Es ist ein vertrautes Schauspiel: Aufstand, Unterdrückung, Hoffnung – und am Ende der westliche Wunsch nach dem Verfassungsstaat. Junge Frauen verbrennen ihre Kopftücher, die Diaspora in Los Angeles jubelt und Kommentatoren sehen die Morgenröte der Demokratie am Persischen Golf. Reza Pahlavi II., der Sohn des letzten Schahs, gibt Interviews und spricht von Freiheit und einem neuen Iran. Die Medien greifen dankbar zu. Ein Narrativ ist geboren.
Seit dem israelisch-amerikanischen Militärschlag gegen iranische Atomanlagen im Juni 2025, der nach zwölf Tagen mit einem von Washington angeordneten Waffenstillstand endete, hat dieses Narrativ neue Nahrung erhalten. Netanjahu redet offen vom Sturz des Mullah-Regimes und fordert die Bevölkerung auf, sich gegen ihre Führung zu erheben. Der Westen applaudiert – oder schweigt beifällig. Die Frage, was nach dem Regime käme, wird jedoch nicht gestellt. Mit den neuen Angriffen der Achse USA-Israel auf den Iran stellen sich diese Fragen erneut.
Doch diese Projektion sagt mehr über den Projektierenden als über den Iran aus. Wer genauer hinschaut, erkennt: Hinter dem Freiheitspathos verbirgt sich eine Illusion, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig scheitert – historisch, strukturell und geopolitisch. Und wer noch genauer hinschaut, erkennt das Unangenehmste: Der Westen weiß das. Er setzt trotzdem darauf. Oder gerade deswegen.
Das Pahlavi-Erbe: kein demokratischer Gründungsmythos
Man muss kein Anhänger der Islamischen Republik sein, um eine simple Wahrheit auszusprechen: Die Pahlavi-Monarchie war kein unterbrochenes demokratisches Experiment. Sie war ein autoritäres Herrschaftssystem, gestützt auf einen der berüchtigtsten Geheimdienstapparate des 20. Jahrhunderts. Die SAVAK, die mit Unterstützung der CIA und des Mossad gegründet wurde, steht für Folter, Willkür und die systematische Ausschaltung jeder Opposition. Ältere Iraner tragen diese Erinnerung in sich. Es ist kein abstraktes Geschichtswissen, sondern ein erlebtes Trauma.
Diese Erinnerungen verleihen Reza Pahlavi II. im Iran selbst kaum Legitimität – das ist keine westliche Deutung, sondern die Einschätzung derjenigen, die das Land aus dem Inneren kennen. Der Kronprinz lebt im amerikanischen Exil, wird von Israel unterstützt und verfügt über Beziehungen zur Diaspora und zu Satellitenfernsehsendern. Was er nicht vorweisen kann, sind konkrete institutionelle Entwürfe für einen demokratischen Rechtsstaat, eine Verfassungsskizze oder ein programmatisches Dokument. Was es gibt, sind Interviews. Appelle. Symbolpolitik.
Aufschlussreich ist der Name, den die Netanjahu-Regierung ihrem Angriff 2025 gab: „Rising Lion“ – der aufsteigende Löwe, das Hauptemblem des Iran zur Zeit der Pahlavi-Monarchie, das nach der Revolution von 1979 von der Flagge entfernt wurde. Dies ist keine zufällige Bildsprache. Sie verknüpft den Militärschlag explizit mit der Hoffnung auf eine monarchische Restauration. Das Reden vom Regimewechsel weckt zudem unweigerlich Erinnerungen an den CIA-Staatsstreich von 1953, der die demokratisch gewählte Regierung Mossadeghs stürzte und den Schah wieder auf den Thron hievte. Auch damals hieß es, man bringe Freiheit.
Anders gesagt: Wer den Kronprinzen als Demokratiegaranten verklärt, verwechselt Nostalgie mit Programmatik – und wiederholt die Fehler von 1953.
Eine zersplitterte Opposition ohne Staat
Auch wenn ein Systemwechsel gelänge – und die Frage, wie er gelänge, bleibt im Diskurs meist ausgeklammert –, stellt sich unmittelbar die nächste: Wer würde den neuen Staat tragen? Die iranische Opposition ist kein politischer Block. Sie ist ein Spektrum antagonistischer Kräfte, die sich allein in der Ablehnung des Regimes einig sind, nicht in einer gemeinsamen Verfassungsvision.
