Ukraine: So riecht der Krieg

Seit Juni läuft die Gegenoffensive der Ukraine. Der Autor und Journalist Jonathan Stumpf war an der Front und hat internationale Freiwillige bei einer Aufklärungsmission begleitet. Für FREILICH schildert er seine Kriegserlebnisse.

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Ukraine: So riecht der Krieg

Prigoschin putscht. Diese Nachricht verbreitet sich unter den ausländischen Freiwilligen der Internationalen Legion wie ein Lauffeuer. Fieberhaft verfolgen „Austrian“, „Niente“ und ich die neuesten Entwicklungen am Smartphone. Niente, den Spitznamen habe ich ihm verpasst, weil er gerne „Nichts“ heißen wollte, ist erst zwei Tage zuvor zur Gruppe gestoßen. Er ist nicht Italiener, sondern Grieche, aber sein Zwillingsbruder hört bereits auf den Namen „Greek“. Beide sind Ex-Fremdenlegionäre. Auch Austrian ist nicht ohne militärische Vorerfahrung. Er hat volles braunes Haar und einen gepflegten Schnauzbart. Zur Gruppe gehören außerdem ein dunkelblonder Schwede, ebenfalls mit Schnurrbart, ein Tscheche, dessen „Callsign“ selbstverständlich „Czech“ lautet, ein Amerikaner und ein ehemaliger britischer Offizier.

Ausländer dürfen in den ukrainischen Streitkräften keinen Offiziersrang bekleiden. Ausländische Freiwillige, die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung und Kompetenz Aufgaben übernehmen, die in der Regel von Feldwebeln oder Offizieren ausgeübt werden, erhalten den gleichen Sold wie einfache ukrainische Soldaten. Dieser Sold beträgt in Frontnähe ungefähr 1.600 Euro. Für Kampfeinsätze und Tätigkeiten im vordersten Graben kommen pro Tag etwa 55 Euro hinzu. Der durchschnittliche Verdienst eines Legionärs beläuft sich somit auf um die 2.000 Euro pro Monat. Wegen des Geldes macht das niemand. Es ist zumeist eine Gemengelage aus Sinnsuche, Abenteuerlust und Idealismus, die der ukrainischen Armee einen stetigen Zulauf von Freiwilligen beschert. Manche aus der Gruppe sind seit den ersten Kriegstagen in der Ukraine. Sie haben auch in Bachmut gekämpft. Dort ist ein über die Reihen der Legion hinaus bekannter polnischer Freiwilliger gefallen, dem nachgesagt wurde, ein Krimineller zu sein. Als ich Austrian nach den genauen Todesumständen frage, sagt er: „Der Mann war vielleicht ein Krimineller, aber ein Feigling war er nicht.“ Sieben Schusswunden habe der Sanitäter an der Leiche gezählt.

Der Grabenkampf ist zurück

Während einer Landmienenübung lernen die Legionäre von einem pensionierten Pionier der Bundeswehr, wie man Sprengfallen mit Kabelbindern unschädlich macht. Der Balkankriegsveteran wird von den anderen Soldaten liebevoll „Opa“ genannt. Wenn Opa Englisch spricht, übersetzt er deutsche Sätze Wort für Wort ins Englische. Die deutsche Grammatik bleibt dabei zumeist unangetastet. Einen Satz, den er gerne verwendet, obwohl er weder nach den Regeln der englischen noch nach den Regeln der deutschen Grammatik funktioniert, lautet: „In sis case, somesing is might be happening.“ Trotzdem ist der Sinn klar. Die finale Übung, bei der ein Bunker mit einem handlichen Paket Plastiksprengstoff in die Luft gejagt wird, führt nur ein einziges Team aus. Die aus Briten und Amerikanern bestehende Gruppe nennt sich „50/50“, weil sie bei vergangenen Einsätzen bis zu fünfzig Prozent Tote und Verwundete zu beklagen hatte. Nach der Übung geht es mit meiner Gruppe in ein Restaurant. Wir bestellen das Business-Lunch für umgerechnet etwas weniger als fünf Euro. Man behandelt uns sehr zuvorkommend und eine der Bedienungen hat ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe.

Seit einigen Tagen ist bekannt, dass ein russisches Grabensystem erobert werden soll. Der Angriff soll von einer ukrainischen Einheit vorgetragen werden. Nachrücken wird ein aus Angehörigen mehrerer Gruppen zusammengewürfelter Trupp von ausländischen Freiwilligen. Lange und ausgiebig ist der Grabenkampf zuvor von den Männern trainiert worden. Egal wie viel militärische Vorerfahrung die einzelnen Legionäre mitbringen, Grabenkampf gehörte in den letzten Jahrzehnten nicht zu den Grundfertigkeiten, die einem Krieger des 21. Jahrhunderts vermittelt wurden. Man hielt diese Art der Kriegführung für passé. Der Zeitpunkt des Sturmangriffs wird mehrfach verschoben. Irgendwann heißt es, er finde erst am 28. Juni statt, doch als Prigoschin putscht, wird der Zeitpunkt des Angriffs kurzerhand wieder um einige Tage vorverlegt. Man nutzt die Gunst der Stunde.

Auf Mission mit internationalen Freiwilligen.

