Die Männer am Checkpoint sehen martialisch und hochprofessionell aus. Ganz anders, als man es von Ordnungshütern in Afghanistan sonst gewohnt ist. Sie sind vollständig in Schwarz gekleidet und haben ein Halstuch bis über die Nase gezogen, auf dem ein Sturmgewehr und ein Krummsäbel abgebildet sind. Dazu tragen sie schwarze Baseballmützen. Einer von ihnen prüft das Dokument, das er von unserem Guide erhalten hat, und zählt kurz durch, wie viele Personen im Fahrzeug sitzen. Dann reicht er ihm den Wisch wieder mit den Worten: „Six numbers“, da wir zu sechst sind, und nickt. An uns gerichtet sagt er: „Welcome to Afghanistan!“ Dem Fahrer bedeutet er mit einer ausladenden Armbewegung, Gas zu geben. Sein Kollege zeigt mir den Daumen hoch. „Das waren die Special Forces“, sagt unser Dolmetscher, der gleichzeitig unser Guide ist. Danach noch ein Checkpoint der regulären Taliban, dann sind wir raus aus Kabul.
Die Landschaft ist karg, aber nicht ohne grüne Flecken. Zumeist um die Flussläufe. Dort gibt es auch landwirtschaftlich genutzte Flächen, aber es ist hauptsächlich Subsistenzwirtschaft, die hier betrieben wird. Ein Bauer mit seiner Sichel hier, eine Gruppe von Personen bei der Kartoffelernte dort. Die Kartoffeln werden noch von Hand ausgegraben. Gefurcht wird der Ackerboden stilecht mithilfe von Ochsengespannen. Daneben sind es vor allem Nomaden, die wir auf unserer Fahrt nach Bamiyan zu Gesicht bekommen. Einer von ihnen, er hat sein rechtes Bein in den 1980er-Jahren durch eine russische Tretmine eingebüßt und trägt eine Prothese, lässt uns Teppiche heranschaffen, auf denen wir es uns bequem machen können. Seine Enkelkinder wollen uns Tee kredenzen. Allerdings schickt er sie mit der Teekanne und den Tassen wieder zurück ins Zelt, da wir zuvor eine gigantische Wassermelone zusammen verspeist haben. Wassermelone und Schwarztee, so der alte Nomade, würden in Kombination zu Bauchschmerzen führen. Wieder was gelernt.
Der bärtige Mann mit der Krücke und der Prothese lacht freundlich, als er uns zum Abschied reihum die Hand schüttelt und Allahs Segen für die Reise wünscht. Ob er selbst ein Mudjahed gewesen sei, frage ich nicht. Insgesamt fielen während der sowjetischen Besatzungszeit bis zu 1,6 Millionen Afghanen, während die sowjetischen Verluste je nach Quelle mit 13.000 bis 40.000 Mann beziffert werden. Über zehn Millionen Antipersonenminen sind in afghanischer Erde verscharrt worden. Erst von den Sowjets und Mudjahedin und anschließend von den Taliban und den Kriegern der Nordallianz, die in dem sich nahtlos an die russische Invasion anschließenden Bürgerkrieg miteinander um die Vorherrschaft in Afghanistan kämpften.
In der Provinz Bamiyan, die mehrheitlich von den Hazara bewohnt wird, einer schiitischen Minderheit mit mongolischen Wurzeln, besichtigen wir die von den Taliban im Jahr 2001 gesprengten Buddha-Statuen oder vielmehr das, was von ihnen übrig ist. Es hatte sich bis zu ihrer Sprengung um die größten Buddha-Statuen der Welt gehandelt. Ihre Reste werden nun von den Taliban geschützt. Ihre Präsenz hat auch den Hintergrund, eine weitere Vernichtung des Kulturerbes, etwa der dort in den Höhlen befindlichen Wandmalereien, zu verhindern. Die Gesichter der bildlichen Darstellungen wurden zwar entfernt, aber der Rest soll erhalten bleiben. So wollen es die neuen alten Machthaber in Kabul. Es soll sogar Bestrebungen geben, die zerstörten Statuen zu rekonstruieren, wobei nicht zuletzt Geldangebote aus dem Ausland, namentlich aus China, eine Rolle spielen.