Vier Gruppen dominieren das Oppositionsfeld: Reformer, die das islamische System von innen transformieren wollen, westlich orientierte Liberaldemokraten, eine radikale Linke mit eigenen Staatstraditionen und eine diffuse Zivilgesellschaft ohne organisierte Struktur. Hinzu kommen die Volksmudschahedin (MEK) – eine Sekte mit totalitären Zügen, die im Westen als Lobbygruppe reüssiert, im Iran aber tief verhasst und bis heute durch ihr früheres Bündnis mit Saddam Hussein diskreditiert ist – sowie die Monarchisten. Diese Gruppen verfolgen nicht nur unterschiedliche, sondern fundamental unvereinbare Staatsvorstellungen.
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion jener Oppositionellen, die am meisten unter dem Regime leiden: politische Gefangene im Evin-Gefängnis. Mostafa Tajzadeh, stellvertretender Innenminister unter Präsident Chatami und seit 2022 erneut politischer Häftling, schmuggelte nach dem israelischen Angriff 2025 eine Botschaft aus dem Gefängnis heraus: Eine ausländische Militärintervention zu unterstützen, die von einem Mann befohlen wird, der vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist, lasse sich politisch und moralisch nicht rechtfertigen. Auch wenn dieser Krieg das Regime stürzen würde, ließe er den Iran in Trümmern zurück – und es würden Anarchie und Chaos folgen. Tajzadeh setzt sich für einen friedlichen Übergang durch eine verfassunggebende Versammlung ein.
Wer im Evin-Gefängnis sitzt und trotzdem den westlichen Militärschlag ablehnt, tut das nicht aus Liebe zum Mullah-Regime. Er tut es, weil er die Konsequenzen eines erzwungenen Systemsturzes realistischer einschätzt als die Jubilanten in der Diaspora oder in westlichen Redaktionsstuben.
Der iranische Nationalismus
Es wäre ein Fehler, den iranischen Nationalismus zu unterschätzen. Viele Accounts in den Sozialen Medien, die bis zum 13. Juni 2025 die Mullahs kritisierten, zeigten danach die Nationalflagge. Der frühere Fußballstar und Regimekritiker Ali Daei sagte: „Ich möchte lieber sterben, als ein Verräter zu werden.“ Selbst Zahra Rahnavard, die Ehefrau des bei den Wahlen 2009 unterlegenen Reformkandidaten Mussawi, die unter Hausarrest steht, verurteilte die israelischen Angriffe im Jahr 2025 scharf als Verletzung aller internationalen Regeln.
Dies verdeutlicht ein strukturelles Problem der westlichen Regime-Change-Kalkulation: Fremde Bomben führen nicht zu einer Demokratisierung, sondern zu nationaler Solidarität – selbst mit einem Regime, das man hasst. Diese Logik ist aus dem Irak, Afghanistan und Libyen bekannt. Wer von außen kommt und Zerstörung bringt, der eint das Land gegen sich. Die US-israelischen Angriffe im Juni des vergangenen Jahres und in den letzten Tagen haben das iranische Regime nicht gestürzt, sondern ihm – trotz militärischer Verluste – eine innenpolitische Verschnaufpause verschafft.
Hinzu kommt, dass der Iran eine weitgehend urbanisierte und gebildete Gesellschaft ist. 80 Prozent der Bevölkerung leben in Städten, darunter viele junge Menschen, insbesondere Frauen, die studieren. Aufgrund der schweren wirtschaftlichen Lage hat die Islamische Republik massiv an Legitimität verloren. Ein Legitimitätsverlust bedeutet jedoch nicht automatisch einen Zusammenbruch, und ein Zusammenbruch bedeutet nicht automatisch eine Demokratisierung. Im westlichen Diskurs werden diese drei Schritte jedoch systematisch in einen einzigen zusammengezogen.
Der Nahe Osten und die Logik des Despotismus-Pakts
Hier beginnt das eigentlich Unangenehmste. Selbst wer alle vorangegangenen Argumente beiseiteschiebt, stößt auf eine geopolitische Realität, die sich nicht wegdiskutieren lässt – und die Netanjahu selbst, unfreiwillig ehrlich, benannt hat.
In einem Interview ließ der israelische Regierungschef Netanjahu durchblicken, was er unter einem neuen Iran versteht: nicht zwingend eine Demokratie, sondern ein autoritäres Regime, das Frieden mit Israel schließt. Eine iranische Demokratie, deren Bevölkerung antiisraelisch eingestellt ist, wäre für Tel Aviv keine Verbesserung, sondern eine Bedrohung. Die unausgesprochene Logik lautet: „Ein autoritäres Regime, das kooperiert, ist einer Demokratie, die opponiert, strategisch vorzuziehen“.
