Nottingham. – Im britischen Nottingham erschütterte im Juni 2023 ein dreifacher Mord das ganze Land. Nun brachte eine öffentliche Untersuchung brisante Details ans Licht: Der spätere Täter, Valdo Calocane, war bereits Jahre vor den tödlichen Angriffen durch massive Gewaltausbrüche aufgefallen – und dennoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Dabei habe laut Anhörung die Sorge vor einer „Überrepräsentation“ junger schwarzer Männer in Haft eine zentrale Rolle gespielt, wie The London Times berichtet.
Entlassung trotz psychotischen Gewaltausbruchs
Wie die Untersuchung ergab, wurde Calocane im Mai 2020 erstmals akut psychiatrisch auffällig. Damals versuchte er, die Tür einer Nachbarin einzutreten. Zuvor war er bereits wegen Sachbeschädigung festgenommen worden, nachdem er eine andere Haustür attackiert hatte. Während einer psychiatrischen Begutachtung gab er an, die Schreie seiner Mutter gehört und geglaubt zu haben, sie werde vergewaltigt.
Zunächst hätten Fachärzte erwogen, ihn zwangseinweisen zu lassen. Eine Medizinerin tendierte demnach zu einer Unterbringung, da es sich um seine erste dokumentierte Psychose handelte und nur wenige Erkenntnisse über sein Gefahrenpotenzial vorlagen. Dennoch habe sich das Team letztlich gegen diese Maßnahme entschieden. Laut der Untersuchung sei die Entscheidung auch deshalb gefallen, weil das Team von Experten Forschungsergebnisse berücksichtigt habe, die eine Überrepräsentation junger schwarzer Männer in Gewahrsam zeigten. Anstelle einer Unterbringung wurde schließlich die am wenigsten einschränkende Lösung gewählt. Calocane stimmte einer Behandlung zu Hause sowie der Einnahme von Medikamenten zu und wurde daraufhin entlassen.
40 Minuten später eskaliert die Gewalt
Nur 40 Minuten nach seiner Freilassung begann Calocane erneut, gegen die Tür einer weiteren Nachbarin zu treten. Die Frau war allein in ihrer Wohnung und so verängstigt, dass sie aus dem Fenster ihrer im ersten Stock liegenden Wohnung sprang und sich dabei schwere Verletzungen an der Wirbelsäule zuzog, wie die leitende Untersuchungsanwältin Rachel Langdale schilderte.
Trotz der schweren Verletzungen der Frau wurde Calocane nicht angeklagt. Die Polizei habe den Vorfall als „nicht ermitteltes Delikt“ eingestuft, nachdem ein Psychiater erklärt hatte, der Beschuldigte sei „nicht schuldfähig“. Langdale stellte die Frage in den Raum, weshalb die Polizei die ärztliche Einschätzung als „letztes Wort in der Angelegenheit“ akzeptiert habe. Ein anderer Beamter vermerkte, dass Calocane „zu krank“ sei, um wegen der ursprünglichen Sachbeschädigung angeklagt zu werden.
In der Folge wurde Calocane insgesamt viermal psychiatrisch untergebracht. Mitarbeitern des Nottinghamshire Healthcare NHS Foundation Trust wurde angeordnet, seine Wohnung nur zu zweit aufzusuchen und die Fluchtwege im Blick zu behalten, da er als hochgefährlich galt. Ein Arzt warnte sogar, er könne jemanden töten. Dennoch wurde Calocane Ende 2022 aus der Behandlung entlassen, obwohl er die Einnahme seiner Medikamente verweigerte und nur unzureichend mit dem Fachpersonal kooperierte. Laut Langdale wurde seine „Abneigung gegenüber Medikamenten“ höher gewichtet als deren Nutzen für das Risikomanagement.
Radikalisierung und Vorbereitung der Taten
Ausgewertete Telefondaten, die nach den tödlichen Angriffen erhoben wurden, ergaben, dass sich Calocane intensiv mit internationalen Amokläufen, darunter Massenschießereien in Buffalo im US-Bundesstaat New York sowie in Neuseeland, beschäftigte. Zudem studierte er Dokumente zu Polizeibefugnissen und zum Einsatz von am Körper getragenen Kameras. Auf seinem Gerät fanden sich auch Berichte über das Schulmassaker von Dunblane im Jahr 1996 sowie Analysen zur Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge.
In den frühen Morgenstunden des 13. Juni 2023 wartete Calocane im Schutz der Dunkelheit, bevor er gegen 4 Uhr die beiden 19-jährigen Studenten Grace O’Malley-Kumar und Barnaby Webber auf ihrem Heimweg von einem Nachtclub angriff. Er trug einen Rucksack bei sich, in dem sich unter anderem ein Böker-Dolch, ein Überlebensmesser, ein weiteres Messer und eine Metallstange befanden. Webber wurde mit „brutaler Grausamkeit“ attackiert. O’Malley-Kumar versuchte instinktiv, einzugreifen und ihren Freund zu schützen.
Langdale schilderte weiter, Calocane sei zu Webber zurückgekehrt: „Er kehrte zu dem unerbittlichen Angriff auf ihn zurück. Obwohl schwer verwundet, zeigte Barney große Standhaftigkeit und versuchte, ihn durch Tritte gegen seine Beine abzuwehren. Grace ging erneut auf sie zu, doch ihre Verletzungen waren zu schwer, und sie brach zusammen.“
Um 4.03 Uhr ging der erste Notruf ein. Rund eine Stunde später erstach Calocane den 65-jährigen Ian Coates auf dessen Weg zur Arbeit. Zuvor hatte er seinen Bruder angerufen und ihn aufgefordert, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Anschließend fuhr er mit einem Lieferwagen drei weitere Menschen an, die schwer verletzt überlebten.
Familien klagen über „Versagen und Schweigen“
Angesichts einer Reihe verpasster Gelegenheiten zur Verhinderung der Taten hatte Premierminister Keir Starmer im vergangenen Jahr die öffentliche Untersuchung angekündigt. Die Angehörigen der Opfer erklärten vor Beginn der Anhörungen, sie seien zu lange mit „Versagen und Schweigen“ konfrontiert gewesen. Die Untersuchung sei ein „entscheidender Wendepunkt in unserem Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit“. Weiter heißt es in ihrer Stellungnahme: „Diese Untersuchung dient nicht nur dem Rückblick; sie soll auch diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die ihre Pflichten vernachlässigt haben.“ Die Untersuchung dauert an.


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