Auch in Bamiyan befinden sich die Band-e-Amir-Seen. Die Seenkette bildet den einzigen Nationalpark des Landes. Die Schönheit dieser durch Gletscher entstandenen Seen, deren genaue Tiefe bis heute unbekannt ist, ist atemberaubend. Obwohl Frauen den Nationalpark seit dem Jahr 2023 nicht mehr besuchen dürfen, begegnen wir dort auch Frauen in Tretbooten. Nicht jedes Verbot wird konsequent befolgt. So ist es auch mit dem Musikverbot. Unser Fahrer und unser Guide lieben Musik, aber sobald wir uns einem Checkpoint nähern, wird das Gedudel abgestellt. Auch aus anderen Fahrzeugen hören wir laute Musik. Man darf sich bloß nicht erwischen lassen, wobei ich mir vorstellen kann, dass die meisten Taliban bei so einem Verstoß ein Auge zudrücken würden, auch ohne Bestechungsversuch. Eine andere Vorschrift, für die sich im Nationalpark niemand zu interessieren scheint, ist das Waffenverbot, auf das ein Schild am Eingang zu den „Blue Lakes“, wie die Band-e-Amir-Seen auch genannt werden, hinweist. Überall laufen Bewaffnete herum. Es wimmelt geradezu von Schießeisen. Der Vater eines in Deutschland lebenden Afghanen, der gerade Urlaub in der alten Heimat macht, weil es dort nun, wie er uns versichert, dank der Taliban wieder sicher sei, drückt mir für ein Erinnerungsfoto seine Kalaschnikow in die Hand. Sein Bruder hat eine Makarow einstecken. Man weiß ja nie.
Nach einigen Tagen in der Provinz Bamiyan nehmen wir per Kleinbus die Überquerung des Hindukusch in Angriff. Unser Ziel ist Masar-e Scharif. Es geht über den Salang-Pass, eine holprige Schotterpiste, die gerade abschnittsweise zur geteerten oder besser: betonierten Straße ausgebaut wird. Befahrbar ist noch keiner der neuen Abschnitte. Auf 3.400 Metern Höhe dann der Salang-Tunnel, den die Sowjets im Jahr 1964 fertiggestellt haben. Damals bestand hinsichtlich der Entwicklungshilfe eine räumliche Arbeitsteilung zwischen den im Kalten Krieg miteinander konkurrierenden Supermächten. Während die Amerikaner die Straße von Kabul nach Kandahar, einen großen Flughafen in Kandahar sowie Stichstraßen zur pakistanischen und iranischen Grenze bauten, agierten die Russen im Norden. Der Salang-Tunnel ist von herausragender strategischer Bedeutung, weil er Zentral- und Südasien miteinander verbindet und der Salang-Pass die einzige ganzjährig geöffnete Straße über den Höhenkamm des Hindukusch ist. Allerdings kommt es häufig vor, dass die Strecke aufgrund heftiger Schneefälle gesperrt werden muss. Die Liste der Katastrophen, die sich in diesem Tunnel ereignet haben, ist lang. Im Jahr 1980 starben sechzehn sowjetische Soldaten nach einer Kollision an einer Kohlenmonoxidvergiftung, zwei Jahre später kamen laut sowjetischen Angaben 64 Soldaten und 112 Afghanen aufgrund eines Feuers ums Leben. Westliche Schätzungen gehen von weit mehr Todesopfern aus. Von bis zu 3.000 Vermissten ist die Rede. Am 8. Februar 2010 wurden durch Lawinen auf der Passstraße 175 Menschen getötet und hunderte verletzt. Zuletzt explodierte im Dezember 2022 ein Tanklaster, wobei 31 Menschen ums Leben kamen und 37 weitere verletzt wurden.