Dieses Muster gilt für die gesamte Region. Die arabisch-islamische Welt um den Iran herum besteht fast ausnahmslos aus autoritären Systemen: Emirate, Königreiche, Militärregime. Ihre Eliten kooperieren mit dem Westen, unterzeichnen Abraham-Abkommen und normalisieren Beziehungen zu Israel. Und ihre Bevölkerungen? Diese sind mehrheitlich pro-palästinensisch eingestellt und würden bei freien Wahlen mit hoher Wahrscheinlichkeit Parteien an die Macht bringen, die das Gegenteil der außenpolitischen Linie ihrer Regierungen vertreten. Die Arabische Liga blieb beim Gazakrieg weitgehend passiv – nicht, weil die arabische Welt gleichgültig wäre, sondern weil die Eliten ihre Beziehungen zu Israel und den USA nicht gefährden wollten.
Das Muster wurde in Ägypten exemplarisch vorgeführt. Als nach dem Arabischen Frühling tatsächlich freie Wahlen stattfanden, siegte Mursi von der Muslimbruderschaft. Der Volkswille hatte gesprochen – und das Ergebnis war eine außenpolitische Kurskorrektur weg von Israel. Der Westen war konsterniert. Das Militär putschte. Al-Sisi übernahm. Die Ordnung war wiederhergestellt. Die daraus gezogene Lehre: Demokratie im Nahen Osten produziert antiisraelische Mehrheiten. Netanjahu hat dies in aller Deutlichkeit formuliert: Was für Ägypten gilt, gilt auch für den Iran.
Israel verwandelt sich dabei Schritt für Schritt in das, was der Journalist Akram Belkaïd treffend als das „Sparta des Nahen Ostens“ bezeichnet: einen Staat, der allein auf militärische Stärke und die Bereitschaft zur Eskalation setzt, der sich an keine internationalen Regeln mehr gebunden fühlt und der die diplomatischen Bemühungen seines wichtigsten Verbündeten – der USA – offen unterläuft, wenn sie den eigenen Ambitionen im Weg stehen. Am 22. Juni griffen die USA schließlich mit strategischen Bombern in den Krieg ein, nachdem Netanjahu die Verbündeten in eine direkte Konfrontation mit dem Iran gezwungen hatte. So auch wieder im Februar 2026.
Regime Change als Destabilisierungsinstrument
Die Geschichte der westlichen Regime-Change-Politik ist eine Geschichte des Scheiterns. Afghanistan: Die Politik wurde ethnisiert, sodass sich die Taliban als allgemeine Opposition aufbauen konnten. Irak: Der Sturz Saddams erzeugte kein demokratisches Vakuum, das sich demokratisch füllte. Libyen: Gaddafis Ende besiegelte den Beginn eines Dauerbürgerkriegs. Und nun der Iran: Der schnelle militärische Erfolg Israels offenbarte, dass die Bedrohung durch den Iran übertrieben worden war – Irans Rüstungsausgaben entsprachen 2024 je nach Quelle nur noch 14 bis 30 Prozent des israelischen Militärbudgets. Aber mögliche militärische Unterlegenheit ist nicht dasselbe wie politischer Zusammenbruch.
Das Ziel, Irans Fähigkeiten zum Bau einer Atombombe mittelfristig zu zerstören, kann durch Bombardements kaum erreicht werden. Die Bomben haben zwar Anlagen zerstört, aber nicht das Wissen und die vorhandenen Vorräte an angereichertem Uran. Nur ein internationaler Kontrollmechanismus könnte das bewirken – genau diesen Weg hat Netanjahu jedoch 2018 durch die Torpedierung des Atomabkommens blockiert, und das mitten in laufenden Neuverhandlungen. Der ehemalige IAEO-Direktor El-Baradei formulierte es präzise: Auf Gewalt statt auf Verhandlungen zu setzen, ist das sicherste Mittel, den Nichtverbreitungsvertrag zu zerstören – und eine klare Botschaft an viele Staaten, dass ihre Sicherheit letztlich darin besteht, selbst Atomwaffen zu entwickeln.
