Glasgow. – Eine neue Inszenierung von George Bernard Shaws Drama „Saint Joan“ aus dem Jahr 1923 sorgt am Citizens Theatre in Glasgow für Diskussionen. Bei der vom 14. Februar bis zum 21. März laufenden Inszenierung führt der mit einem Tony Award ausgezeichnete Theatermacher Stewart Laing Regie. Im Mittelpunkt der Debatte steht jedoch nicht die Regiearbeit, sondern die Besetzung der Hauptrolle: Die Figur der Jeanne d’Arc wird von der schwarzen Schauspielerin Mandipa Kabana verkörpert. Damit wird erneut eine historisch weiße Persönlichkeit von einer Darstellerin mit anderer Hautfarbe gespielt.
Historische Figur im Zentrum der Kritik
Anders als bei literarischen Figuren handelt es sich bei Jeanne d’Arc um eine historisch belegte Person. Die sogenannte Jungfrau von Orléans war ein Bauernmädchen im Frankreich des 15. Jahrhunderts. Im Alter von 17 Jahren führte sie französische Truppen an, die während des Hundertjährigen Krieges die englische Belagerung von Orléans durchbrachen. Sie war davon überzeugt, von göttlichen Stimmen geleitet zu werden. Aus heutiger Sicht wird teilweise spekuliert, ob es sich dabei um akustische Halluzinationen infolge einer psychischen Erkrankung gehandelt haben könnte. Als junge Frau aus dem ländlichen, mittelalterlichen Frankreich war sie zweifellos weiß.
Gerade weil es sich um eine eindeutig zuzuordnende historische Persönlichkeit handelt, bewerten Kritiker diese Art der Umbesetzung als besonders problematisch. In den vergangenen Jahren gab es wiederholt ähnliche Fälle: So wurden Kleopatra, Isaac Newton oder Anne Boleyn in großen westlichen Produktionen beispielsweise von schwarzen Schauspielern dargestellt.
Gegenüber der schottischen Zeitung The National verteidigte Regisseur Stewart Laing seine Entscheidung: „Ich denke, dass junge Menschen auf die Männer an der Macht schauen und schockiert sind über den Zustand der Politik, und deshalb handeln sie, um Dinge zu verändern“, zitiert ihn der Hungarian Conservative. Aus diesem Grund habe er Wert darauf gelegt, eine Darstellerin zu wählen, die dem historischen Alter von Jeanne d’Arc nahekomme. Warum er bei der ethnischen Herkunft der Figur keine historische Genauigkeit anstrebte, hat er hingegen nicht erläutert.
Trend zum „Race-Swapping“ sorgt für Widerstand
Diese Besetzung reiht sich in einen breiteren Trend ein, bei dem historische weiße Figuren von Schauspielern anderer Hautfarbe gespielt werden. Auch im britischen Theater gab es zuletzt vergleichbare Entscheidungen: So wurde die Rolle der Julia in einer West-End-Produktion von Shakespeares „Romeo und Julia“ im Frühjahr 2024 von der schwarzen Schauspielerin Francesca Amewudah-Rivers übernommen.
Eine interne Untersuchung der britischen Rundfunkanstalt BBC kam jüngst zu dem Ergebnis, dass historisch nicht korrekte Umbesetzungen in Fernsehproduktionen beim Publikum auf breite Ablehnung stoßen – selbst bei Zuschauern mit Migrationshintergrund.



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