Kaum sind wir runter von der Schotterpiste, fährt unser Fahrer rechts ran und lässt den Luftfilter von einem grinsenden Kerl mit Schnauzbart und breitkrempigem Hut reinigen, der mit einem Sombrero glatt als spanischer Mexikaner durchgehen würde. Auch der Reifendruck wird überprüft. Das ist vor und nach jeder Überquerung des Hindukusch so Usus. Wir alle zollen dem Fahrer großen Respekt für seine Leistung, uns wohlbehalten über die Passstraße geschaukelt zu haben. Ich hätte wegen der vielen Schlaglöcher bestimmt zwei oder drei platte Reifen zu verzeichnen gehabt, was uns angesichts nur eines Ersatzrads vor größere Probleme gestellt hätte. Auf dem gesamten Pass haben wir nur einen einzigen Laster gesehen, der von der schmalen Piste abgekommen ist. Das ist umso bemerkenswerter, als unser Guide auf meine Frage, ob Führerschein und Kennzeichen obligatorisch seien, antwortete, dass sich praktisch niemand dafür interessiere. Fahren dürfe zudem, wer fahren könne – unabhängig vom Alter! Weniger Spaß als bei in Deutschland streng geahndeten Delikten wie dem Fahren ohne Fahrerlaubnis oder amtlichem Kennzeichen verstehen die Taliban offenbar beim Konsum von Pornografie, wie wir in Masar-e Scharif, der viertgrößten Stadt des Landes, feststellen müssen, als wir uns erfolglos ins WLAN des Hotels einzuloggen versuchen. Das Hotelpersonal erklärt uns, in zwölf Provinzen sei auf höchsten Befehl hin drei Tage zuvor das WLAN abgestellt worden, um unmoralisches Verhalten der Bevölkerung zu unterbinden. Ein voraussichtliches Ende der Maßnahme wurde nicht bekannt gegeben.
Es ist kaum vorstellbar, dass sich die Taliban in der Stadt, die über eine halbe Million Menschen beherbergt, durch dieses Verbot bei der Bevölkerung beliebt machen. Masar-e Scharif bedeutet übersetzt „Wallfahrtsort des Edlen“ und bezieht sich auf die hier vermutete Grabstätte von Ali ibn Abi Talib, der ein Cousin und Schwiegersohn Mohammeds gewesen ist. Er wird sowohl von Sunniten als auch von Schiiten und Aleviten geehrt. Daher gilt Masar-e Scharif als bedeutendster Wallfahrtsort Afghanistans, auch wenn es unter Historikern höchst umstritten ist, ob Ali hier tatsächlich seine letzte Ruhe gefunden hat. Im Zentrum der Stadt befindet sich das Ali-Mausoleum mit angeschlossener Bibliothek. Das Gebäude aus dem 15. Jahrhundert, das wir selbstverständlich besichtigen, wird auch Blaue Moschee genannt und zählt zu den schönsten muslimischen Gotteshäusern der Welt.
Ebenfalls ein Mausoleum ist der nahe der Stadt befindliche Schrein von Khwaja Abu Nasr Parsa, der auch als Grüne Moschee bezeichnet wird. Der erhaltene Kuppelbau mit den beiden Minaretten, deren Spitzen allerdings nicht mehr erhalten sind, wurde aller Wahrscheinlichkeit nach Ende des 16. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Schaibaniden, einer usbekischen Dynastie, errichtet. Die Grüne Moschee befindet sich in dem etwa zwanzig Kilometer von Masar-e Scharif entfernten Balch, wohin uns – aus welchen Gründen auch immer – ein bewaffneter Taliban-Kämpfer begleitet. Balch gilt als Wiege der iranischen Zivilisation. In der Antike unter dem Namen Baktra bekannt, war diese Stadt nicht nur die Hauptstadt Baktriens, sondern auch zentraler Knotenpunkt der Seidenstraße. Hier traf die Seidenstraße auf eine weitere Handelsroute, die in nordwestlicher Richtung zum Kaspischen Meer führte. In südöstlicher Richtung führte diese Route über den Chaiber-Pass nach Vorderindien.
Einen weiteren Ort, den wir während unserer Zeit in Masar-e Scharif besuchen, ist die Provinz Samangan, die für ihre buddhistischen Bauwerke und Höhlen bekannt ist. Von Januar bis März 2000 erlangten die Taliban erstmals die Kontrolle über das Gebiet, einschließlich der nahegelegenen Provinzen Sar-e-Pol und Baghlan, wo sie Berichten zufolge eine unbekannte Zahl von Zivilisten hinrichteten. Am 8. Mai 2000 wurden mehrere Männer etwa 32 Kilometer nördlich der Stadt Samangan massakriert. Später fanden Bauern sie in den flachen Gräbern, die die Taliban für sie ausgehoben hatten. Massaker an der Zivilbevölkerung hatte es auch zwei Jahre zuvor bei der Einnahme Masar-e Scharifs durch die Taliban gegeben. Zwischen 5.000 und 10.000 Hazara sollen damals den Exekutionen zum Opfer gefallen sein. Allerdings gehört zur ganzen Wahrheit auch, dass im Jahr zuvor, als die Taliban schon einmal in Masar-e Scharif einmarschiert waren, die Hazara sich nach kurzer Zeit erhoben und unter den 5.000 in der Stadt befindlichen Taliban ein Blutbad anrichteten. Etwa 1.500 Taliban-Kämpfer wurden dabei getötet und 3.000 weitere gefangen genommen. Die Gefangenen wurden anschließend hingerichtet und in Massengräbern verscharrt.