Demokratie-Rhetorik als ideologisches Instrument
George Kennan hat das westliche Denkmuster in einem Satz beschrieben, der nichts von seiner Schärfe verloren hat: „Nichts ist so egozentrisch wie eine kampfbereite Demokratie. Sie geht an ihrer eigenen Propaganda zugrunde. Sodann stellt sie ihr Anliegen gern als absoluten Wert dar und verzerrt dadurch ihren Blick auf alles andere. Ihr Feind wird zur Inkarnation des Bösen, das eigene Lager dagegen zum Inbegriff des Guten. Der Konfrontation wird eine finale, eine apokalyptische Qualität zugeschrieben. Wenn wir verlieren, ist alles verloren, das Leben ist nicht mehr lebenswert, nichts ist mehr zu retten. Wenn wir gewinnen, wird alles möglich, werden alle unsere Probleme lösbar sein.“
Dieses Muster ist im Iran-Diskurs in Reinkultur zu beobachten. Das Mullah-Regime wird – teilweise zu Recht – als Unrechtssystem beschrieben. Daraus wird – zu Unrecht – geschlossen, dass jede Alternative besser sei. Und daraus wird – politisch fahrlässig – abgeleitet, dass westliche und israelische Unterstützung für einen Regimesturz ein demokratisches Gut sei. Dabei blendet diese Logik systematisch drei Fragen aus: Was kommt nach dem Regime? Wer hat die Macht, eine neue Ordnung zu errichten? Und: Liegt ein demokratisches Nachfolgesystem im strategischen Interesse derer, die es propagieren?
Die ehrliche Antwort auf die dritte Frage lautet: Nein. Israel hat kein Interesse an einem demokratisch regierten Iran, dessen Bevölkerung antiisraelisch eingestellt ist. Die USA haben kein Interesse an einem Iran, der seine Ölpolitik nach Volksmeinung ausrichtet. Saudi-Arabien und die VAE haben kein Interesse an einem demokratischen Nachbarn, der ihre eigene Legitimität durch Kontrast delegitimiert. Das Freiheitsversprechen ist ein Exportartikel – verpackt für westliche Abnehmer, produziert für andere Zwecke.
Drei Wahrheiten, die der Diskurs verdrängt
Der Iran-Diskurs im Westen ist moralisiert, weil er politisch bequemer ist als eine reale Analyse. Er erlaubt es, Partei zu ergreifen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Er produziert Heldenerzählungen, keine Staatstheorien. Wer den Diskurs ernster nimmt als ein Freiheitsbekenntnis, dem seien drei Wahrheiten genannt, die dieser Diskurs systematisch verdrängt.
Erstens: Eine Pahlavi-Restauration wäre keine Demokratisierung, sondern der Wechsel von einer Theokratie zu einer Monarchie – mit günstigem Vorzeichen für die westliche Energiepolitik und die israelischen Sicherheitsinteressen. Netanjahu selbst hat es angedeutet: Ihm ist ein kooperatives autoritäres Regime lieber als eine feindliche Demokratie. Der Angriff mit dem Symbolnamen „Rising Lion“ macht das unmissverständlich klar. Die Freiheitsrhetorik ist Fassade.
Zweitens wäre eine demokratisierte arabisch-islamische Welt in ihrer jetzigen geopolitischen Konfiguration für Israel und den Westen gefährlicher als die bestehende Ordnung. Das Ägypten-Modell gilt: Volksmehrheiten im Nahen Osten sind antiisraelisch eingestellt und Demokratien bilden diese Mehrheiten ab. Der Despotismus-Pakt funktioniert – das ist ein Konstruktionsmerkmal.
Drittens lehnen selbst die iranischen Demokraten, die im Gefängnis sitzen, den Weg der Bomben ab. Wer den Sturz eines Regimes durch Fremdaggression anstrebt, riskiert nicht Demokratie, sondern Anarchie – und gibt dem Regime obendrein den Vorwand für neue Repression. Die einzige glaubwürdige Demokratisierung käme von innen, getragen von einer verfassunggebenden Versammlung, nicht von bunkerbrechenden Bomben und Kronprinzen im Exil.
Der Westen exportiert Demokratierhetorik in Regionen, in denen er strategisch auf Despotismus setzt. Israel entwickelt sich zum Sparta des Nahen Ostens – einem Staat, der Verhandlungen als Schwäche begreift und militärische Dominanz als Dauerzustand anstrebt. Und der Iran? Er bleibt zerrissen zwischen Regimemüdigkeit und nationalem Stolz, zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Widerstand gegen Fremdbestimmung. Dieser Widerspruch lässt sich nicht wegbomben. Er muss von den Iranern selbst aufgelöst werden – falls man ihnen je die Gelegenheit dazu lässt.



Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!