehr einzumischen hätten, und aus dieser Abwehrformel wurde im Lauf des folgenden Jahrhunderts der Anspruch der USA, über den Kontinent zu bestimmen. Carl Schmitt hat die Monroe-Doktrin 1939 zum Muster seiner Großraumlehre gemacht, einer Ordnung mehrerer Räume, in denen jeweils eine führende Macht die Einmischung raumfremder Mächte ausschließt. Die Regierung Trump hat diese Doktrin in ihrer zweiten Amtszeit offen wiederbelebt, und das Schild Amerikas ist ihre institutionelle Form. Ein Brasilien, das ihm beitritt, wird Teil des amerikanischen Großraums und gibt damit die Rolle auf, die es unter wechselnden Regierungen seit Jahrzehnten beansprucht, die einer eigenständigen Macht des Südens, die mit Washington und Peking gleichermaßen verhandelt. Für Brasilien mag das ein vertretbarer Preis sein, wenn die Kartelle tatsächlich zurückgedrängt werden und die Zölle fallen. Bolsonaro hat im Wahlkampf zudem durchblicken lassen, dass er weiter mit allen verhandeln will, auch mit China, dem größten Abnehmer brasilianischer Sojabohnen und brasilianischen Eisenerzes, und ob er sich diesen Spielraum gegenüber Washington erhalten kann, wird über den Wert seiner Präsidentschaft mehr entscheiden als jede Steuerreform.
Was also bringt dieses Ergebnis dem Land? Brasilien bekäme mit einem Präsidenten Bolsonaro eine Regierung, die die Sicherheitskrise zur Chefsache macht, und es verlöre eine Regierungspartei, die sich nach mehr als zwanzig Jahren an der Macht vor allem als Verteilungsapparat für ihre Klientel im Nordosten verstand. Es bekäme aber auch einen Präsidenten, dessen erste Monate vom Konflikt mit dem STF bestimmt sein werden, weil die Frage, ob und wie der Sohn den Vater aus der Haft holt, jede andere Frage überlagern wird. Die geografische Spaltung des Landes, die sich in der Wahlnacht Stunde um Stunde auf den Bildschirmen abzeichnete, wird ein Präsident aus dem Süden nicht schließen, wenn er im Nordosten als Vollstrecker eines Sparprogramms nach argentinischem Vorbild auftritt. In Brasília regiert ohnehin niemand ohne den Centrão, jenen Block opportunistischer Mitteparteien im Kongress, der jede Regierung trägt, die ihm Posten und Haushaltsmittel sichert. Auch ein Präsident Bolsonaro wird mit ihm verhandeln müssen, wie es schon sein Vater nach zwei Amtsjahren tat.
Die falsche Lehre aus Mileis Erfolg
Daraus folgt auch etwas für die Debatte, die in der deutschen Rechten über Milei geführt wird. Die Kettensäge hat in Argentinien funktioniert, weil der peronistische Staat dort die eigene Währung ruiniert hatte und eine Mehrheit bereit war, für ein Ende der Inflation einen hohen Preis zu zahlen. Mit der deutschen Lage ist das nicht zu vergleichen und, wie der brasilianische Wahlkampf zeigt, nicht einmal mit der brasilianischen. Die AfD hat im September in Sachsen-Anhalt knapp 44 Prozent geholt, und in Bitterfeld oder Stendal hat niemand sie gewählt, damit sie die Rente kürzt oder den Kündigungsschutz schleift. Ihre Wähler im Osten erwarten einen Staat, der Grenzen und Straßen sichert und dabei die Leistungen schützt, die sie sich erarbeitet haben, und darin gleichen sie den Wählern Flávio Bolsonaros in den Vororten von Rio de Janeiro weit mehr als den libertären Bewunderern Mileis. Mit Milei als Vorbild übernähme die deutsche Rechte die Lösung für ein Problem, das hierzulande niemand hat, und überließe anderen das Thema, mit dem die Rechte in Brasilien wie in Mitteldeutschland gewinnt, die Sicherheit.
Die Junge Freiheit meldete noch in der Nacht eine Wahlsensation, und die Freude über Lulas Niederlage ist berechtigt. Lula ist seit zwei Jahrzehnten die Ikone einer globalen Linken, die in ihm den Beweis sah, dass ihr Programm Mehrheiten gewinnt, und die Bundesregierung hat in ihm unter wechselnden Kanzlern einen Partner beim Amazonienfonds und beim Mercosur-Abkommen gesehen. Der Blick aus Berlin, Wien oder Rom nach Brasília verlangt allerdings die Maßstäbe der eigenen Lage. Eine europäische Rechte, die eine Welt mehrerer Großräume für wünschenswert hält, in der auch Europa wieder ein eigener Raum wäre, kann den Beitritt der größten Macht Südamerikas zu einem amerikanisch geführten Bündnis schwerlich als eigenen Erfolg verbuchen. Wie Washington mit Verbündeten umgeht, die keine Alternative haben, hat Europa im Juli 2025 erfahren, als Ursula von der Leyen im schottischen Turnberry amerikanische Zölle von 15 Prozent auf europäische Waren hinnahm und das als Einigung verkaufte.
Die Sympathie für Flávio Bolsonaro muss deshalb nicht kleiner ausfallen, sie sollte nur wissen, wem sie gilt. Sie gilt einem Mann, der die Linke in seinem Land schlagen kann und dafür Anerkennung verdient. Ob er Brasilien auch souveräner macht, entscheidet sich nach dem 25. Oktober in den Verhandlungen über Zölle und Erze, und seine Verhandlungsposition hat der Kandidat auf der CPAC in Texas bereits recht großzügig offengelegt.







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