Am Abend des 10. November 2016 verübten Taliban mit einer Lastwagenbombe einen Sprengstoffanschlag auf das deutsche Konsulat in Masar-e Scharif. Dabei starben mindestens sechs Menschen, mehr als 120 wurden verletzt. Bis zum Jahr 2021 befand sich das größte Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands in Masar-e Scharif. Die Stadt wurde Mitte August 2021 im Rahmen ihrer landesweiten Offensive wieder von den Taliban eingenommen. Es war das dritte Mal seit 1997. Am internationalen Flughafen von Masar-e Scharif ist noch eine goldene Plakette mit folgender Aufschrift angebracht: „Financed by the Federal Republic of Germany and the United Arab Emirates“.
Für die Rückreise nach Kabul haben wir einen Inlandsflug mit der afghanischen Fluggesellschaft Kam Air gebucht. Ihr Motto: Trustable Wings! Meinen Schweizer Mitreisenden Stefan scheint dieses Motto allerdings eher zu beunruhigen. „Dass die es nötig haben, darauf hinzuweisen, dass ihre Flügel vertrauenswürdig sind, ist nicht sehr vertrauenerweckend“, platzt es aus ihm heraus, als er aufs Ticket schaut und den Spruch liest. Wenig hoffnungsfroh stimmt auch das ständige Inscha 'Allah (so Gott will) unseres Dolmetschers. Unser Flug hat bereits zwei Stunden Verspätung, allerdings kommt jetzt noch ein Sandsturm auf. Immerhin: Einen Sprengstoffanschlag wird es eher nicht geben. Sowohl bei der Zufahrt zum Flughafen als auch nach der Sicherheitsschleuse wird unser Gepäck von einem Altdeutschen Schäferhund beschnuppert. In beiden Fällen handelt es sich allerdings um sehr alte Altdeutsche Schäferhunde. Wahrscheinlich stammen sie noch aus Bundeswehrzwingern. Auch die Hundeführer scheinen ihre besten Zeiten hinter sich zu haben. Einer von ihnen sieht mit seinem schwarzen Rauschebart und dem hünenhaften Wuchs aus wie der Räuberhauptmann Abu Hassan in dem Cartoon Popey the Sailor Meets Ali Baba‘s Forty Thieves aus dem Jahr 1937. Nur, dass er zusätzlich einen Silberblick hat. Aber nicht nur sein rechtes Auge ist etwas langsam. Er ist insgesamt eine ziemliche Trantüte.
Wir sitzen im Flughafen bei einer Tasse Kaffee. Mittlerweile ist unser Flieger schon vier Stunden überfällig. Wegen des Sandsturms ist er bereits einmal nach Kabul zurückgekehrt, hat wieder vollgetankt und ist erneut aufgestiegen. Den für den Abend geplanten Antikenmarkt in Kabul können wir uns in die Haare schmieren. Aber wenigstens kommen wir – inscha 'allah – noch vor Einbruch der Dunkelheit in Kabul an. Wir bestellen ein alkoholfreies Bier. Das ist erlaubt. Der Schweizer packt Skatkarten aus. Französisches Blatt. „Mau-Mau?“, frage ich. Das ist nicht erlaubt. Sofort bittet uns unser Guide, sichtlich beunruhigt, die Karten wieder verschwinden zu lassen. Dann erneut eine Lautsprecheransage: Der Flug nach Kabul wird für heute gestrichen. Da unser Fahrer mittlerweile wieder in Kabul ist, muss unser Guide ein Taxi nach Kabul organisieren. Umgerechnet zweihundert Euro kostet die zwölfstündige Fahrt über den Hindukusch. Als wir den Taxifahrer fragen, ob er ausgeruht sei, immerhin ist es mittlerweile schon Abend, hält er augenzwinkernd einen Pappbecher mit Kaffee in die Höhe. Na dann: Was soll schon groß schiefgehen? Inscha 'Allah.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!