Die Operation wird ein voller Erfolg. Die demoralisierten Russen leisten zwar zunächst Widerstand, ergreifen dann aber wie erwartet die Flucht. Auch Gefangene werden gemacht. Während die ukrainischen Einheiten die eingenommenen Stellungen der Russen gegen die erwarteten Gegenangriffe halten, hecken Greek und Austrian bereits den nächsten Streich aus. Mit einer .50 Browning Machine Gun sollen die Nachschubwege des Gegners unter Feuer genommen werden. Auf der Karte hat es den Anschein, als eigne sich eine bestimmte Baumgrenze an mehreren Stellen zur Positionierung des schweren Maschinengewehrs. Allerdings muss zunächst überprüft werden, ob die Gegebenheiten auf der Karte mit den realen Gegebenheiten übereinstimmen: eine klassische Aufklärungsmission.

„Ugh, what's this smell?“

Es ist ein schwülheißer Morgen, als wir den Toyota-Pickup in einem Waldstück verstecken und losmarschieren. Nach kurzer Zeit läuft einem der Schweiß in die Augen. Die ukrainische Artillerie schenkt den Russen heute ganz schön ein. Erst hört man es in der Ferne knallen, dann pfeifen die Geschosse hoch über unsere Köpfe hinweg, bevor sie dort einschlagen, wo sich Putins Soldaten eingegraben haben. Wir erwarten ständig eine Antwort der Gegenseite, aber das feindliche Trommelfeuer bleibt aus. Als wir die Baumgrenze endlich erreichen, gibt Austrian den Befehl, Deckung zu suchen. Ich steige in einen Graben und spreche dabei Englisch, damit mich die Ukrainer nicht für einen Russen halten und über den Haufen schießen. Es sind aber gar keine Ukrainer im Graben. Vor mir auf Bauchhöhe: fünf oder sechs in Backpapier eingewickelte Handgranaten. „Wird ein vorgeschobener Posten sein, der gerade nicht besetzt ist“, denke ich und krabbele wieder aus dem Loch. Wir setzen den Marsch entlang der Baumgrenze fort. Dann erteilt Austrian wieder den vertrauten Befehl „Get top cover!“ Auch dieses Mal finde ich einen Unterschlupf. Davor liegen ein Plattenträger, eine Schildmütze und eine Hose. Im selben Augenblick steigt mir ein bestialischer Gestank in die Nase. Ich sehe genauer hin. Vor dem Loch, keine zwei Meter neben mir, liegt die halbverweste Leiche eines russischen Soldaten. Der Kopf fehlt. Es ist nur die Wirbelsäule, die noch ein Stück aus dem Plattenträger herausragt. Kurz darauf ist Niente neben mir. Auch er bemerkt den Geruch: „Ugh, what’s this smell?“ Ich zeige auf die Leiche des russischen Soldaten neben uns. Wir sind verdammt froh, als es weitergeht. Der Gestank ist nicht auszuhalten.

Immer wieder steigt uns dieser Geruch in dem Waldstück in die Nase und in einem der Schützengräben liegt der Totenschädel eines russischen Soldaten. Das Wäldchen ist außerdem übersät mit russischen Ausrüstungsgegenständen, aber mir ist nicht nach Souvenirs. Niente hebt eine Kaltwetterhose vom Boden auf und es purzeln lauter Maden heraus. Es muss etwa zur Zeit der ersten ukrainischen Gegenoffensive gewesen sein, dass diese russische Einheit durch Artillerie vollständig aufgerieben wurde. Mit Range-Finder und Zielfernrohr eruiert Austrian, ob es sinnvoll ist, hier das schwere MG aufzubauen. Es stellt sich heraus, dass die Gegebenheiten auf der Karte nicht mit den Gegebenheiten in der Realität übereinstimmen. Der Auftrag ist damit ausgeführt und wir treten den Rückmarsch an. Zum Abschied überreicht mir Austrian das Ärmelabzeichen der Gruppe. Von ihm erfahre ich ein paar Stunden später auch per WhatsApp, dass das Restaurant, in dem wir das Business-Lunch gegessen haben, von einer russischen Rakete getroffen wurde. Es gibt Tote und Verletzte. Ich muss an die zierliche Bedienung mit dem Porzellanpuppengesicht denken.


Zur Person:

Jonathan Stumpf, 1988 in Richmond, Virginia, geboren und am Bodensee aufgewachsen, schloss zunächst in Pforzheim eine Gärtnerlehre ab, bevor er als Maschinenkadett für eine Hamburger Reederei zur See fuhr. Während eines längeren Landurlaubs verpflichtete er sich bei der US-Armee als Infanterist, wurde aber nach der Grundausbildung in Bayern stationiert. Anschließend studierte er in Heidelberg und Cluj-Napoca (Rumänien) Geschichte und Klassische Archäologie und in Mannheim und Leiden (Niederlande) Geschichte und Religionswissenschaft. Nach seinem Master heuerte er auf einem Binnenschiff an und arbeitet seither abwechselnd als Matrose, Rettungsschwimmer und freier Journalist.


Mehr zum Thema lesen Sie in der Reportage „Ein ruhiger Tag in der Hölle“ (FREILICH-Ausgabe 18 „Die Wiederkehr der Männer“):

An vorderster Front mit einem Freiwilligenbataillon: Vom Wahnsinn und Alltag des Krieges in der Ukraine.

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